Euro-Krise

Die Griechenland-Checker – Unsere Jungs in Athen

Drei Top-Beamte prüfen, ob Athen seine Auflagen erfüllt. Ein Job, den sie nur mit Bodyguards machen können. Ihr Bericht entscheidet über Milliarden und die Euro-Zukunft.

Foto: Grafik Welt online

Dass es in Athen viel Arbeit gibt, merkten die drei Spitzenbeamten gleich am Anfang beim Mittagessen. Ein Kabinettsmitglied der griechischen Regierung hatte eingeladen. Er gab sich großzügig: Fast 750 Euro betrug die Rechnung am Ende für den Tisch.

Weltmännisch drückte der Minister dem Wirt 50 Euro Trinkgeld in die Hand und beschied, die Rechnung sei an sein Büro zu schicken. Es war das letzte Mal, dass die drei obersten Rechnungsprüfer mit dem Mann ausgingen. Sie selbst aßen danach häufiger im Kentrikon, einer schlichten Taverne.

Männer mit einer Mission

Nikos Koutouzis, der Wirt, erinnert sich an die Herren: Nicht mehr als 40 Euro kosteten die schnellen Essen der drei für gewöhnlich. Als Trinkgeld ließen sie ein, zwei Euro-Münzen auf dem Tisch liegen.

Geizig könnte man sie nennen - oder Männer mit einer Mission: Poul Thomsen, ein Däne, und die beiden Deutschen Matthias Mors und Klaus Masuch sind die Delegationsspitzen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) in Athen.

Jeder von ihnen führt ein Team von zehn bis zwölf Experten. Ihre gemeinsame Aufgabe: Griechenlands Fortschritte bei der Sanierung des maroden Staatshaushalts zu überwachen. Ihr Bericht wird darüber entscheiden, ob das Land in einigen Wochen die nächste Hilfstranche von acht Milliarden Euro erhält - oder über kurz oder lang bankrottgeht. Sie sind die Gewährsleute der europäischen Steuerzahler dafür, dass deren Geld nicht verpulvert wird.

Es gibt keine Hierarchie unter den drei Köpfen. Aber Poul Mathias Thomsen, Chef der IWF-Truppe, ist der erfahrenste von ihnen. Er ist vor 56 Jahren gerade einmal fünf Kilometer entfernt von der deutschen Grenze im dänischen Örtchen Kruså geboren und seit 29 Jahren für den IWF als Krisenmanager unterwegs in der Welt. Er hat Hilfen für Island und Russland koordiniert.

Griechen nennen Thomsen "Mr. Blue Eyes"

Der deutsche Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen - kein Mann, der mit Komplimenten um sich wirft - sagt über ihn: "Er ist der erfahrenste und beste Missionschef, den der IWF hat." Von "Mr. Blue Eyes", wie ihn die Griechen nennen, konnten auch die Experten von EZB und EU-Kommission noch lernen - trotz anfänglicher Vorbehalte gegen die Teilnahme des Fonds an der Griechenland-Rettung.

Bisher hatte der IWF schließlich fast nur Entwicklungsländer unterstützt. Am Ende waren die Europäer froh über die Kompetenz: "Der IWF ist daran gewöhnt, Krisen zu beheben, vielleicht mehr als die anderen beiden Organisationen", sagt Thomsen.

Wenn es etwas gibt, was sich an der Griechenland-Mission bislang als Erfolg verbuchen lässt, dann ist es die Tatsache, dass die Institutionen so eng zusammenarbeiten. "Alle drei Teams gehen gemeinsam in die Sitzungen", sagt Matthias Mors (48) von der EU-Kommission. Jeden Abend informieren die Leiter im Hilton-Hotel, wo sie wohnen, einander über die Ergebnisse. Bloß nicht von den Griechen auseinanderdividieren lassen, lautet die Devise. "Die Troika-Arbeit war eine sehr positive Überraschung. Man hätte ja Revierkämpfe erwarten können", sagt IWF-Mann Thomsen. "Die finden überhaupt nicht statt."

Der Job in Athen ist so schon schwierig genug. Immer wieder kam es vor, dass die Troika anreiste und die Ansprechpartner vor Ort die nötigen Daten nicht parat hatten. Inzwischen behindern auch Streiks, die zur Routine auf Athens Straßen geworden sind, das Geschäft.

Mal kommen die Missionschefs nicht in ein Ministerium hinein, weil Demonstranten das Gebäude blockieren. Anderthalb Stunden später trifft man sich dann anderswo mit dem Minister. Ein anderes Mal bestreiken die Beamten selbst ihr Haus. Ein schwieriger Prozess - für beide Seiten.

"Die griechische Regierung versteht, dass viele der schwierigsten Veränderungen erst noch anstehen. Gleichzeitig steigt die politische und soziale Ermüdung", sagt Thomsen. Dabei würden die Kontrolleure gern als Ratgeber gesehen: "Wir sind in Athen, um den Griechen zu helfen, ihr Schuldenproblem in den Griff zu bekommen und die öffentliche Verwaltung und Wirtschaft zu reformieren", sagt Masuch. Die Menschen sollten "bald wieder positive Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven haben".

Nur noch mit Bodyguards unterwegs

Am Anfang, vor anderthalb Jahren, glaubten die Griechen das noch. Wenn die Missionsmitglieder damals durch das Zentrum Athens gingen, die Jacke über dem Arm, wurden sie häufig angesprochen und ausgefragt. Längst aber ist das Klima feindselig geworden. Keiner der drei verlässt mehr ohne Bodyguard das Haus.

In Athen kennt man ihre Gesichter und mittlerweile werden sie auch anderswo in Europa erkannt und angegangen. Die täglichen Spaziergänge haben aufgehört, für die Wege von Termin zu Termin nutzen die drei jetzt Autos. Noch ist nichts passiert. "Aber Menschen drücken ihre Frustration manchmal in sehr unerfreulicher Weise aus", sagt Thomsen diplomatisch. "Das gehört zu den unschönen Seiten meiner Arbeit. Und in dieser Intensität ist das neu für mich."

Für Masuch, Mors und selbst für Thomson, der schon in 30 Ländern gearbeitet hat, war die Griechenland-Mission Neuland - wegen der engen Zusammenarbeit, weil ein Land in einer Währungsunion Hilfe braucht, weil dieser Auftrag größer ist als alle zuvor. Das kann ungeduldig machen - besonders, da seit Beginn der Mission eineinhalb Jahre verstrichen sind und die drei heute viele Dinge klarer sehen.

Als "sehr fordernd und strikt" werden sie von griechischen Gesprächspartnern beschrieben. "Sie haben Minister kommen und gehen sehen. Aber die Politik in Griechenland und deren Fehler blieben." Das akzeptiert die Troika nicht. Beim Statistikamt Elstat, dessen Zahlen zu prüfen die Hauptarbeit der Kontrolleure ist, ist man verärgert: "Manchmal hatten wir richtig den Eindruck, die sind gemein zu uns."

Vor allem Thomsen und Masuch gelten als Hardliner, die ein Nein nicht akzeptieren. "Masuch ist nicht bereit, sich lange Geschichten anzuhören", erzählt einer, der mit ihm zusammengearbeitet hat. Der EZB-Mann will sehen, dass Versprechen umgesetzt werden. Von Ausreden halte er wenig.

Er kontrolliert genau, ob Minister ihre Zusagen einhalten. "Wenn er nicht zufrieden ist mit dem, was man ihm erzählt, unterbricht er einen und wechselt das Thema, selbst wenn er dabei manchmal rüde wirkt."

Die Troika hat ihre Gründe für dieses Auftreten: "Die Griechen glauben, dass es reicht, ein Gesetz zu machen", sagt Mors. "Aber deren Umsetzung braucht Zeit. Und häufig fehlen da noch die richtigen Strukturen - zum Beispiel in der Steuerverwaltung." Und Masuch, den sie in Athen am meisten fürchten, erinnert die Griechen an ihr Dilemma: "Griechenland hat jahrelang nötige Reformen unterlassen und massiv über seine Verhältnisse gelebt", sagt er. Ohne die Finanzhilfen der Europäer "wären Wirtschaftseinbruch und Einkommensverluste in Griechenland noch viel dramatischer, als wir es derzeit beobachten."

"Griechenland steht an der Wegscheide. Es ist offensichtlich, dass das Programm nicht aufgeht, wenn die Behörden nicht den Weg nehmen, der viel strengere Strukturreformen bedeutet als die, die wir bisher gesehen haben", sagt Thomsen. In dieser Woche reisen sie wohl wieder ab. Ob Griechenland den mühsamen Weg nimmt? "Es geht zwei Schritte vor und einen zurück", sagt Thomsen. Das ist vorwärts, immerhin.