Politologe über Bahn-Anschläge

"Die RAF war wirklich ein ganz anderes Kaliber"

Es gehe den Tätern nicht um die Bahn, sondern um das große Ganze, meint der Politologe Carsten Koschmieder. Die Anschläge richteten sich gegen den Kapitalismus.

Nach dem Anschlag auf die Bahnstrecke Berlin-Hamburg und dem versuchten Anschlag am Hauptbahnhof der Hauptstadt sind am Dienstag erneut Brandsätze gefunden worden : am Grünauer Kreuz im Südosten Berlins und wieder am Hauptbahnhof. Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Carsten Koschmieder von der Freien Universität Berlin über die Zerstörungsaktionen.

Morgenpost Online: Sind die Anschläge gegen die Bahn Symptom einer steigenden Gewaltbereitschaft der linksextremen Szene?

Carsten Koschmieder: Es scheint so, aber das Problem ist, dass wir sehr wenig über die Szene wissen. Wir sprechen von kleinen, autonom voneinander agierenden Gruppen. Es könnte theoretisch sein, dass sich eine Minderheit der Szeneanhänger stark militarisiert hat. Wir wissen es einfach nicht.

Morgenpost Online: Zumal kaum ein Täter je gefasst wird, egal ob er die Bahn angreift oder ein Auto anzündet. Warum ist das so?

Koschmieder: Erstens agieren die Gruppen sehr dezentral. Es reicht also nicht, einmal einen festzunehmen, der einen dann zu den anderen führt. Zweitens fehlt bei solchen Taten oft das persönliche Motiv, das bei der Strafverfolgung oft zum Täter führt: Wenn einer in Berlin in einen anderen Bezirk fährt und ein Auto anzündet, mag das politisch motiviert sein, aber ansonsten hat man wenig in der Hand.

Drittens haben die Täter was im Kopf und planen ihre Aktionen sehr gut: Wann sie in der Nacht zuschlagen, wie sie es tun. Also das Gegenteil von Neonazis, die sich betrinken, jemanden totschlagen und noch am Tatort verhaftet werden.

Morgenpost Online: Warum ist die Bahn ins Visier von Extremisten geraten?

Koschmieder: Klar ist: Es geht hier nicht nur um die Bahn, sondern um das große Ganze. Die Bahn wird als Staatsunternehmen wahrgenommen, sie liefert logistische Unterstützung für ganz viele „böse Dinge“, etwa die Bundeswehr. Und sie steht für die Infrastruktur, ohne die es keine Globalisierung und keinen Kapitalismus gäbe. Im Bekennerschreiben findet sich dabei das interessante Wort „Entschleunigung“. Die Logik ist: Wenn die Bahn ausfällt, ist das ganze System betroffen. Ganz anders, als wenn man sagt: Wir fackeln jetzt eine einzelne Bankfiliale ab.

Morgenpost Online: Im Bekennerschreiben der „Hekla"-Gruppe geht es kreuz und quer vom Afghanistan-Einsatz über Hartz IV bis zum Hunger in Somalia. Steckt dahinter überhaupt eine kohärente Ideologie?

Koschmieder: Zumindest die Leute, die das verfasst haben, sehen dahinter natürlich einen logischen Sinn. Dinge, die erst einmal wenig miteinander zu tun haben, etwa Leistungsdruck und Waffenhandel, werden miteinander verwoben, um zu zeigen, was in der Gesellschaft angeblich falsch läuft. Und das alles wird dann darauf zurückgeführt, dass wir in einer kapitalistische Leistungsgesellschaft leben, die die Armen ausbeutet. Und dann kommt noch der Wikileaks-Informant Bradley Manning hinzu, was sich gegen die Heimat des Kapitalismus, die USA, richtet. Das passt auch immer.

Morgenpost Online: Kurios ist: Die Gruppe spricht den Normalbürger an und gesteht, die Aktionen seien „anmaßend“.

Koschmieder: Es hat ja im Mai schon einen Anschlag auf die S-Bahn am Berliner Ostkreuz gegeben, und weil viele Pendler damals lange warten mussten, hat das die Popularität der linken Szene nicht gerade gesteigert. Daher gab es auch innerhalb der Szene Kritik an der Aktion. Ich nehme daher an, dass die Gruppe sich rechtfertigen will: Es wurden zwar die kleinen Leute getroffen, aber es war immer noch richtig, die Bahn anzugreifen.

Morgenpost Online: Wie ernst muss man die Warnung der Gruppe nehmen, die „Kriegshauptstadt Berlin bis zum Stillstand“ zu sabotieren, und darüber hinaus andere deutsche und europäische Städte?

Koschmieder: Der Kampf richtet sich ja nicht nur gegen Deutschland, sondern gegen das gesamte westliche kapitalistische System. Deshalb sind die anderen Städte genauso legitime Ziele. Aber man sieht ja auch an den Autobränden: Berlin steht im Zentrum, in München, Wien oder Brüssel macht das keiner. Wir wissen es zwar noch nicht, ich schätze aber: Das sind Berliner Jungs, die es gerne hätten, dass die ganze Welt lahmgelegt wird.

Morgenpost Online: Der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, und der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach haben Parallelen zu den Anfängen der Rote-Armee-Fraktion gezogen: Auch diese hätte mit Brandanschlägen begonnen. Halten Sie das für berechtigt?

Koschmieder: Nein. Die RAF war wirklich ein ganz anderes Kaliber. Theoretisch kann man natürlich diese Parallele ziehen, aber dann müssten dieselben Täter bald anfangen, mit großkalibrigen Waffen durch die Gegend zu laufen und Menschen zu entführen oder zu ermorden. Davon gehe ich nicht aus, und wir haben auch derzeit keinerlei Anzeichen, dass es ähnlich weitergehen könnte.