Arbeitsgericht

Betriebsrätin segelt mit Burnout – und wird gekündigt

Weil sie trotz Krankschreibung an einem Segeltörn teilnahm, wurde eine an Burnout leidende Betriebsratschefin entlassen. Ihre Ärztin hatte sie zu der Reise ermuntert.

Foto: picture-alliance / picture-alliance/chromorange

Weil sie krankgeschrieben an einem Segeltörn und einer Kinderfreizeit teilnahm, ist einer Betriebsratschefin im Raum Wuppertal fristlos gekündigt worden. Als der eigene Betriebsrat der Kündigung zustimmte, soll die Frau ihre Kollegen beleidigt und bedroht haben. Daraufhin wurde ihr ein weiteres Mal fristlos gekündigt, berichtete das Landesarbeitsgericht am Dienstag in Düsseldorf.

An diesem Donnerstag wird der Fall vor dem Gericht in zweiter Instanz verhandelt (Az.: 11 Sa 807/11).

Arbeitsunfähigkeit nur vorgetäuscht?

Nach Ansicht des Arbeitgebers belegen die Reisen, dass die Arbeitsunfähigkeit nur vorgetäuscht gewesen sei. Die Betriebsrätin sei außerdem Vorsitzende des Vereins, der die Reisen veranstaltet habe.

Die Betriebsrätin war wegen Burnouts zweieinhalb Monate krankgeschrieben. Ihre Ärztin habe sie zu den Reisen ermuntert, sie seien mit der Krankheit vereinbar, argumentiert die Frau. In erster Instanz hatte die Betriebsrätin gewonnen. Das Arbeitsgericht in Wuppertal erklärte die Kündigungen für unwirksam. Es sei nicht nachgewiesen, dass die Reisen der Genesung geschadet hätten.

Was die Beleidigungen angehe, sei die emotionale Ausnahmesituation der Klägerin zu berücksichtigen. Die angeblichen Bedrohungen hätten sich als nicht so gravierend erwiesen wie behauptet. Das Lagern von Pfefferspray im Betriebsratsbüro – was der Frau auch vorgeworfen wurde – rechtfertige keine fristlose Kündigung.

IG Metall fordert Anti-Stress-Verordnung

Die IG Metall macht sich unterdessen für eine Anti-Stress-Verordnung stark. Damit sollen Arbeitnehmer vor dem zunehmenden Psycho-Druck am Arbeitsplatz geschützt werden – und vor der neuen Volkskrankheit Burnout-Syndrom.

„Es geht darum, die Schutzbestimmungen bei psychischen Gefährdungen am Arbeitsplatz zu konkretisieren und verbindlich zu machen“, sagte Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, in Berlin.

Er forderte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zu Gesprächen auf, um die „eklatante Schutzlücke“ in diesem Bereich rasch zu schließen. „Die IG Metall ist zum Dialog mit allen Akteuren im Arbeitsschutz und den politisch Verantwortlichen bereit.“ Von der Leyen selbst hatte Ende November vergangenen Jahres angekündigt, sich um psychosoziale Prävention in der Arbeitswelt kümmern zu wollen.

Jährliche Behandlungskosten von rund 27 Milliarden Euro

Urban wies darauf hin, dass unterlassener Gesundheitsschutz sehr teuer werde. So beziffere das Statistische Bundesamt die jährlichen Behandlungskosten für psychische Erkrankungen mit rund 27 Milliarden Euro. Hinzu kämen Produktionsausfälle und Wertschöpfungsverluste in der Größenordnung von schätzungsweise 26 Milliarden Euro im Jahr.

„Gesunde“ Arbeitsplätze steigern nach Einschätzung von Urban die Attraktivität von Unternehmen im Wettbewerb um knappe Arbeitskräfte.

Beschränkt werden soll nach dem Willen der Gewerkschaft das „Arbeiten ohne Ende“ etwa bei Projektarbeiten. Viele Beschäftigte würden von einem Projekt in das nächste gehetzt, wobei sich die Projektlaufzeiten überlappten. Gerade bei diesen Beschäftigten häuften sich die psychischen Belastungen.

Der Gewerkschafter stellte klar, dass Verstöße gegen die geforderte Anti-Stress-Verordnung geahndet werden müssten – entweder mit Bußgeldern, notfalls auch mit strafrechtlichen Konsequenzen, etwa wegen Körperverletzung. Das am Dienstag präsentierte Jahrbuch 2012 der IG Metall beleuchtet das Thema „Zeitbombe Arbeitsstress“ auf fast 500 Seiten.