Bundeswehr

Wie viele Piercings braucht ein deutscher Soldat?

| Lesedauer: 3 Minuten

Tattoos und Piercings sorgen für Streit zwischen Soldaten und ihren Vorgesetzten. Der Verteidigungsminister plant neue Regeln. Kommt jetzt der Pflaster-Erlass?

Helmut Schmidt regte sich als erster darüber auf, dass seine Soldaten rumliefen wie die Jesusjünger, mit Latschen und wallenden Löwenmähnen. Das wirkte nicht nur schlampig, die Kameraden sollten doch zackig und flott aussehen. Das hätte auch gefährlich werden können – wenn der Helm nicht richtig sitzt auf der Matte.

Also gab der damalige Verteidigungsminister im Februar 1971 den berühmten Haarnetz-Erlass heraus. "Die Bundeswehr kann in ihrem Erscheinungsbild die Entwicklung des allgemeinen Geschmacks nicht unberücksichtigt lassen", hieß es darin.

Gegen die Beatles-Mode kam Schmidt damals nicht an, also überlegte er sich: Wenn die Kameraden ihr widerspenstiges Haupthaar im Dienst mit einem peinlichen Haarnetz bändigen müssen, gehen sie hoffentlich freiwillig zurück auf zwei Millimeter. Taten sie aber nicht.

Dafür spottete alle Welt über die "German Hair Force". Und schlimmer noch: Bundeswehrärzte diagnostizierten – als Folge mangelnder Belüftung und weniger häufigen Kämmens – vermehrt "verfettete und verklebte Haare, verschmutzte Bettwäsche", sogar von Parasitenbefall berichteten sie.

Pferdeschwänze, Zöpfe, Bart und Koteletten sind verboten

Schon ein Jahr später ließ Schmidt seine Jungs wieder beim Truppenfriseur antreten. Fortan dürfen männliche Soldatenhaare "bei aufrechter Kopfhaltung" weder Uniform- noch Hemdkragen berühren, Augen und Ohren müssen frei geschnitten sein. Diese Faustregel zum gepflegten Erscheinungsbild gilt heute noch.

In der aktuellen Zentralen Dienstvorschrift (ZDv) 10/5 zum "Leben in der militärischen Gemeinschaft", Nr. 103 heißt es weiter: "Modische Frisuren sind erlaubt; ausgenommen sind Frisuren, die in Farbe, Schnitt und Form besonders auffällig sind (z. B. Punkerfrisuren, Irokesenschnitte, grell gefärbte Haarsträhnen, Ornamentschnitte)." Pferdeschwänze und Zöpfe sind verboten, lange Bärte und Koteletten nur im Urlaub erlaubt.

Das Wort Piercing oder Tattoo taucht bisher in keiner Vorschrift auf, wohl aber auf den Kasernenhöfen, und das nicht zu selten. Nun schickt die Bundeswehr heute niemanden weg, der vielleicht etwas zu viel Metall im Körper, Tinte unter der Haut oder Nagel am Finger hat, schon gar keine jungen Leute, die freiwillig Deutschland dienen wollen.

Streit um Tätowierungen und Nasenringe

Trotzdem, so berichtet der Wehrbeauftragte, klagten Soldaten seit mehr als zehn Jahren über "Maßregelungen wegen angeblicher Verstöße gegen die Regelungen zum äußeren Erscheinungsbild". Immer wieder gebe es Streit zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, welche Haartracht, welchen Schmuck und welche Tätowierung denn nun zu einer Uniform passt - und welcher Nasenring vielleicht so groß ist, dass er sich am Gewehr verhaken könnte oder sonst wo.

Der amtierende Verteidigungsminister Thomas de Maizière will das jetzt auch regeln: Im Sommer 2013 soll es eine komplett neue ZDv geben, Titel: "Anzugordnung und äußeres Erscheinungsbild von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr". Um die vom Wehrbeauftragten kritisierte Unsicherheit schneller zu beenden, sollen aber noch in diesem Jahr genauere Bestimmungen zu der im Dienst sichtbaren Körperdekoration geben.

Den Haarnetz-Erlass will heute sicherlich niemand reaktivieren, niemand will unnötig Bürokratie produzieren, niemand will riskieren, dass wieder ein peinlicher Spitzname geboren wird. De Maizière könnte höchstens über einen Pflaster-Erlass nachdenken.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos
Beschreibung anzeigen