Grollende Altkanzler

Wie Adenauer Erhard das Leben schwer machte

Intrigen, Angriffe über Bande, Tritte gegen das Schienbein – gerade die Altkanzler machen es ihren Nachfolgern nicht leicht. Vor allem Ludwig Erhard bekam das zu spüren.

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Gleich zwei erfahrene Altkanzler bieten sich derzeit an, der Regierungschefin unter die Arme zu greifen. Mit klugen Ratschlägen geizen sie nicht, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder, etwa auf dem SPD-Parteitag, als sie aus dem Fundus ihrer insgesamt 15 Kanzlerjahre Angela Merkel kluge Ratschläge gaben über Außenpolitik, Europapolitik und Diplomatie. Unpassend mag das mancher finden, amtsanmaßend. Womöglich zu Recht.

Doch das Nachgrollen, das Nachbrennen der Alten, der längst entthronten Rudelführer, hat es in der Politik immer gegeben. Und da haben wir in Deutschland schon ganz andere Dinge erlebt. Vor allem, nachdem jener Kanzler zurückgetreten war, der mit 87 Jahren in einem Alter noch amtiert hatte, das – bis auf Schmidt – alle anderen bislang nicht mal als Altkanzler erreichten: Konrad Adenauer, Jahrgang 1876. Er griff seinen Nachfolger Erhard frontal an, gab ihm ganze Breitseiten. Und einigen der Minister gleich mit. Obwohl sie doch alle in seiner Partei waren.

Er selbst konnte dergleichen nicht erleben. Papen, Brüning, Schleicher, die drei letzten Reichskanzler der Weimarer Republik, waren alle jünger als Adenauer. Brüning sogar um zehn Jahre, Schleicher war bereits gestorben.

Anschauungsbeispiel Fürst Otto von Bismarck

Einschlägige Erfahrungen hatte er dennoch sammeln können. Während seiner gesamten Studienzeit der Staatswissenschaften bekam er Anschauungsunterricht, wie ein anderer Altkanzler über seine Nachfolger polterte, aus Friedrichsruh vernichtende Pressekampagnen anzettelte, schmähende „Gedanken und Erinnerungen“, verfasste: Fürst Otto von Bismarck. Bismarck, der geniale Außenpolitiker, war von Kaiser Wilhelm gestürzt worden, Adenauer 1963 von Ludwig Erhard . Das war der Unterschied.

„Adenauer macht wieder mit / Berater der Regierung“, titelte das Hamburger Abendblatt am 12. November 1964, ein gutes Jahr nach dem Zapfenstreich für den Kanzler Adenauer, „Wird Adenauer Sonderberater?“ fragte am selben Tag die „Bild“-Zeitung. Der „regierende Bundeskanzler“ Erhard, wie ihn damals Rainer Barzel nannte, war über diese unerwünschte Hilfestellung wenig erbaut. Die Schlagzeilen bezogen sich auf eine – wie es in dem Artikel hieß – „dramatische Sondersitzung“ des CDU-Fraktionsvorstandes, in der der Altkanzler und noch CDU-Vorsitzende gegen Erhard seine Linie in der Außenpolitik durchboxte. Für Frankreich und gegen die USA.

Burgfriede, vorübergehend. Adenauers Kompromiss: Der Regierungschef durfte dafür festhalten an seinem Außenminister Gerhard Schröder (CDU, ein Namensvetter des späteren Kanzlers), auf den es Adenauer eigentlich abgesehen hatte. „Dieser Mann Schröder ist ein Verhängnis, er muss vernichtet werden“, sagte er einmal zum späteren Kanzler Kurt Georg Kiesinger.

Die Fallgruben des politischen Parketts

Intrigen, Angriffe über Bande, Tritte gegen das Schienbein – das politische Parkett ist durchlöchert von abgrundtiefen Fallgruben. Adenauer legte stets Wert darauf, seine Abneigung auch öffentlich zu machen. „Ich habe das Gefühl, als wenn ich hier und dort noch notwendig wäre. Vor allem dann, wenn die außenpolitische Lage sich zuspitzt“, gehörte zu seinen Redebausteinen im Wahlkampf 1965.

Was da nicht zu Adenauers Redemodulen gehörte: „Ludwig Erhard“. Den Namen seines Nachfolgers verschwieg er so lautstark, dass dies für die Presse wiederum zu den Standards in der Berichterstattung gehörte.

Dass er dadurch die Aussichten seiner eigenen Partei bei den Wahlen am 19. September schmälerte, war für ihn das geringere Problem. Er hätte nichts gegen eine Große Koalition gehabt, die dann mit Verzögerung auch kam, Erhards freidemokratische Koalitionspartner waren ihm nicht sympathischer als seine Parteifreunde an der Regierung.

Strategische Partnerschaft mit de Gaulle

Aus allen Rohren schoss Adenauer in jenen Tagen gegen die USA, die die Bundesrepublik aus der Mitverantwortung für die atomaren Streitkräfte heraushalten wollte. Adenauer wollte den deutschen Zugang zum roten Knopf. Die US-Politik sei „ungeheuerlich“, ein „Verrat“, und werde letztlich das Ende der Nato bedeuten. Europa werde „den Soffjets“ überantwortet.“

Der Presse diktierte er: „Ich möchte, dass es in Deutschland zu einem Aufschrei kommt wegen dieser Geschichte.“ Adenauer setzte dagegen auf eine strategische Partnerschaft mit de Gaulles Frankreich, ahnte da allerdings wohl noch nicht, wie sehr der General sich selbst außerhalb der Nato stellte, für die Grande Nation eine Art sicherheitspolitischen dritten Weg vorsah, sogar ein wenig auf die „Soffjets“ zuging.

Das Gepolter Adenauers sollte sich an der Bande, die die US-Regierung für ihn lediglich war, noch verstärken und anschließend mit voller Wucht einschlagen auf Erhard und Schröder, die de Gaulle die kühle Schulter zeigten und ganz auf die amerikanische Karte setzten. Hier lag der sachliche Kern für das Zerwürfnis: Adenauer sah seine Verbrüderung mit Frankreich in Gefahr.

Fast die absolute Mehrheit mit Ludwig Erhard

Das Wahlergebnis am 19. September war dann, trotz allem innerparteilichen Zerwürfnis, überwältigend. Die Union erzielte unter dem Spitzenkandidaten Ludwig Erhard fast die absolute Mehrheit. Grund für den „Alten aus Rhöndorf“, nun Ruhe zu geben? Keineswegs.

Adenauer sammelte nun seine Truppen um sich und fing dabei ganz oben an. Bei Bundespräsident Heinrich Lübke. Dass er damit das höchste Staatsamt beschädigen würde, kam ihm nicht in den Sinn. Er selbst hätte es ja damals bekleiden können, seit 1959, hatte seine bereits angemeldete Kandidatur jedoch zurückgezogen. Warum? Allein um damals seinen Wirtschaftsminister Erhard daran zu hindern, sein Nachfolger zu werden.

Die Streitigkeiten zwischen den beiden in jenen Jahren, den letzten des „regierenden Kanzlers“ Adenauer, gestalteten sich dabei mindestens so bizarr wie die späteren. Ihre Korrespondenz war saftig.

Erhard sprach Adenauer schon mal die Kompetenz ab

„Ich bin der Auffassung, dass Sie, verehrter Herr Erhard, nicht so viel reisen sollten“, mahnte der Kanzler brieflich zur Arbeitsdisziplin. Erhard gab ihm zurück, dass er im Zweifel selbst neben dem Kanzleramt das Wirtschaftsressort „mit zehn Prozent meiner Arbeitsleistung“ weiterführen könne, und sprach seinem Kanzler auch schon mal die Kompetenz ab: „Selbst wenn ich dabei in Rechnung stelle, dass Sie nicht als Sachverständiger zu urteilen vermögen und deshalb Ihre Kritik nur im Gefühlsmäßigen wurzelt…“

Adenauer: „Sie schlagen in Ihrem Brief zuweilen einen Ton an, den ich nicht mehr von Ihnen angeschlagen sehen möchte“, all das gehe doch „wirklich sehr weit“. Der Bruch zwischen beiden wurzelte in den frühen 50er-Jahren, als Adenauer Wirtschaftsminister Erhard etwa ein „Wirtschaftskabinett“ zur Seite stellte und nicht dem Ressortchef, sondern einem FDP-Minister die Leitung übertrug.

Er kam an Erhard, dem Vater der sozialen Marktwirtschaft nicht vorbei, und deshalb galt für ihn die Devise: „Teile und herrsche!“

Die letzte Attacke des Altkanzlers

Schließlich war es die FDP, die gemeinsam mit Erhard 1963, in der Mitte der Legislaturperiode, Adenauer zum Rücktritt als Kanzler gezwungen hatte, länger wollte sie ihn nicht mehr tragen.

Und jetzt, 1965, nach Erhards triumphaler Wahl, holte der Altkanzler zu einer seiner letzten Attacken aus, er wollte – ganz der „Sonderberater“ – die Kabinettsliste mitbestimmen, griff zur Feder und verfasste einen handschriftlichen Brief an Bundespräsident Heinrich Lübke: „Ich flehe Sie an: Verweigern Sie die Ernennung Schröders. Sie haben das Recht dazu. Machen Sie davon Gebrauch!“

Lübke, eigentlich aufseiten Adenauers, hoffte noch vergeblich, dass Schröder von sich aus zurückziehen würde, ernannte ihn dann aber doch, um nicht durch das Überreißen seiner Kompetenzen eine Präsidentschaftskrise zu riskieren. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts hatte ihn gewarnt.

Adenauers Coup war geplatzt. Es war seine zweitletzte Niederlage. Grollend setzte er sich in den Rheingold-Express und entschwand nach Cadenabbia, seinem Urlaubsort und inzwischen zweite Heimat. Die letzte Schlacht folgte ein Jahr später. Noch einmal sammelte er seine Heerscharen um sich: Barzel, Gerstenmaier, Krone; es ging darum, Erhard wenigstens vom Parteivorsitz fernzuhalten, nicht mit ansehen zu müssen, wie er ihn ein zweites Mal beerbte.

Die Jüngeren setzten auf die neue Zeit

Adenauer, selbst 14 Jahre lang Kanzler und Parteichef in einem, sagte nun in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP, der Vorsitzende solle sich ganz der Parteiarbeit widmen und von allen anderen Belastungen und Ämtern frei sein. Und damals, bei ihm selbst? Nun, da hätten eben „andere Verhältnisse geherrscht“.

Letztlich hatte Adenauer keine Chance, alle seine jüngeren Mitstreiter setzten auf die neue Zeit, nicht auf die Ära Adenauer. Teilweise aus sichtlichem Opportunismus, fanden sie sich mit Erhard als neuem Parteivorsitzenden an. Im März 1966, mit 90 Jahren, verzichtete Adenauer darauf, ein weiteres Mal als Parteichef zu kandidieren, nur um Erhard zu verhindern.

Der wurde es nun. Obwohl er – wenn überhaupt – erst wenige Monate zuvor Parteimitglied geworden war. Wieder fuhr Adenauer im Rheingold-Express nach Cadenabbia, grollend. Erhard war Doppelerbe. Für ein Jahr, dann war auch er wieder von allen Ämtern zurückgetreten. Von Nutzen waren die Scharmützel nicht gewesen für die Partei.