Geheimdienst-Skandal

BND vernichtete Personalakten früherer SS-Leute

Im Jahr 2007 hat der Bundesnachrichtendienst etwa 250 Personalakten vernichtet. Unter ihnen waren besonders brisante Dokumente von ehemaligen Nationalsozialisten.

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Forscher schlagen Alarm: Beim Auslandsgeheimdienst BND sind im Jahr 2007 zahlreiche historisch wertvolle Akten vernichtet worden. Nach Angaben der unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) handelt es sich um insgesamt 250 Personalakten mit Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus. Die im Februar eingesetzte Historikerkommission soll einen Blick in die „braune“ Vergangenheit des BND werfen.

Der Bundesnachrichtendienst bestätigte den Vorgang und nannte ihn „bedauerlich und ärgerlich“. Die vernichteten Personalakten hätten allerdings nur einen Umfang von etwa zwei Prozent des für das Geschichtsprojekt relevanten Bestandes, teilte die Behörde mit. Sie seien seinerzeit als „nicht archivwürdig“ eingestuft worden.

Der Vorsitzende des für die Geheimdienstkontrolle zuständigen Bundestagsgremiums, Thomas Oppermann, zeigte sich entsetzt. Hier scheine „ein schlimmer Fall von Geschichtsvergessenheit“ vorzuliegen, sagte der SPD-Politiker in Berlin und betonte: „Ich habe kein Verständnis für die Aktenvernichtung im BND.“ Er forderte den BND auf, den Vorfall schnell aufzuklären.

Zu kriminell selbst für den BND

Erste Recherchen zeigen unterdessen, dass unter den vernichteten Akten auch Unterlagen von Personen gewesen sind, die in der NS-Zeit „signifikante geheimdienstliche Positionen“ hatten, darunter in der SS, dem Sicherheitsdienst SD oder der Gestapo. „Darunter befinden sich auch BND-Mitarbeiter, gegen die der BND in den 60er-Jahren selbst Ermittlungen wegen schwerer NS-Belastung durchgeführt hatte“, sagte Kommissionssprecher Henke.

Dass den Akten „kein bleibender historischer Wert beizumessen gewesen sei, hat sich als nicht stichhaltig erwiesen“, sagte Henke weiter. Personen, die beim sogenannten Englandspiel dabei waren, als die Nationalsozialisten in den niederländischen Widerstand einbrachen, oder als NS-Männer jüdische Synagogen anzündeten, seien historisch betrachtet durchaus wertvoll.

Unter den vernichteten Akten sind laut Henke auch solche über Personen gewesen, die selbst der BND für zu kriminell gehalten habe, um nach dem Zweiten Weltkrieg beim neuen bundesdeutschen Geheimdienst beschäftigt zu werden. Die Kommission habe den BND nun aufgefordert, keine Unterlagen mehr ohne Rücksprache mit dem Historikergremium zu vernichten.

BND-Gründer war ein Nazi

Erst im Februar hatte eine vierköpfige Historikerkommission ihre mehrjährige Arbeit aufgenommen , um die Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes zu durchleuchten. Dort waren nach Gründung zunächst zahlreiche Nazis beschäftigt worden. Jetzt sollen die Forscher Jost Dülffer (Köln), Rolf-Dieter Müller (Potsdam), Klaus-Dietmar Henke (Dresden) und Wolfgang Krieger (Marburg) die Zeit zwischen 1945 und 1968 aufarbeiten.

Vorbild des BND-Gremiums ist das Auswärtige Amt, wo der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) seinerzeit eine Historikerkommission eingesetzt hatte. Ihr Bericht ergab, dass das Amt systematisch an der Judenvernichtung beteiligt war. Die Karrieren von Nazi-Diplomaten gingen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs „bruchlos“ weiter. Jetzt sollte zum Ende der Amtszeit von BND-Präsdient Ernst Uhrlau auch der Bundesnachrichtendienst den Blick in seine „braune“ Vergangenheit freigeben.

„Gründervater“ des BND war der Weltkriegsgeneral Reinhard Gehlen, der für Adolf Hitler mit der Wehrmachtsabteilung „Fremde Heere Ost“ Informationen über die sowjetische Armee sammelte. Nach Kriegsende hatte Gehlen alte Kameraden in der „Organisation Gehlen“ – dem Vorläufer des BND – um sich gesammelt. Viele von ihnen waren vorher in der SS oder bei dem berüchtigten Reichssicherheitshauptamt, der Zentrale des organisierten Völkermordes an den Juden, im Einsatz.