Gorleben

Letzte Fuhre Strahlenmüll im düsteren Nadelwald

Der letzte Castor-Transport seiner Art macht sich auf den Weg nach Gorleben. Atomgegner und Polizei stehen bereit für ein längst bekanntes Ritual. Ein Ortsbesuch.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Man kennt sie schon jetzt, die Bilder des kommenden Wochenendes. Tausende Polizisten, Tausende Demonstranten, mitten in der nordostniedersächsischen Walachei. Ein Hauch von Räuber und Gendarm.

Am Ende fahren dann doch noch elf lange Laster die letzten 20 Kilometer von Dannenberg nach Gorleben . Die Klappe geht auf, die Klappe geht zu. Polizisten und Demonstranten ziehen ab. Der "Castor" ist an seinem Ziel. Gorleben. Endstation für hoch radioaktiven Abfall. Ein Bis-auf-Weiteres-Lager.

"Nein", sagt Lutz Oelschläger, "das ist nur ein Zwischenlager." Für wie lange? "Wir haben die Genehmigung bis 2034." Und dann? "Na, dann wird man wohl irgendwann eine Verlängerung der Einlagerungsgenehmigung benötigen."

Ja, so wird das wohl sein, wenn man einigermaßen richtig einschätzt, was die Politik im Sinn hat mit ihrer Energiewende und der nun wieder von vorn beginnenden Suche nach einem Endlager für die strahlenden Überreste des kurzen deutschen Kernenergie-Zeitalters.

Düsterer Nadelwald im Wendland

Man sollte sich also vielleicht doch noch mal umgucken im Wendland. Bei Lutz Oelschläger, dem Chef hier draußen im Trebeler Forst bei Gorleben. Früher kam ein Stück weiter die Grenze zur DDR.

Düsterer Nadelwald. Mittendrin ein ungefähr dreieckiges Gelände mit hohem Wall und Zaun und Kameras ringsherum. Ein Polizeibulli parkt gleich am Eingang.

Wenn man nicht wüsste, wo man ist, würde man vielleicht auf einen der neumodischen Riesenschlachthöfe tippen, die ja auch meist irgendwo im grünen Niemandsland entstehen und außen herum aussehen, als müsse man auf Selbstschussanlagen achtgeben.

Man braucht für das Zwischenlager Gorleben Personalausweis und Anmeldung und einen, der weiß, dass man kommt. Dann wird einem auch einiges gezeigt. Die große Halle, fast 200 Meter lang und 50 Meter breit, in der die Castoren stehen.

Im Inneren einer "kerntechnischen Anlage"

Blau, Rot, Ockergelb. 97 Stück derzeit. Darin findet sich, fest verpackt in Stahl, eingeschmolzen in sogenannten Glaskokillen, der heiße Rest des Kernbrennstoffs. Sieht aus wie ein Satz viel zu großer Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren. Nur Grün fehlt.

Entlang der Hallendecke kann ein großer roter Kran gesteuert werden, der die mehr als 100 Tonnen schweren "Castoren" an jeden Platz der Halle wuchten kann. Nur rausschmeißen geht nicht.

Man hat aber ein bisschen umgeräumt hier im vergangenen Jahr, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Die Behälter wurden weiter von den Wänden abgerückt. Das soll womöglich besser so sein für den Fall eines Terrorangriffs, heißt es vage.

Aber Genaueres erfährt man natürlich nicht. Wir befinden uns schließlich in einer "kerntechnischen Anlage", wie alle Orte heißen, an denen man mit spaltbarem, also lebensgefährlichem Material zu tun hat. Und da geht es dann zu wie im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Stuttgart-Stammheim.

Ein Hühne, der Handball gespielt hat

Sicherheitsschleuse, 24 Überwachungsmonitore, Kameras, wohin man schaut. Dazu eine Ehrenurkunde der IHK Lüneburg-Wolfsburg zum 25. Bestehen des Brennelementelagers, als friedensstiftender Gruß aus der Normalwelt.

Man wundert sich also fast, dass Lutz Oelschläger keine Waffe dabei hat, und stattdessen berichtet, dass man schließlich auch ausbilde in seinem Betrieb. Oelschläger ist der Werksleiter hier draußen.

Ein Hüne, der ein bisschen zu lange Handball gespielt hat beim MTV Dannenberg als Kreisläufer und "Abwehrbollwerk", was man ihm auf Anhieb abnimmt. Bestimmt nicht zimperlich. Nach der vierten Knie-OP war dann doch mal Schluss. Ohnehin kann sich der studierte Kerntechniker schlecht trennen.

Wenn man ihn fragt, was er denn von der Energiewende halte, dann sagt er Sätze, die man zu diesem Thema nur noch ganz selten hört, in Deutschland jedenfalls: "Es ist traurig, das man das gemacht hat." Die Kernenergie sei doch wie der Computer eine Technik, die man dringend beherrschen müsse.

Ein Endlager? Am St. Nimmerleinstag

Oelschläger kann dann gleich einen Vortrag halten über die Kernfusion, die die einzige Option sei, die Welt insgesamt mit ausreichend Energie zu versorgen. Und ein bisschen träumt er auch davon, dass die von ihm in den 90er-Jahren mitgebaute "Pilotkonditionierungsanlage" (PKA) im hinteren, spitzen Teil des Dreiecks im Trebeler Forst eines Tages doch noch ihren Betrieb aufnimmt.

Hier könnte man den Strahlenmüll aus den Transportbehältern in seine endlagerfähigen Behälter umfüllen. Technisch ab sofort, aber gesetzlich ist dieser Schritt erst möglich, wenn es tatsächlich ein Endlager gibt. Also am St. Nimmerleinstag.

Bis dahin kostet die quadratische Halle, 450 Millionen Euro teuer und das eigentliche Herz der Gorlebener Anlagen, Jahr für Jahr 25 Millionen Euro Wartungskosten. Es sei ein "Wermutstropfen", sagt Lutz Oelschläger, dass er den Betrieb dieser PKA wohl nicht mehr miterleben werde. "Wir beherrschen das doch."

Man kann sich denken, dass das viele seiner Nachbarn hier im Wendland ganz anders sehen. Oelschläger, der im sächsischen Zittau studiert hat, wohnt seit Anfang der 90er-Jahre in Gusborn.

Das ist der Ort, an dem die "Bäuerliche Notgemeinschaft", also die Eingefleischtesten unter den eingefleischten Wendlandverteidigern, ihre Hochburg haben und in dem es "Jahre gab, in denen es manchmal schon sehr ins Persönliche" gegangen sei.

Oelschläger hat sogar Freunde im Ort

Inzwischen aber, sagt Oelschläger, habe er sogar Freunde, in deren Garten das gelbe Kreuz, das Zeichen des Widerstands gegen seine Atomanlage, stünde. "Die haben irgendwann gemerkt, dass wir hier ordentliche Arbeit leisten. Und Menschen sind."

Jedenfalls sind weder Lutz Oelschläger noch seine ebenso bodenständige Betriebsleiterin Michaela Gosch-Warning noch der ordentliche Strahlenschütze Hartmut Schulze jene fiesen Verheimlicher und Vertuscher und Heimathochverräter, die man im Zwischenlager Gorleben erwartet, wenn man sich mal wieder die gängigen Gorleben-soll-leben-Websites durchgeguckt.

"Schmu", "Betrug", "Täuschung der Öffentlichkeit" haben die Atomkraftgegner Oelschläger und seinen Kollegen in diesem Herbst vorgeworfen.

Sie würden sich die Strahlenwerte ihrer Castoren schön rechnen und die Menschen im Wendland auf Dauer unverantwortlicher Strahlungsmengen aussetzen. Nie im Leben dürfe hier weiteres strahlendes Material eingelagert werden. Castor Stopp jetzt! Und so weiter und so weiter.

Die Messungen sind angeblich in Ordnung

Oelschläger bestreitet das alles natürlich und lässt seinen Strahlenschützer Schulze vorrechnen, warum es eine Tartarenmeldung gewesen sei, die der für die Messungen zuständige Landesbetrieb Mitte des Jahres veröffentlicht hatte.

Darin war prognostiziert worden, dass der zulässige Strahlenwert am Zaun des Zwischenlagers zum Jahresende womöglich überschritten wurde. Damit hätte der jetzt erwartete Castor-Transport abgesagt werden müssen.

Woraufhin die für solche Fälle zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt das Ganze noch einmal nachmaß und alles in Ordnung fand. Alle Werte im grünen Bereich. Was Greenpeace selbstverständlich kritisiert, während die niedersächsische Landesregierung den neuen Castor-Transport dann eben doch genehmigte. Am heutigen Mittwoch geht es los im französischen Valognes.

Alle Beteiligten sind also wieder auf ihren angestammten Plätzen pünktlich zum letzten, eintausend Kilometer langen Transport von hoch radioaktivem deutschem Atomabfall aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich nach Gorleben.

Zehn volle und ein halber Castor-Behälter

Pro und Contra. Experte und Gegenexperte. Wenn man sich danebenstellt und versucht, Werte und Wiederwerte einigermaßen neutral miteinander zu vergleichen, dann denkt man: Na, so groß ist der Unterschied ja nun gar nicht.

Aber wer will schon Schiedsrichter sein in einem Spiel, das jetzt seit 35 Jahren andauert und in dem garantiert immer einer meckert, auf Stur schaltet oder den Kopf schüttelt.

Also fährt man lieber erst mal wieder nach Haus auf der schnurgeraden Straße durch das Trebeler Forst, und ist ganz froh, dass der nächste Castor-Transport der vorläufig letzte seiner Art sein wird.

Zehn volle und einer halb voller Castor-Behälter. Aus La Hague wird danach nur noch ein Zug mit weniger stark strahlendem Material kommen. Zwei weitere, frühestens 2014, mit hoch radioaktiven Abfällen, aus dem englischen Sellafield. Danach ist dann endgültig Schluss mit Castor-Transporten im Wendland. Bis auf Weiteres jedenfalls.