Neonazi-Morde

"Ermittler sind in eine Art Winterschlaf gefallen"

Der Zentralrat der Juden kritisiert die schleppenden Ermittlungen zur Neonazi-Mordserie. Das sei ein "Desaster", sagt Zentralratschef Graumann.

Foto: dpa

Bei der Aufklärung der Neonazi-Mordserie wirft der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, den Behörden Untätigkeit vor. Knapp zwei Monate nach Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle scheinen „die Ermittler in eine Art Winterschlaf gefallen zu sein“, kritisierte Graumann im „Tagesspiegel“. Die Sicherheitsbehörden hätten „schon ein ganzes Jahrzehnt gepennt, und noch immer tappen wir vollkommen im Dunkeln. Das ist ein Desaster“, sagte Graumann.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), rechnet nicht mit einer baldigen vollständigen Aufklärung der Taten des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). „So wie es aussieht, wird es wohl noch sehr lange dauern, bis feststeht, wie weit das Netzwerk der Gruppierung NSU reicht“, sagte der CDU-Politiker der Zeitung.

Man werde mit Mitarbeitern sprechen müssen, die gar nicht mehr im Dienst sind, um herauszufinden, ob das mörderische Treiben früher hätte entdeckt werden können.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) fordert Aufklärung darüber, ob es in diesem Zusammenhang Versäumnisse beim Verfassungsschutz gegeben hat. „Wir wollen wissen, ob die Behörden auf dem rechten Auge blind gewesen sind“, sagte er dem Blatt. Erst wenn darüber Gewissheit bestehe, könne angemessen über Konsequenzen diskutiert werden.

Die Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aus dem sächsischen Zwickau soll in den Jahren 2000 bis 2007 insgesamt zehn Menschen ermordet haben. Opfer waren Kleinunternehmer mit ausländischen Wurzeln sowie eine Polizistin. Der extremistische Hintergrund der Taten war von Verfassungsschutz und Polizei zunächst nicht erkannt worden. Die beiden Männer hatten sich Anfang November selbst getötet. Zschäpe sitzt in Untersuchungshaft.