Niederbayern

Lifestyle-Exot erobert bayerisches Landratsamt

Er ist unerfahren, evangelisch, homosexuell und ein Sozi. Trotzdem wundert es Michael Adam nicht, dass er in Bayerns Wäldern zum Landrat wurde.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Nur im Mütterverein und beim Frauenbund ist er kein Mitglied. "Die wollten mich nicht haben", sagt Michael Adam. Aber den restlichen, rund drei Dutzend Vereinen seiner Heimatstadt Bodenmais ist der junge Bürgermeister beigetreten. Er sei einfach jemand, der gern auf die Menschen zugehe, mit ihnen redet, sich anhört, was sie bewegt. Eigentlich nimmt die CSU für sich in Anspruch "näher am Menschen" zu sein. Aber Adam ist Sozialdemokrat und eine Ausnahmeerscheinung, die den Christsozialen Sorgen macht und die SPD hoffen lässt.

Adam trat am Donnerstag seinen Posten als Landrat im niederbayerischen Landkreis Regen an. Nachdem er 2008 in Bodenmais zum Rathaus-Chef gewählt worden war, und damit jüngster Bürgermeister Deutschlands wurde, ist er der 26-Jährige mit dem fülligen Bubengesicht jetzt jüngster Landrat Deutschlands. 57,3 Prozent der Stimmen bekam er in der Stichwahl. Für Helmut Plenk, seinen Kontrahenten von der CSU stimmten lediglich 42,7 Prozent.

An Adams Wahl zum Landrat ist nichts "normal"

Eine 50-jährige "Regentschaft" von CSU-Landräten, ging damit im Bayerischen Wald zu Ende. Und wie immer, wenn es ernst wird, reagiert die CSU mit gespielter Gelassenheit, spricht von einer "singulären Wahl" (Plenk). CSU-Bezirkschef Manfred Weber tröstet sich damit, dass seine Partei noch immer zwei Drittel der Landräte und Oberbürgermeister in Niederbayern stelle. Dabei waren Erosionserscheinungen schon sichtbar. Vor einem Jahr wechselte Thomas Müller, der Bürgermeister von Bayerisch Eisenstein von der CSU zu den Grünen. Ein Kulturschock. Allerdings scheiterte er dann aber doch bei der Wahl im benachbarten Zwiesel.

So gesehen ist nichts an Adams Wahl "normal". Er vereint in seiner Person eine Handvoll Eigenschaften, von der jede einzelne ihn früher unwählbar gemacht hätte – zumindest aus christlich-konservativer Sicht: Adam ist jung und ohne Berufserfahrung. Er lässt sein Studium der Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre "ruhen". Er stammt aus einem evangelischen Elternhaus. Er lebt in einer homosexuellen Beziehung. Und er ist Sozialdemokrat.

Schon jetzt wird ihm der rote Teppich ausgerollt

Adams Wahl ist für Bayerns nicht gerade erfolgsverwöhnte Sozialdemokraten die zweite Dosis Antidepressiva in kurzer Zeit. Nachdem Münchens populärer Oberbürgermeister Christian Ude im Sommer quasi torschlusspanisch die Gelegenheit ergriff, sich zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl zu machen, und damit im reifen Alter von 64 zum Hoffnungsträger seiner Partei aufstieg, haben die Sozialdemokraten jetzt mit Adam ein echtes Nachwuchstalent. Schon jetzt wird ihm der rote Teppich ausgerollt: Ein Ministerposten nach dem Regierungswechsel? "2013 schauen wir weiter", sagt SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen.

Adam selbst bleibt auf dem Boden. Schließlich hatte er vor der Wahl angekündigt, dass er zwei Wahlperioden, also zehn Jahre, Landrat bleiben möchte. Aus solchen Versprechen komme man nicht mehr raus. Der junge Wahlsieger muss sich auch nicht beeilen. In zehn Jahren wäre er erst 36 und damit im besten Alter für höhere politische Aufgaben. Den Ehrgeiz dazu hat er. Und die Zielstrebigkeit. 20.000 Euro aus seinem eigenen Geldbeutel hat er sich seinen Wahlkampf kosten lassen. Aber Adam hat als Bürgermeister auch gezeigt, dass er seine Hausaufgaben ernst nimmt: "Wir haben beim Konjunkturpaket die Höchstsätze abgeräumt", sagt er. Das sind die wirklich wichtigen Erfolge eines Lokalpolitikers.

"Ich bin einer, der nach Lösungen sucht"

Bessere Straßen und die Anbindung ans schnelle Internet gehören zu Adams Zielen. Dabei will er nicht nur das übliche Klagelied der Randgebiete auf den "bösen" Münchner Zentralismus anstimmen. "Ich bin einer, der nach Lösungen sucht, und nicht nach Ausreden, warum etwas nicht geht." Zu den ersten Amtshandlungen als Landrat gehörte die Vorstellung des touristischen Jahreskatalogs des "Trend-Ferienorts" Bodenmais, wo jährlich 2,8 Millionen Gästeübernachtungen gezählt werden. Es sind mehr geworden, seit Adam regiert. Zupackend und ernsthaft will Adam wirken. Er habe gar nicht gewusst wie perspektivisch er arbeiten könne.

Er spricht es nicht aus, aber dieser persönliche Eindruck soll natürlich das Kontrastprogramm zur CSU sein. Die hatte gerade einen schmerzlichen Verlust. Landrat Heinz Wölfl, der über Jahre die Region politisch prägte, hatte sich das Leben genommen. Nach dem Selbstmord war von Spielsucht und Schulden die Rede, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Korruptionsverdacht. Das Image hat stark gelitten.

Keine "Heile-Welt"-Inszenierungen

Dass der Landratskandidat der CSU, der schnell gefunden werden musste, mit Gattin auf den Wahlplakaten posierten, kommentiert Adam spöttisch. "Auch als Hetero hätte ich nicht meine Frau auf das Bild geschleift", sagt er. "Heile-Welt"-Inszenierungen kämen nicht mehr an – auch nicht im tiefen Bayerischen Wald. Nur wer sich nicht auskenne, frage, "wie es passieren kann", dass in Niederbayern einer gewählt wird, der jung, evangelisch und schwul ist. Vor Ort, im Wahlkampf habe das private Umfeld keine Rolle mehr gespielt, sagt Adam, bemüht hartnäckige Vorurteile über seine angeblich hinterwäldlerische Heimat zu zerstreuen.

Auch alle Talkshows, die jetzt wieder bei ihm anfragen (bei Kerner war er schon nach seiner Wahl zum Bürgermeister), will für seine Art der Heimatpflege nutzen: "Das ist eine Möglichkeit, ein anderes Bild der Bayerwaldler zu bieten – sie sind nämlich tolerant, weltoffen und modern." Wie er mit seinem Partner, den er nie versteckte, zusammenlebt, interessiere niemanden. Es gehe einfach darum, dass man seine Arbeit mache und begründe, was man wolle. "Die Menschen sind längst bereit, sich mit Inhalten zu beschäftigen." Und wer überzeugt und Kompetenz zeigt, wird auch gewählt, selbst wenn er in der SPD ist, oder jung oder unerfahren.

"Keine klassischen Erbbastionen mehr für die CSU"

Adam beschreibt, was Politikwissenschaftler mit der Auflösung der sozialen Milieus und Parteibindungen beschreiben. So hat es der CSU auch nichts mehr genutzt, dass ihr Kreisvorsitzender, Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, ein Schwergewicht im Kabinett in München ist und dass Ministerpräsident Horst Seehofer vorbei schaute. "Es gibt keine klassischen Erbbastionen mehr für die CSU", sagt Adam.

Genau das will die SPD, die hofft, dass sie wieder 2013 über die 20-Prozent-Hürde kommt, hören und glauben. Erwartungsgemäß wertet Spitzenkandidat Christian Ude die Wahl im Landkreis Regen als bayernweites Signal: "Es gibt auch der Bayern-SPD Auftrieb, die keineswegs nur in Städten, sondern auch im ländlichen Raum Triumphe einfahren kann. Der Wechsel in Bayern ist wieder ein Stück näher gerückt."

Der klare Wille zum Machtwechsel

Der Münchner Oberbürgermeister kann Erfolgsmeldungen aus der Provinz gut gebrauchen. Nicht nur weil er bei Auftritten auf dem Land für den Spott nicht sorgen muss, wenn er Ober-, Mittel- und Unterfranken falsch sortiert. Er weiß auch, wie schwach seine Partei in weiten Teilen des Freistaats aufgestellt ist. Neben den Grünen wird die SPD deswegen auch die Freien Wähler als Koalitionspartner brauchen, damit es mit dem Machtwechsel in Bayern klappen kann.

Umso erfreuter wird der Spitzenkandidat von Adam hören, wie die Auflösung der politischen Milieus auf dem Land voranschreitet: Zweifel, ob die Freien Wähler, die oft so konservativ sind wie die CSU, letztlich mit Rot und Grün gemeinsame Sache machen, zerstreut Adam. Lokalpolitiker wie Abgeordnete der Freien Wähler unterstützten ihn, es gebe einen klaren Willen zum Machtwechsel: "Wir ziehen an einem Strang."