Kredit- und Anruf-Affäre

Der Fall Wulff - Das sagen unsere Leser

Seit Mitte Dezember steht der Bundespräsident unter Druck. Muss Christian Wulff gehen? Oder ist alles nicht so schlimm? Morgenpost Online veröffentlicht eine Auswahl der zahlreichen Leserbriefe, die die Redaktion täglich erreichen.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Berichterstattung über den 500.000-Euro-Hauskredit von Bundespräsident Christian Wulff, sein Umgang mit den Medien, besonders sein Drohanruf beim Chefredakteur der " Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, beschäftigen unsere Leser. Die Meinungen sind pointiert und geteilt. Auch das Fernseh-Interview des Staatsoberhaupts in ARD und ZDF polarisiert. Täglich erreichen zahlreiche Zuschriften dazu die Berliner Morgenpost. Eine Auswahl:

Es war sehr schwer, das TV-Interview mit dem Bundespräsidenten zu ertragen. Seine Antworten und Erklärungen haben gezeigt, dass er nichts von all den Vorwürfen und Einschätzungen der Bundesbürger, Experten und Politiker verstanden hat. Seine verkümmerten Schlüsselqualifikationen wie Ehrlichkeit, Offenheit, Geradlinigkeit, seine sehr eingeschränkte selbstkritische Problemsicht und seine innere Wertestruktur machen es unmöglich, ihn als moralische Instanz und Bundespräsident Deutschlands weiter gewähren zu lassen. Die ihn jetzt aus rein praktikablen Gründen im Amt halten, sind mitschuldig an der weiteren Beschädigung dieses hohen Amtes und an der Politikverdrossenheit der Bundesbürger. Manfred Helm, per E-Mail

Eine derart von Intrigen und Bösartigkeiten geführte Kampagne im Lichte der Öffentlichkeit durch Gegner aus Wirtschaft, Politik und Medien, die vor persönlicher Würde nicht haltmachen, hat Wulff nicht und auch niemand anderes verdient. Pressefreiheit, Transparenz und Demokratieverständnis dürfen nicht für inquisitorische Fragestellungen, Vorverurteilungen und Missachtung von Menschenwürde und persönlichem Schutz der Privatsphäre herhalten. Friedjung Weicker, per E-Mail

Was hat Wulff in dem Interview wirklich erklärt und geklärt? Ich habe einen Politiker erlebt, der in grenzenlosem Selbstmitleid zergehend mit aller Gewalt an seinem Amt klebt. Er ist eben ein Politiker, kein Staatsmann. Seine Weigerung, den Wortlaut des ominösen Telefonates an Herrn Diekmann zu veröffentlichen, deutet darauf hin, dass der tatsächliche Inhalt doch ein anderer war, als im Interview dargestellt. Wenn das so wäre, hätte der Bundespräsident sein Volk belogen. Transparenz sieht anders aus! Thomas Müller, Steglitz-Zehlendorf

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es in unserem Land eine Situation geben mag, in der man der „Bild“-Zeitung mehr Glauben schenken möchte als dem Bundespräsidenten. Holger Blaskowski, per E-Mail

Das war eine Inquisition. Der Bundespräsident stellte sich den Fragen und Vorwürfen von zwei Journalisten und zeigte sich demütig und entschuldigend. Das war beschämend und würdelos. Mit diesem Weg in die Öffentlichkeit zu gehen, war er falsch beraten. Sicherlich ist auch der höchste Vertreter des Staates nur ein Mensch wie jeder andere auch, doch dieses Amt ist als solches nun derartig beschädigt worden, dass Wulff nur noch eines übrig bleibt: der fällige Rücktritt. Wer sich wie er durch die Medien derartig vorführen lässt, hat an Vertrauen und Ansehen verloren. Diese Funktion, auf welche die ganze Welt schaut, bedarf einer neuen Persönlichkeit, die Deutschland würdiger als der jetzige Amtsinhaber vertreten kann. Wolfgang Pickert, per E-Mail

Wulff ist ein schräger Vogel und wohl der erste Bundespräsident, der Privates nicht von Öffentlichem zu trennen weiß. Wer sich und seine privaten Ambitionen den Journalisten öffnet, wenn es für ihn günstig scheint, muss auch damit rechnen, dass das Interesse bei weniger beliebten Fragen nicht nachlässt. Die jüngsten Antworten des Bundespräsidenten waren ausweichend oder irreführend. Wenn er von Verantwortung sprach, wurde er passiv oder unpersönlich. Dann stellt er sogar Gegenfragen, als ob nicht er, sondern die TV-Reporter sich rechtfertigen müssten. Tatiana Schmidt dos Santos, Dahlem

Alle vorgebrachten Anklagen, Beschuldigungen und Unterstellungen gegen den Bundespräsidenten sollen in Wirklichkeit die Kanzlerin schwächen. Ich finde, es ist eine Schande für unser Volk, dass mit einem Staatsmann und Menschen wie Wulff so umgegangen werden kann. Ella Neubüser, per E-Mail

Wenn der Bundespräsident eine Veröffentlichung vom Anrufprotokoll auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs ablehnt, hat er etwas zu verbergen, und sein Gerede von „Transparenz“ und „Pressefreiheit“ ist nichts weiter als eine leere Worthülse. Eine Frage wird auf jeden Fall in diesem Zusammenhang in den nächsten Tagen zu beantworten sein: Wer hat gelogen – die „Bild“-Zeitung oder der Bundespräsident? Albert Alten, per E-Mail

Bundespräsident Wulff wollte mit seinem Anruf bei der „Bild“-Zeitung erreichen, dass der Artikel mit den Nachforschungen nicht veröffentlicht wird. Wenn es wirklich so ist, wie er sagt, dass nur eine Verschiebung von wenigen Tagen von ihm erbeten wurde, was hat er dann gegen die Veröffentlichung des Anrufs? Wenn er dies nicht zulässt, wird weiter der Verdacht bestehen, dass er die Zeitung unter Druck setzen wollte. Reiner Baehr, per E-Mail

Haben wir keine anderen Sorgen in diesem Land. Herr Wulff ist kein Schwerverbrecher, hat auch keinem etwas getan, hat sicherlich nicht richtig reagiert, was er ja auch bestätigt. Muss man ihn nun öffentlich an den Pranger stellen? Claudia Stahl, per E-Mail

Die Deutschen hatten bisher immer ein gutes Verhältnis zu ihrem Staatsoberhaupt und seiner Funktion als unabhängige Instanz auch gegenüber den Parteien. Auch wenn manche Parteien sich hinter ihn stellen und sagen, er habe „wieder Vertrauen aufgebaut“, spricht das nicht für Wulff, sondern gegen die Auffassung von Vertrauen dieser Parteien. Wulff kann sich nicht mehr als moralische Institution mit erhobenem Zeigefinger vor die Parteien stellen und Lauterkeit anmahnen, ohne Spott und Hohn zu ernten. Alfons Geissler, per E-Mail

Diese konzertierte Aktion des geballten Mobbing gegen den Bundespräsidenten nimmt groteske Züge an. Presse und scheinheilige Oppositionspolitiker fallen über ihn her und karten nach ohne Ende. Ein Mann, der keine Straftat begangen hat, wird fertiggemacht. Detlef Pezenburg, per E-Mail

Wenn Christian Wulff Bundespräsident bleibt, können Eltern ihren Kindern und Lehrer ihren Schülern Begriffe wie Ehrlichkeit und Moral nicht mehr vermitteln. Denn wenn nicht mal der „König von Deutschland“ aus dem Schloss muss, wenn er beim Lügen und „Mitnehmen, was geht“ erwischt wird, warum sollen alle anderen dann besser sein? Andreas Tzschacksch, per E-Mail

Von Kolleginnen der eigenen Partei wird Wulff als Witzfigur bezeichnet. In seinem TV-Auftritt geriert er sich als Heulboje und unbedarftes Landei. Deutschland gibt sich der Lächerlichkeit preis, wenn Wulff Bundespräsident bleibt. Dr. Jörg Deutscher, per E-Mail

Christian Wulff muss weg, nicht wegen dessen, was er getan hat, sondern wegen seiner Uneinsichtigkeit in dieser Sache. Der Schaden, der Deutschland von ihm zugefügt worden ist, zwingt zu schnellem Handeln. Ich möchte auf mein Land, meine Heimat und deren politische Führung stolz sein. Mit Wulff kann ich es nicht mehr. Konrad Hinz, per Fax

Die Finanzierung seines Einfamilienhauses mit Privatkrediten zu moderaten vier Prozent ist allein Sache der Wulffs und ihrer Freunde. Auch mit wem und bei wem die Wulffs ihren Urlaub verbringen. Der unbedachte, von Wulff inzwischen bereute Anruf beim „Bild“-Chefredakteur dagegen ist sicherlich eine Torheit ersten Ranges, die jedoch durch die ungehörige Medienhetze über die ureigenen Privatangelegenheiten der Wulffs ausgelöst wurde. Lasst endlich die Kirche im Dorf und unseren Bundespräsidenten seine bisherige beanstandungslose Arbeit in diesem Amt fortsetzen. Martin Gewies, Frohnau

Wulff will nicht begreifen, welch hohe Anforderungen an einen Präsidenten gestellt werden müssen. Er hat sich durch sein Tun und früheres Verhalten als Ministerpräsident und jetzt durch sein wochenlanges Taktiererei ins Zwielicht gesetzt – und daraus konnte er sich nicht mehr befreien. Lothar Gosten, Grunewald

Die mediale Treibjagd auf den Bundespräsidenten erreicht in diesen Tagen einen Höhepunkt. Auch eher konservative Medien, die sich bisher zurückhaltend und abwägend geäußert haben, beteiligen sich daran. Geht es wirklich nur um den Zinsvorteil? Egal, wie man seine Verfehlungen und den ungeschickten Umgang damit einschätzt, sollte sich der kritische Beobachter fragen, wer von seinem möglichen Rücktritt profitiert. Hans-Jochim Junge, per E-Mail

Das Mediengegeifer um den Bundespräsidenten ist nicht mehr zu ertragen. Das Zurschaustellen bei Herrn Deppendorf und Frau Schausten fand ich entwürdigend. Luzie Hillel, per E-Mail

Auch in der gestrigen Ausgabe der Morgenpost erneut zwei Seiten über ein Thema, das der Normalbürger nicht mehr lesen will. In einem Rechtsstaat besteht Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil gerichtlich festgestellt wurde. Michael Westerkowski, per E-Mail

Deutschland erlebt eine große Lehrstunde in Mobbing. W. Wöffler, per E-Mail

Als 83-jähriger Bürger der Bundesrepublik Deutschland habe ich bisher keine derartige penetrante Verfolgung durch Medien, Politiker und Talkmaster bis hinein in die Intimsphäre des Privatlebens erlebt wie jetzt bei dem Bundespräsidenten. Dies empfinde ich als einen Missstand, der dem verfassungsrechtlichen Stellenwert des Persönlichkeitsschutzes nicht gerecht wird. Felix Zillien, per E-Mail

Herr Wulf gibt immer nur das zu, was man ihm am jeweiligen Tag nachweisen kann. Es ist und bleibt einfach unmöglich, dass ein Bundespräsident aufgrund seiner Macht versucht, die Pressefreiheit in diesem Land zu ignorieren. Gut, dass es Chefredakteure und Verleger gibt, die sich von Funktionen in der Politik nicht beeinflussen lassen. A. Panske, per E-Mail

Da gibt es tatsächlich führende Politiker, die in Interviews fordern, man möge das Amt des Bundespräsidenten nicht weiter beschädigen. Dieses Maß an kognitiver Verzerrung ist wirklich unglaublich. Der Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland hat im Dienst seiner offensichtlich ureigenen Prinzipien, den spürbaren, allgemein vorhandenen Werteverfall nunmehr hoffähig gemacht. Jürgen Schultze, per E-Mail

Bundespräsident Wulff hat Fehler gemacht. Das ist ganz klar. Die Opposition in Persona Gabriel, Nahles und Heil hat aber gar nicht die Absicht, den Bundespräsidenten zu stürzen. Ihr Ziel ist, über Wulff die Bundeskanzlerin und damit die Bundesregierung aus dem Amt zu jagen, um selbst wieder regieren zu können. Jürgen Stotzka, Velten

Ein sympathischer Bundespräsident, der während seiner Amtszeit wenig Akzente setzen konnte. Das Annehmen von Vergünstigungen – sicher auch für einen Ministerpräsident nicht rechtens – hätte die Mehrheit der Bevölkerung zumindest nachvollziehen können. Der Umgang mit der Affäre jedoch ist eines führenden Politikers nicht würdig. Drohungen an die kritische Presse ist dann noch die Krönung. Ein Rücktritt ist überfällig. Nicht nur das Amt des Bundespräsidenten hat enormen Schaden genommen, sondern auch die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung wird weiter wachsen. Es fehlen hier deutliche Worte der Kanzlerin und auch der Abgeordneten aller Fraktionen. Micha Sohn, Lichterfelde

Kein Mensch ist unfehlbar. Aber es haben mich einige Aussagen von Wulff enttäuscht. Offenbar hat er den Anruf bei der „Bild“-Zeitung heruntergespielt, denn es hieß nach dem Interview, dass er nicht um einen Tag Verschiebung gebeten, sondern eindeutig gedroht hat. Das heißt, er hat gelogen hat. Und: eine Person kann sich nicht entschuldigen, sie kann nur um Entschuldigung bitten. Schade, dass „verzogene Moral“ kein Straftatbestand ist. Gabi Liebegall, per E-Mail

Es herrscht in Deutschland eine Mediendiktatur. Die Medien bestimmen, wer gut oder böse ist, wer ein politisches Amt bekleiden darf und wer nicht, welche Partei gewählt werden sollte und welche nicht und welche Politiker in ihren Medien zu Wort kommen. Auch, wer sich zum Bundespräsidenten eignet und wer nicht. Gerd Krüger, per E-Mail

„Ich habe einen Politiker erlebt, der in grenzenlosem Selbstmitleid zergehend mit aller Gewalt an seinem Amt klebt“. Thomas Müller

„Lasst endlich die Kirche im Dorf und unseren Bundespräsidenten seine bisherige beanstandungslose Arbeit in diesem Amt fortsetzen.“ Martin Gewies