Lehrerpreis

Merkel kommt Hauptschulen noch einmal entgegen

Eigentlich wollte die CDU die Hauptschule abschaffen. Jetzt macht sich Angela Merkel für sie stark. Die Kanzlerin erinnert sich dabei auch an ihre Angst vorm Bock.

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Es war der Bock. Und das Pferd. Und der Langkasten. Angela Merkel erinnert sich mit Schaudern an diese Sportgeräte. Wie sie davor stand – und irgendwie drüber musste. Ein einfühlender Lehrer habe ihr geholfen, indem er immer richtig einschätzte, was sie leisten konnte. „Das war auf Grund meiner mangelnden Sportbegabung von besonderer Bedeutung“, sagt sie mit feiner Ironie.

Die Bundeskanzlerin hat es sich nicht nehmen lassen trotz aller möglichen Krisen, am Mittwochnachmittag in Berlin den Deutschen Lehrerpreis an 16 Lehrerinnen und Lehrer und an sechs Pädagogen-Teams für besonders innovative Unterrichtskonzepte zu überreichen. Der Termin scheint Merkel eine willkommene Abwechslung. Alles andere als steif absolviert sie ihn.

Es ist eine Rede im Plauderton, die sie sich dafür hat schreiben lassen, in der dennoch politische Botschaften verwoben sind. So fordert sie von den Ländern, für mehr Vergleichbarkeit zu sorgen. „Vielfalt des Unterrichts darf nicht so sein, dass man nicht mehr umziehen kann von einem Ort zum anderen“, sagt sie.

Bund und Länder hätten ein besseres Miteinander gefunden, dennoch: „Wir müssen die Übergänge zwischen den Zuständigkeiten so sinnvoll wie möglich gestalten.“ Wie eine Drohung klingt das nicht.

Lehrer nicht mit „unablässigen Reformen zuschütten“

So viel Entspanntheit war zuletzt in der deutschen Bildungsdebatte selten geworden. Auch in der CDU wurde von „Bildung, Bildung, Bildung“ gesprochen, als handle es sich dabei nicht um etwas, das zu tun hat mit Neugierde, Wissensdurst und Euros. Vielmehr drohte das Staccato den Betroffenen mit nicht geringem politischen Aktionismus.

Angela Merkel spricht dagegen wieder von „Ruhe“. Man dürfe die Lehrer und Schüler nicht mit „unablässigen Reformen zuschütten“. Sie lobt in Gegenwart von Nordrhein-Westfalens Kultusministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) den Schulfrieden in dem Bundesland; Löhrmann hatte ihn wesentlich ausgehandelt. „Ein Stück Dauerhaftigkeit tut uns gut“, sagt Merkel und beansprucht dies auch für ihre bildungspolitischen Maßnahmen, die auf Grund der fehlenden Zuständigkeit des Bundes für Bildung vor allem als sozialpolitische daherkommen.

Merkel verteidigt die Bildungsgutscheine für Kinder von Hartz-IV-Empfängern. Dass bisher vor allem das kostenlose Schulessen beansprucht werde, will sie nicht als Problem erkennen. „Eltern müssen sich ja erst einmal überlegen, ob ihr Kind überhaupt Nachhilfe braucht.“ Man müsse die Langzeitentwicklungen in den Blick nehmen.

Merkel gibt den Anti-Schröder

Man kann Merkels Auftritt als Versuch interpretieren, Verkrampfung, ja Frontstellungen aufzubrechen. Merkel gibt den Anti-Schröder. Kanzler Gerhard Schröder hatte mit der Apostrophierung der Lehrer als „faule Säcke“ dem Berufsstand nachhaltig geschadet, weil er ein weit verbreitetes Ressentiment hoffähig machte.

Die Folgen sind noch immer spürbar, aber Merkel ist sicher: „Das Ansehen verbessert sich, es wächst.“ Sie warnt schon davor, es nicht zu übertreiben: „Lehrer wertschätzen heißt auch, nicht alles zu erwarten. Familie ist nicht durch Lehrer zu ersetzen.“

Für Verstimmung zwischen Politik und Schulen haben aber auch Merkel und ihre Partei gesorgt. So war einen verregneten Sommer lang von der Abschaffung der Hauptschule durch Verschmelzung mit der Realschule die Rede; ein erster Entwurf des bildungspolitischen Leitantrags zum CDU-Parteitag im November formulierte dies mehr oder minder. Am Ende entschied sich der Parteitag zwar dafür, Haupt- und Realschulen, die funktionieren, mit einer Quasi-Bestandsgarantie zu versehen, aber die Irritation blieb.

Unterschiedliche Wertschätzung sei nicht richtig

Merkel kommt den Hauptschullehrern nun noch einmal entgegen. „Die unterschiedliche Wertschätzung für Lehrer unterschiedlicher Schultypen ist nicht richtig“, sagt sie. Ein heikler Punkt. In Deutschland unterscheidet sich nicht nur das fachwissenschaftliche Studium von Haupt-, Real- und Gymnasiallehrern erheblich.

Auch die Bezahlung ist unterschiedlich. Während die Gymnasiallehrer mit dem Philologenverband eine schlagkräftige Lobby haben, ist der Realschullehrerverband deutlich weniger stark vernehmbar, einen Hauptschullehrerverband gibt es nicht.

Vor dem Hintergrund der Debatten ist es kein Wunder, dass sich Christine Georg, Schulleitern der Philipp-Reis-Schule im hessischen Gelnhausen, von der Politik vor allem eins wünscht: „Vieles sollte einfach so bleiben, wie es ist.“ Ihre Hauptschule hat den ersten Preis für innovativen Unterricht erhalten – ein durchaus politischer Kommentar, den sich die Juroren und Initiatoren des Lehrerpreises, der Deutsche Philologenverband, die Vodafone Stiftung und die Heraeus Bildungsstiftung da erlaubten.

Einblick in den Alltag einer Hauptschule

Was Schulen leisten, das konnte Georg repräsentativ für viele andere eindrucksvoll schildern. 68 Prozent ihrer Schüler haben einen Migrationshintergrund. Soziale und kulturelle Sprach- und Verständigungsprobleme sind normal. „Hochkarätige Lehrpläne helfen uns da nicht weiter. Wir müssen vor allem herausfinden, welche Stärken die Kinder haben, nicht welche Schwächen.“ Von der fünften Klasse an versuchen die rund 70 Lehrer, ihren Schülern eine berufliche Perspektive zu eröffnen.

Dabei arbeiten sie mit ausländischen Kulturvereinen, Religionsvertretern, heimischen Betrieben, der Arbeitsagentur, Kammern und weiterführenden Schulen zusammen. Es funktioniert. In den vergangenen zwei Jahren verließ kein Schüler die Schule ohne Abschluss, jeder bekam einen Ausbildungsplatz oder ging auf weiterführende Schulen.