Nach Ackermann-Anschlag

Auch Politiker im Visier von Briefbomben-Attentätern

Laut Bekennerschreiben sind neben der für Deutsche-Bank-Chef Ackermann bestimmten Bombe zwei weitere Sprengsätze im Umlauf. Das LKA Hessen warnt Politiker, Unternehmer und Banker.

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Die Unterschiede sind nicht zu übersehen. Damals eine Bombe militärischer Bauart mit dem Profi-Sprengstoff TNT, diesmal ein amateurhafter Bausatz, hergestellt vielleicht aus Feuerwerkskörpern. Damals eine bis ins kleinste Detail präzise vorbereitete Attacke, die dem Opfer der brutalen Tat kaum eine Chance ließ – diesmal eine zum Glück einfallslose Vorgehensweise, die bei der Routinekontrolle einer Poststelle sofort auffiel.

Und doch gibt es eine verstörende Parallele zwischen dem Attentat der RAF auf Alfred Herrhausen und dem Ereignis dieser Woche: Nach 22 Jahren nehmen Linksextremisten wieder den Chef der Deutschen Bank ins Visier.

Die an Josef Ackermann adressierte Briefbombe wurde zwar rechtzeitig abgefangen und unschädlich gemacht. Dennoch reagiert die Finanzszene verstört. Seit Jahren stehen die Banker als vermeintliche Urheber allen Krisenübels am Pranger, immer lauter wurden die Proteste von Bewegungen wie „Occupy“.

Und jetzt ein Anschlagsversuch, der ins Bild passt: Jetzt, so fürchten Manager der Branche, könnte der Hass eine neue Dimension erreicht haben.

Warnschreiben an 30 Banken und Unternehmen

Dabei ist die Motivlage noch längst nicht so klar, wie es zunächst schien – vor allem, nachdem sich die Anarchistenorganisation FAI am Freitag auch zu einem Anschlag auf eine Steuereinzugsfirma in Rom bekannt hat. Reiner Banker-Hass dürfte kaum dahinterstecken.

Die Behörden sind jedenfalls alarmiert. Das hessische Landeskriminalamt verschickte noch am Donnerstag ein Warnschreiben an 30 große Banken und andere Unternehmen, dessen Text der „Morgenpost Online“ vorliegt.

Darin verweisen die Ermittler eindrücklich auf die Gefahr, die von der Briefbombe ausging: Sie hätte „bei einem arglosen Öffnen des Umschlages … zu lebensgefährlichen Verletzungen des Empfängers führen können“, heißt es in dem Schreiben.

Zwei weitere Sprengsätze in Umlauf

Und die Beamten sehen die Bedrohung noch längst nicht als entschärft an. Das im Briefumschlag gefundene Bekennerschreiben der linksradikalen Organisation Federazione Anarchica Informale (FAI) aus Italien bewertet das hessische LKA als authentisch.

Ebenso ernst nehmen die Ermittler daher auch, dass sie Gruppe mit weiteren Anschlägen droht. Schließlich kann man aus dem Bekennerschreiben herauslesen, dass insgesamt drei Paketbomben an „Banken und Bankiers, Zecken und Blutsauger“ verschickt worden sein sollen.

„Es ist wahrscheinlich, dass noch (mindestens) zwei weitere Sprengsätze im Umlauf sind, da im Selbstbezichtigungsschreiben von ‚drei Explosionen’ die Rede ist“, schreibt das LKA daher an die Banken. Zudem seien mögliche Nachahmungstaten von Trittbrettfahrern einzukalkulieren, auch wenn es dafür derzeit „keine konkreten Hinweise“ gebe.

Entsprechend empfiehlt die Polizeibehörde, neben den Entscheidungsträgern im Unternehmen auch alle mit dem Posteingang betrauten Personen besonders zu sensibilisieren. Zumal diese Menschen persönlich wohl in größerer Gefahr sind als ein Vorstandschef, der seine Post nie selbst öffnet.

Banker fühlen sich an RAF-Ära erinnert

Die Banken reagierten unterschiedlich auf die Warnung. „Wer ein vernünftiges Maß an Sicherheitsmaßnahmen getroffen hat, der muss jetzt nicht nervös werden“, hieß es in der Sicherheitsabteilung einer größeren Bank. In anderen Häusern ließ man sich die Unruhe eher anmerken.

Man habe sich bisher als wenig gefährdet angesehen, da man nicht annähernd so öffentlich exponiert sei wie Ackermann und die Deutsche Bank, hieß es bei einer Adresse. Deshalb habe man erst jetzt die Postkontrollen deutlich verstärkt und setze etwa Röntgengeräte ein – mit dieser Technik hatte auch die Deutsche Bank die Briefbombe enttarnt.

Altgediente Banker fühlen sich durchaus an die RAF-Ära erinnert. Die RAF ermordete nicht nur Herrhausen, sondern zwölf Jahre zuvor auch den damaligen Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto.

Seit die linksextreme Gewalt in den 90er-Jahren zurückging, fühlten sich auch Bankmanager zusehends sicherer. „Dass schon morgens auf dem Weg ins Büro ein gesondertes Auto mit Sicherheitsleuten hinter einem herfährt, das gibt es nur noch bei wenigen Topmanagern“, erzählt ein hochrangiger Banker. Leibwächter setzen die meisten Manager nur in besonders heiklen Situationen ein, etwa bei Auftritten vor Menschenmengen.

Ackermann ist fast nie ohne Personenschutz unterwegs

Josef Ackermann bildet da allerdings eine Ausnahme: Er ist kaum einmal ohne Personenschutz außerhalb der Bank zu sehen, auch seine Privatwohnung in Frankfurt wird bewacht. Schließlich ist Ackermann der bekannteste Manager des Landes und zugleich umstritten, zumal er sich kontroversen öffentlichen Debatten nicht verweigert.

Der Anschlagsversuch sorgte denn auch für einige Kritik an seinen Kritikern. „Für das Attentat tragen auch diejenigen Verantwortung, die Herrn Ackermann nicht fachlich, sondern menschlich-persönlich kritisiert haben“, sagte etwa der FDP-Finanzexperte Volker Wissing.

Was wiederum maßgeblich auf die Berliner Politik selbst zurückfällt – schließlich schob auch so mancher Koalitionspolitiker zuletzt gern den Bankern die Schuld an der Euro-Krise zu, und Ackermann als Gesicht der Branche stand damit besonders am Pranger.

„Aus der Simplifizierung, dass es die bösen Banker waren, kann eine neue Gefährdungslage für diese Personen entstehen“, sagte Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, der „Morgenpost Online“.

"Tod den Blutsaugern, die uns regieren"

Für die Ermittler ist der Zusammenhang mit der Bankerschelte allerdings offensichtlich noch längst nicht sicher. Denn aus ihrer Sicht sind keineswegs nur Banker und Finanzmanager mögliche Ziele für weitere Bombenanschläge. „Als Adressaten kommen neben Banken und deren Verantwortungsträgern auch politische Entscheidungsträger in Betracht“, heißt es im Warnschreiben des LKA.

Die Kriminalbeamten verweisen auf eine Passage im Bekennerschreiben der FAI, die zunächst nicht veröffentlicht worden war. Dort sei von „Krieg dem Europa der Bankiers, Tod den Blutsaugern, die uns regieren“ die Rede.

Daraus gehe hervor, dass auch Politiker von Attentaten betroffen sein könnten. „Eine weitere Eingrenzung hinsichtlich des Adressatenkreises oder möglicher Eingangsorte solcher Briefbomben kann derzeit nicht vorgenommen werden“, warnt das LKA weiter.

Berücksichtige man die bisherigen Taten der FAI, müsse man mit einem europa- oder gar weltweiten Versand rechnen. Die italienischen Anarchisten hatten etwa im Jahr 2003 Bomben an Europäische Zentralbank und EU-Kommission geschickt.

Hass gegen jede Form der Obrigkeit

Womöglich hängt der Anschlag gegen Ackermann also weniger mit der Kritik an der Branche zusammen als bislang angenommen. Hetzkampagnen seien zwar immer zu verurteilen, sagt der Hohenheimer Finanzprofessor Hans-Peter Burghof.

„Aber der Anschlagsversuch hat mit der allgemeinen Bankerschelte aus meiner Sicht wenig zu tun.“ Anarchisten hätten schließlich meist einen Hass auf alles, was eine Ordnung repräsentiere. „Feinde sind dann nicht nur die Banken, sondern beinahe die ganze Welt.“

Womit die historischen Parallelen allerdings eher noch deutlicher werden würden. Hass gegen jede Form der Obrigkeit – das klingt weniger nach „Occupy“ als nach RAF.