100 Tage BFD

Die Zivis gehen, die Bufdis kommen

Familienministerin Kristina Schröder sieht den Start des Bundesfreiwilligendienstes als "Riesenerfolg". Noch läuft aber nicht alles optimal.

Foto: Sven Lambert

Einmal wurde Julia Vogels neue Tätigkeit zur echten Belastungsprobe. Die 19-Jährige begleitete eine Rentnerin mit schwersten Rückenschmerzen zum Arzt. „Jeder Schritt war für sie eine Qual“, sagt die Abiturientin. „Das war auch für mich sehr schwierig.“ Ansonsten hat die junge Frau aber viel Freude an ihrer Arbeit. Dazu gehört nicht nur, gebrechlichen und teilweise demenzkranken Rentnern bei Arztbesuchen zu helfen, sondern auch, mit ihnen spazieren zu gehen oder ihnen zu Hause Gesellschaft zu leisten. Vogel ist eine „Bufdi“ – sie engagiert sich beim Bundesfreiwilligendienst (BFD).

Nach dem Abitur hatte sie dasselbe Problem wie viele Menschen in ihrem Alter: „Ich wusste nicht so recht, was ich studieren will.“ Da Vogel sich für den sozialen Bereich interessierte, recherchierte sie lange im Internet und stieß schließlich auf den BFD. Seit September ist die Augsburgerin nun als Bufdi beim Gesundheitsdienstleister Pro Vita in Berlin, der pflegebedürftige Menschen zu Hause betreut.

Nach den ersten sechs Wochen ist sie mit ihrer Entscheidung, sich ein Jahr freiwillig sozial zu engagieren, sehr zufrieden: „Wenn man frisch vom Gymnasium kommt, hat man solche Erfahrungen noch nie gemacht“, sagt Vogel.

Der Pflegenotstand ist bislang nicht eingetreten

Der BFD startete vor 100 Tagen, am 1. Juli, und er ermöglicht bürgerschaftliches Engagement in den Bereichen Soziales, Umweltschutz, Kultur, Sport und Integrationsarbeit. Er wurde geschaffen, um weitgehend den Zivildienst zu ersetzen. Dieser ist mit Ende der Wehrpflicht zum Auslaufmodell geworden: Bis Jahresende werden die letzten 1783 Zivis ihren Dienst beenden.

Noch im September warnten Sozialverbände, die vom Bund geplanten 35.000 Bufdi-Stellen könnten nicht besetzt werden, Deutschland drohe ein Pflegenotstand. Doch der ist bislang nicht eingetreten.

„Ich bin sehr zufrieden, inzwischen haben 18.000 Menschen BFD-Verträge unterschrieben“, sagt die zuständige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) "Morgenpost Online“. Somit hat der Bund bereits mehr als die Hälfte der Stellen besetzt, mit denen er 2012 plant – für Schröder ein „Riesenerfolg“.

Auch habe sich nicht die Sorge bestätigt, dass sich junge Männer mit dem Ende des Zivildienstes vom sozialen Bereich abwenden würden: Aktuell sind 55 Prozent der Bufdis Männer, 45 Prozent Frauen. „Die Abschaffung des Zivildiensts war ein Risiko, aber heute können wir sagen: Es ist kein Krankenwagen in der Garage geblieben“, stellt Schröder fest. „Unsere soziale Infrastruktur funktioniert weiterhin.“

"Mittlerweile ein Erfolg"

Mehrere große Sozialverbände bestätigen einen starken Zulauf an Freiwilligen. Claudia Beck vom Deutschen Caritasverband spricht von einer „sehr erfreulichen Resonanz“: „Wir haben bundesweit 3300 Freiwilligendienststellen eingeplant, davon hatten wir Ende September bereits 2600 besetzt.“

Auch Fredrik Barkenhammar, Sprecher beim Deutschen Roten Kreuz, zeigt sich zufrieden: 1200 Bufdis seien bundesweit schon im Einsatz, man plane mit bis zu 10.000 Stellen. Der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler, sagt: „Nach einem etwas holprigen und schleppenden Start ist der Bundesfreiwilligendienst mittlerweile ein Erfolg.“

Der BFD ähnelt dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ), die jeweils auf Landesebene angeboten werden. Während FSJ und FÖJ die Altersobergrenze bei 27 Jahren ziehen, steht der BFD aber allen Menschen offen, die ihre Pflichtschulzeit beendet haben. Das Konzept gehe auf, findet Ministerin Schröder: „Rund 20 Prozent der Bufdis sind älter als 27, auffällig viele gehören der Gruppe der 50- bis 70-Jährigen an.“

Jeder Platz wird mit 200 Euro im Monat gefördert

Auf die Warnung von Baden-Württembergs Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD), der Dienst könnte das beliebte Freiwillige Soziale Jahr langfristig verdrängen, erwidert Schröder: „Zunächst einmal muss man klarstellen, dass beim FSJ in den vergangenen Jahren auf einen Platz zwei Bewerber kamen.“ Dank dem BFD bekomme aber nun jeder, der sich bürgerschaftlich engagieren wolle, die Chance dazu.

Die Gefahr eines Verdrängungswettbewerbes bestehe nicht: „Wir haben darauf geachtet, dass BFD und FSJ gleichgewichtig ausgestattet sind, es gibt ja auch grundsätzlich dieselbe Anzahl Plätze von je 35.000“, sagt Schröder. Auf die gleiche Behandlung der Freiwilligendienste habe man sich auch mit den wichtigsten Trägern geeinigt.

Der Bund steckt jährlich 350 Millionen Euro in BFD, FSJ und FÖJ, wobei er jeden Freiwilligenplatz mit jeweils etwa 200 Euro pro Monat fördert. „Für die Freiwilligen sollte es in Zukunft keinen Unterschied machen, wofür sie sich entscheiden“, sagt die Ministerin.

Noch läuft die Abwicklung des BFD aber nicht so flüssig ab wie die von FSJ und FÖJ. Ralf Schulte vom Naturschutzbund Deutschland weist auf „administrativ-technische Probleme“ hin. „Wir wollen in den kommenden fünf Jahren 2500 Einsatzstellen schaffen, aber die Bearbeitungszeit beim zuständigen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bezüglich der Stellen ist noch sehr lang, bis zu sechs Wochen“, sagt Schulte. Bis die Verträge der Freiwilligen bearbeitet sind, dauere es noch einmal bis zu acht Wochen. „Wir müssen also durch einen bürokratischen Flaschenhals.“

Ähnlich lautet die Kritik der Deutschen Sportjugend (DSJ). Der BFD sei „relativ verwaltungsintensiv“, konstatiert DSJ-Referentin Jaana Eichhorn. „Für die Träger und die Einsatzstellen wäre ein einfacheres Verfahren wünschenswert.“

Zumindest für Julia Vogel hat sich der freiwillige Einsatz schon gelohnt. Die 19-Jährige ist nun sicher, welchen Weg sie bei Studium und Karriere einschlagen wird: „Ich will später auf jeden Fall anderen Menschen helfen.“ Anderen jungen Frauen und Männern, die sich beruflich orientieren wollen, würde sie den BFD empfehlen: „Das ist eine richtige Berufserfahrung, viel mehr als ein Praktikum.“

Größtes Problem: Kindergeld

Ob die Mehrheit der Bufdis ähnlich zufrieden ist, beschäftigt inzwischen auch die Wissenschaft. Die Berliner Hertie School of Governance und das Centrum für soziale Investitionen und Innovationen der Universität Heidelberg haben kürzlich ein Forschungsprojekt zum BFD gestartet. Dieses soll Stärken und Schwächen des neuen Dienstes aufzeigen, wobei die Erfahrungen der Freiwilligen berücksichtigt werden. Im Frühjahr 2012 sollen erste Ergebnisse vorliegen – idealerweise mit Empfehlungen an die Politik, wie man den Dienst verbessern kann.

Das derzeit größte Problem: Eltern, die Kindergeld beziehen, haben darauf keinen gesetzlichen Anspruch mehr , wenn ihre Kinder zum BFD gehen. Ministerin Schröder hat bereits vor Monaten angekündigt, dass es einen gesetzlichen Anspruch auf Kindergeld geben wird, doch den muss der Bundesrat erst noch am 25. November durchwinken. Schröder beruhigt: „Es ist Konsens, dass die Gesetzesänderung durchgeht.“

Praktisch heißt das: Die Familienkassen können den Eltern von Bufdis das Kindergeld in der Regel erst rückwirkend nach der Entscheidung der Länderkammer auszahlen. Dies sei „natürlich nicht schön“, sagt Schröder, „aber ich bin froh, dass überhaupt Kindergeld gezahlt wird.“

Die Bufdis erhalten ansonsten ein Taschengeld von maximal 330 Euro pro Monat und teilweise, abhängig von der Einsatzstelle, Wohngeld. Viel Geld ist das nicht. Für viele Bufdis und ihre Eltern wäre das monatliche Kindergeld daher eine willkommene Erleichterung. Und sicherlich sind diese 184 bis 215 Euro pro Kind auch ein Kriterium, ob sich weitere Familien für den BFD entscheiden.