Nach der Volksabstimmung

Stuttgart-21-Gegner zwischen Schock und Trauer

Die Niederlage bei der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 bleibt ein schwerer Schlag für die Motivation der Bahnhofsgegner. Aufgeben wollen sie trotzdem nicht.

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Das blasse Recyclingpapier ist mühsam von Hand zurechtgeschnitten, am oberen Rand hat es ein einziges Ringbuch-Loch. Offenkundig hat da jemand die Bestände seiner Behörde oder Abteilung oder Schule geplündert, um für die womöglich vorletzte Montagsdemo aller Zeiten zu Stuttgart 21 schnell noch ein bissiges Flugblatt zu fabrizieren.

Aus einer Plastiktüte heraus verteilt ein Mittfünfziger das Blättchen mit fast konspirativer Miene und verschwindet dann flugs in der Menge, die vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof wie an jedem Montag seit 101 Wochen auf die Anti-S21-Kundgebung wartet. „Weg mit Kretschmann! Weg mit Schmid“ steht da in dicken Lettern, und: „Vorsicht! Rot-Grün steht für die Wiedereinführung einer Politik mit Gewalt.“

Bahnhofsgegner fühlen sich "über den Tisch gezogen"

Nun wird Baden-Württemberg zwar Grün-Rot regiert und nicht von Rot-Grün. Namentlich offenbart sich der Autor oder die für die Attacke verantwortliche Initiative auch nicht.

Aber die Aussage ist klar: Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein SPD-Stellvertreter Nils Schmid haben die Bürger „über den Tisch gezogen wie schon Schwarz-Gelb“. Sie sind Schuld am Debakel. Sie müssen verschwinden.

Die Stimmung der Stuttgart-21-Gegner schwankt zwischen Schock, Wut, Trauer und schierem Unglauben über die Niederlage, die niemand in dieser Deutlichkeit erwartet hatte. Wenn der Flugblattschreiber jedoch hoffte, dass die lange so laut skandierten „Mappus weg“-Schlachtrufe neu aufbranden würden, nur mit ausgetauschtem Landesvaternamen, so wurde er enttäuscht.

Grube zieht Kretschmann durch die Manege

Zwar tut auch so manch anderer seinem Unmut über den neuen Ministerpräsidenten kund, der den Tiefbahnhof jetzt ohne Wenn und Aber und Hintertürchen bauen helfen will. „Grube zieht Kretschmann am Nasenring durch die Manege“ hat sich ein Mann auf einen großen Hut geschrieben und meint damit den Bahn-Chef.

Doch bei den meisten herrscht offenkundig Ratlosigkeit, wer nun für den herben Schlag verantwortlich gemacht werden könnte und wie es weitergehen soll. Viele schicken per Plakat höhnische Botschaften an die Sieger: „Euch wird das Lachen bald vergehen“, oder: „Murks bleibt Murks“. Angriffe auf die Landesregierung, die das strittige Thema einer Volksabstimmung ausgesetzt hat, gab es jedoch von offizieller Seite keine.

Hannes Rockenbauch, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, mahnte sogar selbstkritisch, dass sich die Bewegung nun auch selbst fragen müsse, was sie falsch gemacht habe. Auf eine Sache ist er schon gekommen: „Ich war naiv und habe unterschätzt, wie stark noch dieser schwarze Filz wirkt.“

Widersacher des Bahnhofs ringen um neuen Kurs

Die Widersacher des Tiefbahnhofs ringen um einen Kurs. Der harte Kern gibt sich trotzig und träumt weiter vom Aus für das Projekt. Rockenbauch fordert wieder einmal einen Bau- und Vergabestopp, weil Stuttgart 21 noch nicht fertig geplant sei.

Doch der Gegenbewegung fehlt plötzlich völlig die Power, die lange durch ein „Wir sind ein Volk“-Gefühl genährt war. „Jetzt ist klar: Die Gegner sind eben nicht das Volk“, sagt der Stuttgarter Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider. „Das ist ein Schlag ins Motivationskontor.“

Er glaubt nicht, dass sich künftig noch leicht so große Massen gegen das Projekt mobilisieren lassen.

102. Montagsdemo soll die letzte sein

Das sieht offenbar die Anti-Bewegung auch selbst ein. Zwar soll es am kommenden Montag noch einmal eine Demo geben, die dann 102. Und am Tag zuvor treffen sich alle Initiativen, die gegen das Bahnprojekt kämpfen, zu einem großen Palaver im Stuttgarter Rathaus, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Doch der Rückzug der bisherigen Sprecherin des Aktionsbündnisses, Brigitte Dahlbender, von der Spitze, und die Stellungnahmen der Galionsfiguren zeigen klar an: So wie bisher geht es nicht weiter mit dem Protest. Ziemlich sicher wird es keine regelmäßigen Montagsdemos mehr geben.

Und wahrscheinlich ist, dass die Bewegung auf einige größere, medienträchtige Versammlungen setzt für den Fall, dass die Bäume gefällt oder Bahnhofsteile abgerissen werden. „Immer, wenn Gespenster auftauchen, ist es nötig, dass unser Widerstand da ist“, deutet Rockenbauch ein bisschen sehr verschwurbelt den künftigen Kurs an.

Stuttgart ist genervt von Staus und campierenden Gegnern

Künftig, so die Einschätzung von Kommunikationsprofessor Brettschneider, könnten die Gegner dabei aber auf eine ganz neue Situation stoßen: „Die schweigende Mehrheit ist sich plötzlich ihrer Größe bewusst geworden“, meint er.

Das könnte bedeuten, dass sie künftig Staus durch Demonstrationen, den Uringestank im Schlussgarten, weil dort seit Monaten Gegner campieren, oder das durch Störungen der Baustelle notwendige teure Polizeiaufgebot nicht länger einfach hinnehmen.

Erste Anzeichen dafür, dass Stuttgart zunehmend genervt ist von den letzten Uneinsichtigen, gibt es bereits. Gleich am Morgen nach der Volksabstimmung beschimpften Passanten die Parkschützer massiv, und die CDU forderte vom SPD-Innenminister, das Camp zu räumen.

Baumschützer wollen auf keinen Fall aus Schlossgarten weichen

Reinhold Gall setzt indes vorerst lieber auf Kommunikation und versucht, die Baumschützer freiwillig zum Rückzug zu bewegen. Es sieht allerdings nicht danach aus, dass das gelingen wird.

Einige der Belagerer haben schon per Internet angekündigt, auf keinen Fall weichen zu wollen. Parkschützer-Sprecher Matthias von Herrmann tat kund, verloren sei nur die Abstimmung über das Finanzierungsgesetz, mehr nicht. Und nur gut 12 Stunden nach dem Volksentscheid hatten rund 150 Gegner bereits wieder die Baustelle besetzt.

Weil dort allerdings derzeit keine intensiven Arbeiten durchgeführt werden, konnte die Blockade schnell aufgelöst werden. Sollten aber Bagger und Häcksler für die Bäume anrollen und sich ihnen Demonstranten in den Weg setzen, könnte das schnell anders aussehen. Die Polizei wartet derweil aber noch ab, ob es friedlich bleibt am Bahnhof.

Polizeisprecher Stefan Keilbach zufolge wird jetzt genau auf die Entscheidungen von Politik und Bahn geschaut, bevor die Einsatzpläne weiter verfeinert werden. Unverändert ist offenbar vorgesehen, im Januar 9000 Polizisten nach Stuttgart zu beordern, damit die Abrissarbeiten am Bahnhof begonnen werden können.

Auch soll auf einem Festgelände ein Containerdorf mit Arrestzellen errichtet werden, um übergriffige Demonstranten festzusetzen.