JU-Chefin in Bayern

"Wir denken zu oft an die Ausnahmen"

Katrin Poleschner, Vorsitzende der Jungen Union Bayerns, rügt das Vergessen der Leute aus der Mitte. Stattdessen denke die Politik immer mehr an die Randgruppen.

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Morgenpost Online: Sie sind wegen oder trotz der Frauenquote gewählt geworden?

Katrin Poleschner: Ganz klar trotz der Quote. Ich war und bin gegen eine Frauenquote, egal in welchem Gremium, auch in der freien Wirtschaft. Als meine Partei die Quote eingeführt hat, habe ich mich aber gebeugt, irgendwann muss man Mehrheiten akzeptieren. In der Jungen Union haben wir die Quote aber nicht übernommen und werden das auch nicht tun. Ich bin Vorsitzende geworden, weil ich hoffentlich einen guten Job gemacht habe.

Morgenpost Online: Sollte die Frauenquote ein Ablaufdatum haben?

Poleschner: Wie bei sachpolitischen Fragen sollten wir nach einer gewissen Zeit bewerten, ob die Quote etwas gebracht hat. Nicht in zwei, aber vielleicht in sechs Jahren.

Morgenpost Online: Stört es Sie, dass Sie nur mit diesem Thema wahrgenommen werden?

Poleschner: Es ist ein Fuß in der Tür. Wenn die Leute nun auf mich gucken und sagen: Das ist doch die, die gegen die Quote gekämpft hat, dann hören sie mir hoffentlich auch zu, wenn es um anderes geht.

Morgenpost Online: Für welche Themen wollen Sie die Tür aufstoßen?

Poleschner: Die JU meldet sich zu allen relevanten Themen zu Wort. Aber ich möchte drei Schwerpunkte setzen: Generationengerechtigkeit, Familienpolitik und Wirtschaftsstandortpolitik. Die Politik muss wieder stärker die 80 Prozent der Bevölkerung in den Blick nehmen, die täglich zur Arbeit gehen, die Familien versorgen müssen, ihre Kinder in den Kindergarten oder die Schule bringen und selbstverständlich ihre Steuern zahlen.

Morgenpost Online: An die denkt Politik zu wenig?

Poleschner: Wir denken immer an die Ausnahmen. Wir fragen zu oft, was wir alles nicht machen dürfen, weil es vielleicht missbraucht werden könnte. Das Zutrauen in die ganz normalen Leute ist uns etwas abhandengekommen. Wir überlegen dagegen viel, was wir für Randgruppen machen können, um sie besserzustellen. Diejenigen, die in der Mitte sind, werden vergessen. Deswegen habe ich den Schwerpunkt Familienpolitik gesetzt. Wir müssen zeigen, dass Ehe und Familie die Urprinzipien der Gesellschaft sind. Die Mehrheit hat klassische Vorstellungen vom Leben, und das müssen wir auch sagen.

Morgenpost Online: Sie klingen konservativer als die „große“ Union.

Poleschner: Ich finde es wichtig, dass gerade die Junge Union konservative Ideale hochhält und die Partei immer wieder daran erinnert. Im Gespräch mit vielen JUlern stelle ich fest, dass das konservative, christliche und bürgerliche Leitbild eine Mehrheit hat. Wir lassen uns von anderen Trends zu sehr beeindrucken.

Morgenpost Online: Familienministerin Kristina Schröder will Paare finanziell unterstützen, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden. Ist das konservative Familienpolitik?

Poleschner: Ich finde das nicht falsch.

Morgenpost Online: Werden Frauen denn damit nicht unter Druck gesetzt?

Poleschner: Da denken wir schon wieder an die Ausnahmen. Es geht darum, Paare zu unterstützen, die sich Familie wünschen. Eine Frau lässt sich nicht so schnell etwas von außen vorschreiben, wenn es um ihre Familienplanung geht.

Morgenpost Online: Also führt das geplante Betreuungsgeld auch nicht dazu, dass mehr Kinder geboren werden?

Poleschner: Tatsächlich geht es nicht darum, dass wir damit die Geburtenraten heben. Das Betreuungsgeld ist eine Honorierung der Erziehungsleistung der Mutter oder des Vaters beziehungsweise ein Ausgleich für diejenigen, die öffentliche Betreuungseinrichtungen nicht in Anspruch nehmen, weil sie die Kinderbetreuung selber organisieren, zum Beispiel durch die Oma. Ich bin kein glühender Anhänger des Konzepts, dass kleine Kinder auf jeden Fall in die Kita sollen. Gleichwohl bin ich dafür, den Ausbau der Kitas voranzutreiben. Wir müssen Angebote machen, und dazu gehört für mich, Erziehung zu Hause auch staatlicherseits anzuerkennen.

Morgenpost Online: Ein verzweifelter Versuch der CSU, einen konservativen Kern zu bewahren?

Poleschner: Warum verzweifelt? Es gehört zum konservativen Kern, und das ist auch richtig so.

Morgenpost Online: Welche vergangene Entscheidung war nicht in Ihrem Sinne?

Poleschner: Ich halte die Entscheidung, die Wehrpflicht auszusetzen, aber nichts Vergleichbares an die Stelle zu rücken, für nicht richtig. Die Junge Union hat sich für eine allgemeine Dienstpflicht ausgesprochen. Das ist für mich zutiefst konservative, bürgerliche Politik. Männer und Frauen sollten zu einem Dienst an der Gesellschaft herangezogen werden.

Morgenpost Online: Sie sind bisher Politikerin im Ehrenamt, wie lange halten Sie das durch?

Poleschner: In den nächsten zwei Jahren werde ich nicht Berufspolitikerin. Ich habe gerade eine neue Stelle bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm angetreten, darauf freue ich mich. Abends, nachts und am Wochenende mache ich privat Politik, als Hobby. Das ist hart, aber ich will etwas bewegen.

Morgenpost Online: Haben Sie eine Wohnung in München?

Poleschner: Nein. Ich schlafe gern zu Hause. Lieber setze ich mich spät noch ins Auto.

Morgenpost Online: Sie haben im Jahr 2007 in Australien studiert und sind dennoch am liebsten zu Hause?

Poleschner: Ich bin in Australien selbstständiger, erwachsener geworden. Und ich habe dort begriffen, wie wichtig mir meine Heimat ist. Ich will von dort nicht weg. Auch von der Lebensart der Australier habe ich viel gelernt. Ich versuche, ein gewisses Easy Going auszustrahlen. Gerade wenn alle um mich herum nah am Nervenzusammenbruch sind, bleib ich ganz ruhig.