Studienplatz für 1650 Euro

Eine Klage als einziger Weg zur Wunsch-Universität

Viele junge Leute gehen nach der Schule zum Anwalt, um an die Uni zu kommen. Das hat angesichts des Massenansturms auf die Hochschulen längst nichts Anrüchiges mehr.

Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Erst am Ende genügte Charme. „Ich habe einfach gelächelt und gelächelt und gelächelt“, erzählt Florian Filtzinger. Dem 23-Jährigen gegenüber, auf der anderen Seite des Schreibtischs, saß eine Dame, deren Souveränität ahnen ließ, dass sie ihren Job seit mindestens 100 Jahren machte: Zulassung zum Studium. „Kein Platz.“ Ihr Nein zu Filtzingers Bitte, im Fach Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin zugelassen zu werden, hatte etwas Endgültiges.

„Ich verzog aber keine Miene, ich lächelte einfach weiter und erklärte ihr, dass ihre Entscheidung mich ein Jahr meines Lebens kosten würde.“ Folgen ließ er eine Erörterung, wie sich das gewünschte Fach zum anderen – Sozial- und Kulturanthropologie – fügt und dass das eine ohne das andere weder Wert noch Sinn habe.

„Schließlich habe ich sie geknackt. ,Machen Sie aber was draus‘, hat sie mir noch nachgerufen.“ So kam der gebürtige Mainzer an sein Studienfach – sein zweites. Das erste ließ sich nicht erlächeln. Es kostete ihn einen Mexikourlaub. Florian Filtzinger hat sich eingeklagt.

Klage ist für viele einzige realistische Chance

Es gibt keine Statistik, wie viele für ihr Traumfach zum Anwalt gehen. Aber es werden jedes Jahr mehr. Das berichten übereinstimmend alle, die betroffen sind: die Universitäten, die Studenten, von denen jeder jemanden kennt, der es getan hat, und die gleichfalls zahlreicher werdende spezialisierte Anwaltszunft.

Es gibt Studiengänge wie Medizin an großen Universitäten, in die sich mehr als 1000 junge Menschen klagen wollen. Dieser Weg hat in Anbetracht des Massenansturms an die Unis und den hohen Schranken, die die Hochschulen mit dem Numerus clausus deshalb vor immer mehr Fächern errichten, seine Anrüchigkeit verloren.

Man muss sich nicht mehr hinten anstellen. Der Gang zum Anwalt ist eine echte Option geworden. Abgewartete Zeit ist schließlich auch Geld. Und für viele ist im deutschen System die Klage die einzige realistische Chance. Wie für Florian Filtzinger.

Wer keine Eins vor dem Komma hat, sieht alt aus

2007 machte er in Mainz sein Abitur. Schnitt 3,0, nicht prächtig, aber doch eine Hochschulzugangsberechtigung. In den kommenden vier Jahren hatte er vieles unternommen, sich an der Schauspielerei versucht, in der Gastronomie gejobbt, Touristen die Berliner Nacht erklärt.

Seinem Studienwunsch kam er dabei nur im Trippelschritt näher. „Die deutsche Abi-Elite zieht es ja nach Berlin, wer keine Eins vor dem Komma hat, sieht alt aus.“ Jedes halbe Jahr wird ein Abi-Schnitt um ein Zehntel besser gerechnet.

„Ich hätte nach acht Wartesemestern noch einmal drei Jahre warten müssen, um den Numerus clausus zu überwinden.“ In Filtzinger rumorte es. „Das NC-System hat mich nicht widergespiegelt. Ich wusste doch, ich kann und will dieses Fach studieren und ich würde es mit mehr Leidenschaft machen als manche, die mit guten Noten einfach reingekommen sind.“ Schließlich wandte er sich an Justus Wildner.

Wer in die Medizin will, muss mindestens 15 Unis verklagen

„Wir hatten in diesem Semester etwa 40 Fälle. Noch ist nicht alles entschieden, aber fast jeder hat einen Studienplatz bekommen“, sagt Wildner. Seit mehr als zehn Jahren ist seine Berliner Kanzlei auf Studienplatzklagen spezialisiert.

Fast alle Fälle endeten im Vergleich, ein Urteil wird selten gefällt, die Unis wollen ja nicht auf den Verfahrenskosten sitzen bleiben. Zahlen muss am Ende der Student. 1650 Euro hat Filtzinger bezahlt – er würde sagen investiert. „Das wäre mein Mexikourlaub gewesen.“

Mittlerweile, so Wildner, würden sich immer mehr junge Menschen auch in Orchideenfächer einklagen wie Kulturanthropologie. Zum einen gibt es auch hier mittlerweile Numerus-clausus-Schranken, zum anderen ist ein Versuch in vielen anderen Fächern aussichtslos.

„Wer in die Medizin will, der muss mindestens fünfzehn Unis verklagen, um vielleicht an einer reinzukommen“, sagt Wildner. Für sein Exotenfach aber machte er Filtzinger größte Hoffnungen.

Unis müssen beweisen, dass im Hörsaal kein Platz ist

Für Kläger gibt es nur ein Einfallstor, die Kapazitätsverordnung. Sie begründet sich mit Artikel 12 des Grundgesetzes: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ Der Gesetzgeber fordert deshalb von den Hochschulen, ihre Platzkapazitäten auszuschöpfen.

Deshalb stellen die Studenten am Beginn jedes Verfahrens einen Antrag auf Zulassung außerhalb der Kapazität. Das lehnt die Uni meist ab, weshalb ihr dann unterstellt wird, dass sie ihre Kapazitäten eben nicht ausschöpft.

Den Beweis müssen die Hochschulen erbringen – und sie können oder wollen das oft nicht. Die Berechnung ist kompliziert, langwierig. Hängt ein Studiengang an einem Laborplatz, ist der Nachweis einfacher, als wenn es nur um Hörsaal-Größen geht. Lieber winken die Unis Einzelne herein, als sich an die Berechnung zu machen.

70 Erstsemester sind angekündigt - 172 kommen

Florian Filtzinger war guter Dinge, dass es auch in seinem Fach klappen würde – bis zur Einführungsveranstaltung. Er besuchte sie, obwohl er noch gar nicht genommen war, aber er wollte im Fall des Falles ja nichts versäumt haben. „Von rund 70 Erstsemestern war bis dahin die Rede“, erzählt der Student.

„Doch dann saßen 172 Leute im Hörsaal, mir ist die Kinnlade runtergefallen. Ich war frustriert.“ Kein Zweifel, an Studenten mangelte es auch im Exotenfach Kulturanthropologie nicht. Doch den Nachweis, dass das Boot voll ist, trat die Uni trotzdem nicht an.

Den Brief der Anwälte der FU, in dem Filtzinger „endgültige Zulassung zum Studium der Sozial- und Kulturanthropologie“ gewährt wird, verunzieren noch immer gelbe Flecken. „Meine Mitbewohnerin und ich haben da wohl ein wenig Sekt drauf verschüttet.“

Klagen binden Zeit, Personal, Geld

Viele seiner Hochschullehrer hätten es nachvollziehbar gefunden, dass er sich von einem Anwalt helfen ließ, sagt Filtzinger. Ja, selbst Repräsentanten der Hochschulrektorenkonferenz äußern hinter vorgehaltener Hand Verständnis für die Studenten. Gleichwohl wächst sich das Ganze zum Problem aus. Die Prozesse binden Zeit, Personen und natürlich Geld.

Überhaupt würden sich die Hochschulen seit Langem wünschen, dass nicht die Länder die Regeln für die Kapazitäten festlegen, sondern sie selbst, in Form einer Zielvereinbarung. Die Unis argumentieren, dass der Gesetzgeber zu sehr an die Möchtegern-Studenten denkt und nicht die Bedürfnisse derjenigen im Blick hat, die schon da sind.

Anwalt Wildner sieht das anders: „Wir decken doch nur auf, dass es mehr Platz gibt, als die Unis angeben.“

Zweite Klagewelle für Master-Studiengänge

Wie bei einem Tsunami wird auf die erste in Kürze die zweite Klagewelle folgen. Denn es gibt noch eine Hürde: vor dem Masterstudium. Denn hier stehen Anspruch und Wirklichkeit offenbar prinzipiell in einem krassen Missverhältnis. Während mehr als 70 Prozent der Studenten angeben, nach dem Bachelor einen Master machen zu wollen, erachtet die Politik den ersten als den Regelabschluss und sähe es lieber, wenn nur etwa 30 Prozent den Master machten.

Neue Schranken werden errichtet, etwa ein NC, der sich an der Bachelor-Note orientiert. Erste Fälle landeten schon vor Gericht. Sie endeten oft mit dem Vorwurf der Richter an die Unis, ihre Zulassungsvoraussetzungen willkürlich gestaltet zu haben. Die Prozesswelle wird kommen, wenn die starken Jahrgänge, die gerade ihr Studium begonnen haben, Einlass in den Master fordern.

Bis dahin hat Florian Filtzinger noch mindestens drei Jahre Zeit. Sorgen macht er sich nicht, die Freude, endlich dort zu sein, wo er sich so lange hinwünschte, überwiegt alles andere. „Ich sitze immer noch mit einem Dauergrinsen in meinen Vorlesungen.“