Deutscher Lernatlas

In und um München ist die Bildung am besten

Bei der Bildung hängt der Süden Deutschlands den Norden ab, Dörfer übertreffen die Städte. Und das nicht nur in puncto Schulbildung. Dresden überrascht.

Der Ernst des Lebens beginnt längst nicht mehr mit der Schule, geschweige denn endet er irgendwann. Ernst kann das Leben auch beim Bier im Vereinsheim der Feuerwehr, beim abendlichen Konzertbesuch oder beim Origami-Kurs an der Volkshochschule sein. Orientiert man sich an einer aktuellen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, die den Titel „Deutscher Lernatlas“ trägt, hat das, was man bisher als reines Freizeitvergnügen deklarierte, eine weitere wichtige Funktion: Es soll dabei etwas gelernt werden oder mindestens ein Umfeld entstehen, in dem dies möglich ist.

Die Stiftung hat auf Basis riesiger Datenmengen versucht, den schwammigen Begriff des „lebenslangen Lernens“ zu fassen. „Der Lernatlas verdeutlicht, dass Lernen mehr ist als Schule“, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied für den Bereich Bildung in der Bertelsmann Stiftung.

412 Landkreis und kreisfreie Städte bewertet

Bertelsmann hat zunächst vier von einer Unesco-Kommission erarbeitete Lern-Umgebungen herangezogen: das schulische Lernen, das berufliche, soziale und persönliche Lernen. Jede Gruppe setzt sich aus bis zu zehn Kennzahlen zusammen, die unterschiedlich gewichtet werden.

Schulisches Lernen definieren etwa die Leseleistung und mathematische Kompetenz von Schülern. Doch auch die Zahl der Sitzenbleiber, das Angebot an Studienplätzen und das Alter der gut Ausgebildeten spielt eine Rolle. Beim beruflichen Lernen interessierten sich die Autoren für die Zeitdauer, die zwischen Arbeitslosigkeit und Neubeschäftigung vergeht, aber auch die Zahl der durchgeführten VHS-Kurse.

In den Bereich des Sozialen Lernens geht das Engagement bei Vereinen, in Kirche und beim Roten Kreuz ein, aber auch die Wahlbeteiligung. Schließlich finden sich die Zahl der Museums- und Konzertbesucher, der Sportvereine und die Neigung zum Bücherlesen im Index für persönliches Lernen.

Anhand dieser Kriterien wurden 412 Landkreise und kreisfreie Städte in Deutschland bewertet. So sollte ermittelt werden, wo es sich am besten lernt.

Der Süden liegt vor dem Norden

Sieger der Gesamtauswertung sind die südlichen Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen. Vor allem bei der Schulbildung überholen sie den Norden deutlich. Das ist nicht weiter überraschend, zogen die Autoren der Studie doch dafür die Daten aus Schulvergleichsstudien wie Pisa oder Iglu heran, in denen die genannten Länder seit Jahren die Spitzengruppe darstellen.

Insgesamt erreichen die schlechtesten Kreise und kreisfreien Städte in den drei Ländern immer noch bessere Ergebnisse als die besten Regionen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern. Schwächstes Flächenland im Westen ist Nordrhein-Westfalen.

Berlin erreicht nur beim Punkt persönliches Lernen beste Werte. Grund ist das enorme Kulturangebot in der Hauptstadt, die gute Versorgung mit Breitbandinternet. Wegen schlechter Werte im den Bereichen Schule, Beruf und soziales Engagement landet Berlin unter den Großstädten aber nur an zehnter Stelle, vor Essen, Dortmund, Bremen.

Soziales Lernen zeigt Ost-West-Gefälle

Besonders gut ist die Situation in den Regionen, die unmittelbar an prosperierende Großstädte grenzen, die berühmten Speckgürtel. Hier mischt sich, was im Sinne der Autoren das lebenslange Lernen am ehesten garantiert: die Nähe zur Stadt und ihren kulturellen Einrichtungen, ihrem Arbeitsplatzangebot mit der Ehrenamts- und Kümmerer-Kultur des ländlichen Raums.

Auf den ersten fünf Plätzen stehen vier Landkreise in der Nähe von München; die Stadt nimmt ihrerseits unter den Großstädten den ersten Rang ein. Der Überraschungszweite ist Dresden, es folgen Stuttgart und Nürnberg. Unter den Kreisen im ländlichen Raum steht Main-Spessart ganz oben, gefolgt von den Kreisen Eichstätt, Kitzingen und Landsberg am Lech.

Zeigt sich beim Blick auf die Schule ein starkes Nord-Süd-Gefälle, geht die Schere beim sozialen Lernen zwischen Ost und West auf. „Nach der Wende und der Auflösung der staatlich organisierten Engagementstrukturen der DDR entwickelte sich in den neuen Bundesländern nur langsam eine neue, eigenständige Engagementkultur“, schreiben die Autoren. In einzelnen Bereichen holt der Osten aber auf. Freiwillige Feuerwehren und das Rote Kreuz sind etabliert, und beim Engagement für Ältere schneiden die östlichen Länder sogar besser ab als der Westen.

"Wichtige Fundgrube"

Welche politischen Schlussfolgerungen sind aus der Untersuchung zu ziehen? Die Autoren wollen sich nicht festlegen. „Der Deutsche Lernatlas ist kein Steuerungsinstrument für Bildungsplanung und –management“, schreiben sie. In den nächsten Jahren soll er aber weiter optimiert werden. Die Auswahl der Kriterien bestimmte nämlich neben inhaltlichen Erwägungen schlicht die Datenbasis. Sachverhalte, zu denen nicht Daten aus mindestens 75 Prozent der 412 Regionen vorlagen, sparte man aus. Neue Daten wurden nicht erhoben. Deshalb wird die Bereitschaft zur Knochenmarkspende einbezogen, die zur Blutspende aber nicht.

Die Studie dürfte gleichwohl auf fruchtbaren politischen Boden fallen. „Der Lernatlas ist eine wichtige Fundgrube für die verschiedenen Bedingungen, unter denen sich Bildungsbiografien gut entwickeln können. Das wird die Bildungsdebatte bereichern“, sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Bisher ist der Begriff des „lebenslangen Lernens“ unscharf, die Untersuchung definiert nun immerhin 38 – wenngleich teilweise willkürlich anmutende – Parameter. Die Notwendigkeit von lebenslangem Lernen wird vor allem ökonomisch begründet. In einer Veröffentlichung des Bundesbildungsministeriums zum Thema, die eine gute Woche alt ist, heißt es: „Gleichzeitig muss Lernen auch für Menschen in der spät- und nachberuflichen Phase attraktiv bleiben – zum einen, damit ihr Wissen und ihre Kompetenzen erhalten bleiben. Zum anderen, um gesellschaftliche Teilhabe und die Wertschätzung ihrer Erfahrungen zu ermöglichen.“

Bildungsprämie wird verlängert

Das Bildungsministerium vergibt seit 2008 eine sogenannte Bildungsprämie an Menschen, die sich beruflich weiterbilden. Seither wurden über 150.000 Prämien ausgegeben. Das Programm, das eigentlich zum 30.November auslaufen sollte, wurde noch einmal um zwei Jahre verlängert.

Darüber hinaus wird darüber diskutiert, wie Weiterbildung und lebenslanges Lernen im Rahmen des sogenannten Europäischen Qualifikationsrahmens bewertet werden können. Dort werden alle Bildungs- und Berufsabschlüsse auf acht Stufen dargestellt.

Bildungsministerin Schavan will Weiterbildung auf die fünfte Stufe setzen. Bisher haben die Kultusminister dort das Abitur und einige berufliche Abschlüsse vorgesehen. Anfang Dezember trifft sich die Ministerin mit den Länderkollegen, um noch einmal zu verhandeln. Sie will die sichtbare Aufwertung des lebenslangen Lernens.

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