Teutoburger Wald

Geplanter Nationalpark macht Prinzen zum Rebellen

Im Teutoburger Wald soll ein Nationalpark entstehen. Aber das Haus Lippe will seinen Wald dafür nicht zur Verfügung stellen.

Foto: Frank Schinski/Ostkreuz

Wir steigen hinauf zur Falkenburg. Es regnet und stürmt. Die Schuhe des Prinzen sind für dieses Gelände bei solchem Wetter eigentlich nicht geeignet. Aber wenn Stephan Prinz zur Lippe auf die Burg steigt, zieht er sich nicht extra um. Schließlich ist er hier zu Hause. Die Burg gehört ihm.

Sie ist zwar seit dem 15. Jahrhundert eine Ruine, aber trotzdem das Herzstück des fürstlichen Besitzes. Frei schweift von hier der Blick über die Hügel des Teutoburger Waldes. Von fern grüßt Hermann der Cherusker mit seinem gen Himmel gereckten sieben Meter langen Schwert.

Hier in den Wäldern soll er mit seinen vereinigten germanischen Kriegern die römischen Legionen des Varus vernichtend geschlagen haben. Das ist wissenschaftlich widerlegt. Als nationaler Mythos hielt sich die Geschichte lange. Und heute gehört das Hermannsdenkmal neben den Externsteinen und der Adlerwarte Berlebeck immer noch zur touristischen Grundausstattung der Region.

Buchen im Teutoburger Wald sind für Naturschutz ein Schatz

Der Naturpark Teutoburger Wald ist durchaus überschaubar, zumal von der Falkenburg aus, mit der 1200 Jahre nach Arminius die Vorfahren des Prinzen die lippische Herrschaft begründeten. Nun soll aus dem Naturpark ein Nationalpark werden. In seinem Zentrum lägen 1700 Hektar fürstlichen Familienbesitzes. Stephan Prinz zur Lippe verweigert sich dem Plan. Seine Flächen stünden für den Nationalpark nicht zur Verfügung, sagt er. Punctum.

Der Wald, den man von der Falkenburg aus sieht, ist ein Buchenwald. Im Winter ist er nicht besonders ansehnlich. Das Auge saugt sich an den ins Graubraune eingesprengten grünen Fichteninseln fest. Man darf sich in Naturschutzfragen aber nicht von vordergründigen ästhetischen Erwägungen leiten lassen.

Aus Sicht des Naturschutzes sind die Buchen ein Schatz. Die Fichten gehören weg. In Deutschland gilt das Dogma, dass der Buchenwald die natürliche Waldform der Mittelgebirge sei. Die Buchen des Prinzen wurden vor 160 Jahren von dessen Ururgroßvater gepflanzt.

Holzindustrie ist wirtschaftliche Basis der lippischen Familie

Die lippischen Herren mochten die schnell wachsenden preußischen Fichten nicht so gern. Sie dachten in längeren Umtriebszeiten. Jetzt sind die Buchen ein Vermögen wert und die wirtschaftliche Basis der lippischen Familie. Um den Teutoburger Wald herum konzentriert sich die Holz- und Möbelindustrie.

Die Buchen stellen aber auch ein Naturerbe dar, auf dessen Erhaltung die Allgemeinheit Anspruch hat. Naturschützer sehen in jeder lebenden Buche vor allem eine künftig tote Buche, eine Baumleiche, die zum Ursprung vielfältigen neuen Lebens wird. Sie möchten, dass der Buchenforst sich zu einem Urwald entwickle. Das nennt man Prozessschutz. Im Nationalpark überlässt man die Natur sich selbst. Jedenfalls weitgehend.

Aber nicht überall. Und überhaupt, es gibt immer Ausnahmen, lokale Besonderheiten, konkurrierende Rechtsgüter. Und damit sind wir mittendrin im Kuddelmuddel um den Nationalpark Teutoburger Wald/Eggegebirge, der bislang nur als planerische „Kulisse“ existiert, Unmengen von Gutachterschweiß gekostet hat, die Bevölkerung spaltet, die CDU in schwere Nöte bringt, den Ehrgeiz der rot-grünen Landesregierung in Düsseldorf kitzelt und die fürstliche Residenz im Herzen Detmolds, ein schmuckes Renaissanceschloss, zur Rebellen-Hochburg macht.

Zusagen des Umweltministeriums gelten dem Prinzen nicht genug

Das Umweltministerium in Düsseldorf sagt, der Prinz sei gar nicht betroffen. Nach den Planungen falle sein Besitz nicht unter den Prozessschutz, sondern werde als „Managementzone“ ausgewiesen. Er könne also wie bisher auf seinem Grundeigentum Forstwirtschaft betreiben.

Man wolle zwar im Einvernehmen mit dem Prinzen handeln. Aber wenn der sich grundsätzlich verweigere, könne der Nationalpark auch ohne seine Zustimmung ausgewiesen werden. Es bestehe weiterhin Gesprächsbereitschaft. Man suche nach einem Weg, sagt ein Sprecher, den Garantien für den Prinzen eine rechtsverbindliche Form zu geben.

Das ist dem Prinzen zu wenig. Rechtsgrundlage für einen Nationalpark sei das Bundesnaturschutzgesetz, sagt er. Das verlange, dass die Fläche eines Nationalparks weitgehend unzerschnitten sei. Es wäre widersinnig, die Kernzone eines Nationalparks, und das sei in diesem Fall sein Wald, aus dem Schutzregiment herauszunehmen.

Ein Blick auf die Karte lässt auch jeden Laien erkennen, dass der Nationalpark Teutoburger Wald ohne den lippischen Besitz ein kurioses Gebilde wäre. Er zerfiele in zwei Teile, die vollständig voneinander getrennt wären. In der Mitte würde weiter gewirtschaftet werden wie bisher, während der „Urwald“ bis an die Bebauungsgrenze reicht. Totalschutz gleich hinterm Gartenzaun, während im Kerngebiet die Motorsägen röhren?

Naturschutzverband kann politische Zusagen ausräumen

Stephan Prinz zur Lippe hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das zum Ergebnis kommt, dass eine solche Nationalpark-Planung gegen den Nationalpark-Paragrafen des Bundesnaturschutzgesetzes verstieße. Seine Furcht: Wie immer die politischen Zusagen lauten, die ihm gegeben werden, sie können von jedem Naturschutzverband auf dem Wege der Verbandsklage einkassiert werden.

Darauf will er sich keinesfalls einlassen. Er sagt: „Wenn unsere Flächen in den geplanten Nationalpark einbezogen werden, unterliegen sie damit ohne Weiteres den diesbezüglichen Beschränkungen des Bundesnaturschutzgesetzes. Alle Versuche, dies anders darzustellen, sind reine Taschenspielertricks.“

Sollte es zur Ausweisung eines Nationalparks unter Einbeziehung seiner Flächen kommen, werde er vor Gericht ziehen, kündigt er an. Es könnte also noch sehr lange dauern, bis klar ist, was in diesem Spiel Trick und was politische Substanz ist.

Landrat setzt auf Nationalpark als strategischen Posten

Eine Schlüsselfigur des Spiels ist Landrat Friedel Heuwinkel. Er ist direkt gewählt, gehört der CDU an und stützt sich im Kreistag auf eine schwarz-grüne Mehrheit. Heuwinkel treibt das Nationalpark-Projekt seit Jahren voran. Der Landkreis Lippe ist der Initiator. Das Land Nordrhein-Westfalen allerdings brachte nach dem Regierungswechsel zu Rot-Grün den mühsam schnaufenden Zug richtig in Bewegung.

Als Landwirt ist Heuwinkel kein Naturromantiker. Er betrachtet den Nationalpark als einen strategischen Posten in einer umfassenden Politik der Regionalentwicklung. Ein Nationalpark sei eine „Marke“. Die Region profitiere davon.

Diese Formel begegnet einem auch bei dem grünen Umweltminister Johannes Remmel. Der erklärt: „Nationalparke sind starke Marken im Naturschutz und wirksame Instrumente in der regionalen Entwicklung.“ Ob Heuwinkel und Remmel wirklich dasselbe meinen, ist schwer abzuschätzen.

Nationalpark als Wundermittel der Wirtschaftsförderung?

Bei der Unternehmensberatung Roland Berger gab der Landrat ein Gutachten in Auftrag. Erwartungsgemäß kam es zu dem Ergebnis, dass mögliche Arbeitsplatzverluste in der Forstwirtschaft und Holzindustrie mehr als aufgewogen würden durch zusätzliche Beschäftigung und Wertschöpfung im Tourismus. Stephan Prinz zur Lippe, der der FDP angehört, die im Kommunalwahlkampf vehement gegen den Nationalpark zu Felde zog, spricht verächtlich von einem „gekauften“ Gutachten.

Das hindert Heuwinkel nicht daran, damit zu wedeln und den Nationalpark als Wundermittel der Wirtschaftsförderung zu verkaufen. Spricht man mit ihm, vergisst man leicht, dass Nationalpark zunächst einmal bedeutet, wirtschaftliche Tätigkeiten einzustellen.

Er will den Nationalpark, um mit einem Schlag alle Naturschutzverpflichtungen zu erfüllen. „Das gibt uns die Möglichkeit, auf allen anderen Flächen umso intensiver zu wirtschaften“, sagt er. Ein für alle Mal das Klein-Klein des Ausgleichflächengeschäfts los zu sein – davon kann ein Kommunalpolitiker schon träumen, zumal es die Zusage des Landes gibt, die Kosten für den Nationalpark zu tragen.

Das ist schlau gedacht. Und doch wird es sich wohl als Illusion erweisen, dass man sich durch ein Großschutzgebiet von den naturschutzrechtlichen Mühen der Ebenen gewissermaßen freikaufen könne.

Widersprüchliche Aussagen von den Planern

Außer über blühende Wirtschaft spricht Heuwinkel gern über Konsens und Einvernehmen. Im Einvernehmen mit möglichst allen Beteiligten soll der Nationalpark errichtet werden. Auch mit dem Prinzen sei man trotz dessen schroffer Verweigerung weiterhin im Gespräch.

„Naturschutzfachlich“ seien dessen Flächen allerdings nicht so hochwertig wie die nordwestlich und südöstlich angrenzenden. Man könne, deutet er an, den lippeschen Familienbesitz auch erst einmal aus der Nationalparkplanung herausnehmen.

Warum das, wenn dieser Besitz nach offizieller Lesart als Managementzone von der Planung doch sowieso „nicht betroffen“ sei? Der Prinz sei zwar nicht betroffen, trotzdem wolle man ihn einbinden, sagt Heuwinkel.

Europa-Politiker Brok wettert gegen Nationalpark

Es gibt noch mehr einzubinden. An diesem Montag sollte der Kreistag eigentlich noch einmal seinen grundsätzlichen Willen zum Nationalpark bekunden. Die Sitzung wurde auf Ende Januar vertagt. Nationalparkgegner hatten Proteste angekündigt. Auch aus seiner eigenen Partei bläst Heuwinkel heftiger Wind ins Gesicht.

Elmar Brok, CDU-Bezirksvorsitzender und einflussreicher Europa-Politiker, lehnt den Nationalpark entschieden ab. Er passe nicht in die dicht besiedelte Region, die nicht mit der Eifel oder dem Bayerischen Wald zu vergleichen sei. Ein Nationalpark werde ihren Freizeit- und Erholungswert nicht erhöhen, sondern verringern und der Holzindustrie schwer schaden.

Größter Eigentümer auf dem Gebiet des geplanten Nationalparks ist der Landesverband Lippe, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die seit der Abdankung des Fürstenhauses 1918 den größeren Teil des ehemals fürstlichen Besitzes verwaltet.

Landesverband Lippe sieht viele offene Fragen

Die Landesversammlung, sein parlamentarisches Gremium, ist entsprechend den Mehrheitsverhältnissen im Kreistag zusammengesetzt. Der Landesverband hat Klärungsbedarf angemeldet. Denn jetzt geht es an die Einzelheiten, das heißt an den Flächentausch mit dem Land.

Der Wald des Landesverbandes im Nationalpark soll Staatswald werden, der Landesverband im Gegenzug Staatswaldflächen außerhalb des Parks bekommen, denn Prozessschutz, also Nutzungsverzicht, kann in einem Nationalpark nur auf Flächen der öffentlichen Hand stattfinden. Der Ertragsverlust wird so auf die Allgemeinheit umgelegt.

Das Gutachten zu den entsprechenden Tauschwertverhältnissen liegt noch nicht vor. Frühestens im Frühjahr wird man konkret verhandeln können. Und dann wird es nicht nur um Holz gehen. Der Landesverband hat eine eigene Forstverwaltung. Werden seine Förster im Nationalpark zu Rangern umgewidmet, und die Staatsförster der eingetauschten Flächen Angestellte des Landesverbandes?

Und kann das Land Nordrhein-Westfalen, in dem privater Waldbesitz deutlich überwiegt, überhaupt zusammenhängende Flächen in räumlichem Zusammenhang mit dem Teutoburger Wald zur Verfügung stellen? Die Operation scheint schwieriger zu sein, als es die unverdrossenen Nationalpark-Optimisten wahrhaben wollen.

Der Urwald um die Ecke ist keiner

Die Nationalparkkulisse hat die Form eines Keils. Regelrecht eingekeilt wäre dieser Urwald, wenn er denn in dreißig oder vierzig Jahren einmal entstanden ist, zwischen Detmold und Altenbeken, Bad Lippspringe und Horn-Bad-Meinberg. Nach dem Naturschutzgesetz ist Großräumigkeit eines der Kriterien der Schutzkategorie Nationalpark.

Der Eindruck der Großräumigkeit will sich aber bei 8000 Hektar beim besten Willen nicht einstellen. Man muss sich schon fragen, ob die Verzwergung der Nationalparkidee die für Deutschland passende Naturschutzstrategie ist.

Der Urwald um die Ecke ist keiner, und noch so viele naturschutzfachliche Definitionsmühen können ihn nicht dazu machen. Es muss zum Beispiel die Verkehrssicherheit an allen Straßen und Wanderwegen weiterhin gewährleistet sein. Da bleibt im Teutoburger Wald für ungezügelten Prozessschutz so sehr viel nicht mehr übrig.

Würde gewartet, wäre ein größerer Park möglich

2020 gibt die britische Rheinarmee den südwestlich an den Teutoburger Wald anschließenden Truppenübungsplatz Senne auf. Dort an der Senne, einer offenen Heide- und Moorlandschaft, entzündete sich zum ersten Mal die lippische Nationalparkidee.

Das war vor zwanzig Jahren, als man mit dem sofortigen Abzug der Briten rechnete. Warum nicht jetzt noch ein paar Jahre warten und dann eine Nationalparkkulisse entwerfen, die nicht ganz so beengt ist wie die aktuelle?

Von der Senne gehört dem Prinzen auch einiges. Über diese Flächen ließe er mit sich handeln. Der Ursprung der lippischen Herrschaft an der Falkenburg aber wird für ihn immer das Allerheiligste bleiben.