Wahlkampf in Bayern

CSU-Gegner kommen sich im Schweinestall näher

Landpartie mit Ferkel: SPD-Spitzenkandidat Christian Ude umgarnt den Chef der Freien Wähler in Bayern. Er braucht ihn, wenn er in Bayern den Machtwechsel schaffen will.

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Die Opposition in Bayern formiert sich neu. Es sind noch zwei Jahre bis zur Landtagswahl, aber jetzt werden die Weichen für ein Bündnis gestellt, das Ministerpräsident Horst Seehofer und die CSU nervös macht. Christian Ude, der Münchner Oberbürgermeister und populäre Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, springt dafür auch mal über seinen Schatten.

Der bekennende Schwabinger Bohemien wagt sich aufs Land – ins niederbayerische Rahstorf, ein Ort mit 70 Einwohnern, 92 Kilometer vor den Toren der Landeshauptstadt. Hier hat Hubert Aiwanger, der Landeschef der Freien Wähler, seinen Bauernhof.

Am Samstag kam es zum ersten Treffen zweier unterschiedlicher Oppositionspolitiker, die sich noch brauchen werden: Ude bietet Aiwanger sofort das Du an und zeigt sich interessiert. Vergeblich will er mit ein paar Kälbern Kontakt aufzunehmen. „Die haben keinen Namen, das sind Nutztiere. Das habe ich vorher im Internet gelesen.“ Mit Ferkeln hat der Städtetagpräsident mehr Glück. Eisern lächelnd hält Ude ein rosa Schweinchen in die Kameras – in der Hoffnung, dass sein eleganter Trachtenjanker dabei keinen Schaden nimmt.

SPD und Freie Wähler könnten 2013 Schwarz-Gelb ablösen

Wie man eine Sau packt, hatte ihm zuvor Hubert Aiwanger verraten. Im Stall des elterlichen Bauernhofes liegen fette Muttertiere, an denen aufgeregt Spanferkel säugen. Es riecht etwas streng, alles ist sauber aufgeräumt. Aiwanger zeigt Selbstbewusstsein: „Seehofer hätte Probleme, mir den Hof zu machen. Das würde ihm seine Partei nicht erlauben.“ Ude aber darf dem machtbewussten Freie-Wähler-Chef die Aufwartung machen.

Zusammen mit den Grünen könnten SPD und Freie Wähler bei der Landtagswahl 2013 die CSU vielleicht ablösen. Die Chancen für eine Dreier-Koalition scheinen gut. Die Seehofer-Partei liegt in den Umfragen zwischen 42 und 45 Prozent, und niemand erwartet, dass ihr Koalitionspartner FDP wieder in den Landtag einzieht.

Die verunsicherte CSU fürchtet diese Konstellation. Die Opposition ist aber noch in der Findungsphase. Während SPD und Grüne, die seit Jahren zusammen München regieren, gut miteinander auskommen, ist Aiwangers Truppe etwas sperrig.

Aiwanger will sich teuer verkaufen

Die Freien Wähler sind stark auf dem Land. Oft Fleisch vom Fleische der CSU, konservativ, bürgerlich, bodenständig. Ihre Zweifel sind groß, ob der Städter Ude wirklich weiß, welche Probleme man auf dem Dorf hat: Ärztemangel, Überalterung, schlechte Infrastruktur. Während Ude in München Glasfasernetze für 100 Megabit-Datenautobahnen verlegen lässt, ärgert man sich in Aiwangers Heimat über langsame 384-Kilobit-Internetverbindungen.

Aiwanger, der persönlich einen tiefen Groll gegen die CSU hegt, will sich teuer verkaufen. Die Freien könnten schließlich zum Zünglein an der Waage werden. Auch nach dem ersten Gespräch mit Ude weigert sich Aiwanger standhaft, eine Koalitionsaussage zu machen.

Ude lobt ihn dafür. Das zeige die „hohe Professionalität“ Aiwangers. „Jeder kämpft erst mal für sich“, schmeichelt er. Der Freie-Wähler-Chef hebt im Gegenzug freundlich die Gemeinsamkeiten, beispielsweise in der Schulpolitik, hervor. Dabei ist er nicht immer so zimperlich.

Flughafen-Konflikt erinnert an Stuttgart 21

Zwei Stunden zuvor hatte Aiwanger auf dem Münchner Marienplatz, direkt unter dem Amtszimmer von Oberbürgermeister Ude, noch gegen den SPD-Politiker gewettert: „Wenn ich nicht so tierlieb wäre, würde ich ihn so lange in den Kälberstall sperren, bis er sich von der dritten Startbahn verabschiedet.“ Denn während in Frankfurt gerade die vierte Starbahn eingeweiht wurde, entwickelt sich in München wegen einer dritten Bahn ein Konflikt, der an Stuttgart 21 erinnert. Knapp 10.000 Menschen demonstrierten am Samstag wieder.

Es spaltet auch die potenzielle Dreier-Koalition. Ude ist als Münchner Oberbürgermeister dafür. Die SPD ist gespalten, Grüne und Freie Wähler sind dagegen. Ude dagegen zieht werbend übers Land, agiert nicht immer glücklich. Er verprellt bei einem Flughafen-Ortstermin die Anwohner.

Für Spott sorgen seine Lücken in Heimatkunde, wenn er Ober-, Mittel- und Unterfranken durcheinanderbringt. Er hofft, dass Gerichte oder Bürgerentscheide die Startbahnfrage noch vor der Wahl entscheiden und die Freien Wähler sich nicht doch noch für die CSU, sondern für Rot-Grün entscheiden. Nach dem Bauernhof-Besuch stehen die Chancen jedenfalls günstiger.

„Am Flughafen wird die Koalition nicht scheitern“, sagt Aiwanger. Auch Siegfried Zitzmann, Nachbar aus Oberhatzkofen und seit 2001 Mitstreiter Aiwangers, ist sicher: „Ich glaube, dass der Aiwanger am Schluss mit der SPD zusammengeht.“ Udes Ferkel-Bändigung könnte sich also gelohnt haben.