Rote Flora in Hamburg

Wie Politiker am "Autonomen Disneyland" scheitern

Erst kämpfte Karsten Dustin Hoffmann als Polizist an der Front, dann promovierte er über ein bekanntes linksautonomes Kulturzentrum. Seine Urteil: Die Politik hat versagt.

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Gewinner kennt die langjährige Auseinandersetzung um die Rote Flora keine: Die Autonomen, die seit 20 Jahren das linksautonome Zentrum besetzt halten, sind ihrem Ziel, den Staat zu beseitigen und die Gesellschaft umzubauen, nicht ansatzweise näher gekommen. Und die Hamburger Landespolitik hat sich an der Flora die Zähne ausgebissen, aber sie hat es nicht geschafft, das Zentrum zu räumen oder auch nur zu befrieden.

Diese Entwicklung ist nach Ansicht von Karsten Dustin Hoffmann kein Zufall, sondern auch das Ergebnis jahrelangen Politikversagens. Hart geht der Politik- und Rechtswissenschaftler mit dem Senat ins Gericht: "Jeder von außen initiierte Versuch, das Projekt in rechtlich geregelte Bahnen zu lenken und ihm damit seine politische Brisanz zu entziehen, schlug fehl", stellt er fest.

Hart sind auch seine Forderungen: Der Senat muss die Rote Flora endlich kaufen, wenn er Ruhe in die Szene bringen will.

Die Schlachten als Polizist hautnah miterlebt

Dabei ist Hoffmann kein unbeteiligter Wissenschaftler: Als Bereitschaftspolizist hat er die Straßenschlachten vor der Flora hautnah miterlebt. Und genau dabei, mit dem weißen Einsatzhelm auf dem Kopf und dem Schlagstock in der Hand, beschloss er, sich dem Phänomen Flora wissenschaftlich zu nähern.

Hoffmann studierte in Hamburg und Bremen Politik- und Rechtswissenschaften und promovierte anschließend über die Rote Flora an der TU Chemnitz. Seine mehr als 400 Seiten starke Dissertation ist jetzt erschienen - eine "Pionierstudie", wie ihm seine Professoren Uwe Backes und Eckhard Jesse bescheinigen.

Die Rote Flora ist über die Jahre zu einem "Mythos der gesamten Autonomenbewegung" geworden, wie Hoffmann feststellt, die noch drei Ziele verfolgt: Sie will einen "Freiraum ohne staatlichen Einfluss" behalten, will die Autonomenszene stärken und das Schanzenviertel gesellschaftlich konservieren.

Im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens war es vor allem ihre Rolle als Kommunikationszentrum, die die Flora wichtig für die Szene machte. "Erst die Einführung des Internets ließ ihren Stellenwert sinken", stellt Hoffmann fest – ausgerechnet die freieste und unregulierteste Kommunikationsplattform aller Zeiten. Flugblätter, Plakate und Zeitschriften gerieten ins Hintertreffen, und die Flora-Autonomen wurden skeptisch.

Ihre im Jahr 2001 angelegte Webseite wird kaum aktualisiert. Dagegen boten sie ihre Räume für Veranstaltungen und Konzerte an, was half, ihre Ein-nahmen zu stärken.

Politiker nutzten sie zur Selbstinszenierung

Der Wissenschaftler und Polizist analysiert aber nicht nur die Flora selbst, sondern untersucht auch die Berichterstattung der Medien über die Rote Flora. Er weist nach, welche Zeitungen eine kritische Haltung einnahmen und welche freundlich-unkritisch in der Roten Flora vor allem ein Kulturzentrum sahen.

Mediale Aufmerksamkeit blieb der Flora aber immer erhalten. Und auch "die Wirkungen auf Behörden, Regierung und Opposition waren erheblich, aber nicht so, wie von den Aktivisten erhofft".

Gleich, ob links oder rechts, ob Regierung oder Opposition: Politiker nutzten die Flora vor allem zur Selbstinszenierung. Davon sind Hoffmann zufolge weder die GAL noch die Linke ausgenommen, aber natürlich auch nicht CDU und FDP. Der ehemalige Bürgermeister Christoph Ahlhaus habe in seiner Zeit als Innensenator mit seinem offensiven Auftreten bei den Schanzenfesten seine Bekanntheit erheblich steigern können.

Romantisch-verklärter Mythos für kreative Köpfe

Erfolglos war die Wirkung auf das Schanzenviertel: "Die Umstrukturierung des Stadtteils konnte die Rote Flora weder verhindern noch verlangsamen. Tatsächlich trug sie mit dem romantisch-verklärten Mythos des besetzten Zentrums ihren Teil zur Anziehungskraft des Schanzenviertels auf kreative Köpfe, Besserverdienende und Nachschwärmer bei", schreibt Hoffmann.

Doch wie geht es weiter – räumen oder dulden? Hoffmann warnt eindringlich vor der Räumung, auch wenn die Polizei technisch dazu in der Lage sei – der Preis wäre zu hoch. Er skizziert, wie sich jahrelange, brutale Auseinandersetzungen aufbauen würden.

Deshalb fordert Hoffmann einen "Würgegriff der herzlichen Umarmung", um die Aktivisten einzubinden und zurückzudrängen. Die Stadt müsse zunächst die "vollen Eigentumsrechte" am Gebäude erwerben.

"In Wirklichkeit ist sie ein Autonomes Disneyland"

Ein privater Investor wie Klausmartin Kretschmer erweise sich als "Unsicherheitsfaktor", die Stadt habe sich so erpressbar gemacht. Stattdessen müsste sie nach dem Erwerb den Aktivisten die Nutzung des Gebäudes gestatten. "Die Gefahren, die von der Roten Flora ausgehen, wenn sie über ein eigenes Gebäude verfügt, sind gering. In Wirklichkeit ist sie ein Autonomes Disneyland – das Wertvollste für die Aktivisten ist ihre Fassade."

Der Mythos könne nur fortbestehen, wenn die Aktivisten eine Besetzung suggerieren könnten.

Hoffmann fordert von der Landespolitik aber auch klar, den Autonomen keine Gelder zur Verfügung zu stellen, solange sie sich nicht ausdrücklich von Gewalt distanzieren. Sein Kalkül: "Wer den Aktivisten Geld überlässt, verschafft ihnen mehr Zeit für politische Aktionen und sorgt dafür, dass weniger interne Konflikte entstehen."

Gewalt gegen Menschen wird befürwortet

Schließlich dürfe niemand die Gefahr unterschätzen: "Trotz aller Kulturprojekte und trotz der Vielzahl unpolitischer Besucher bleibt die Rote Flora ein linksextremes Autonomes Zentrum, das Gewalt gegen Menschen zum Sturz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung befürwortet."

Mit einer Räumung lasse sich der "Mythos der Roten Flora" nicht auflösen, sie müsse in einem langwierigen Prozess entzaubert werden. Ob die Regierung Scholz den Hinweisen Hoffmanns nun folgt oder nicht - früher oder später muss sie aktiv werden und nicht erstarrt verharren. Mit dem Prozess des Entzauberns sollte sie bald beginnen.