Boetticher-Nachfolger

De Jager – Herr Unauffällig rückt ins Rampenlicht

Nach dem Rücktritt von Christian von Boetticher wegen einer Liebesaffäre soll Jost de Jager neuer Parteichef der Nord-CDU werden. Eine Alternative ist nicht in Sicht.

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Es gibt Momente, in denen ist Jost de Jager sehr viel wacher, sehr viel aufgeweckter als die allermeisten Politiker. Zumal in Schleswig-Holstein, wo mancher bekanntermaßen erst sehr, sehr spät aufwacht.

Es war de Jager, der als einer der ersten Funktionsträger der Union bundesweit eine „drastische Verkürzung der Laufzeiten“ für alle deutschen Kernkraftwerke forderte. Er legt auch gleich ein ziemlich schlüssiges Konzept vor, wie dieser Umbau der Energieversorgung vor sich gehen sollte. Netzausbau, Preisgestaltung, Investitionshilfen, alles drin. Das war am 17. März, knapp eine Woche nach dem Reaktorunfall von Fukushima.

Peter Harry Carstensen glaubte damals noch, seinen ungestümen Wirtschaftsminister bremsen zu müssen. De Jager plante da längst neue Überlandleitungen und stellte auf einer Pressekonferenz seine Idee für die Speicherung regenerativer Energien vor. Man kann das alles noch nachlesen. Und stellt dann schnell fest, dass andere für die gleichen Ergebnisse Monate benötigt haben.

Damit ist auch Jost de Jagers Defizit schon angetippt. Es wussten nicht so viele von seinen schnellen Schritten. Er agiert nämlich ziemlich unauffällig, drängt sich nicht unbedingt nach vorn. Auch Wirtschaftsminister wurde der bodenständige de Jager erst, nachdem der lärmige Werner Marnette und der glücklose Jörn Biel glanzlos gescheitert waren.

Das Prinzip wird sich fortsetzen: Nach dem seit Langem erklärten Rückzug Peter Harry Carstensens und dem fürchterlichen Fall Christian von Boettichers wird die Union am Dienstagabend aller Voraussicht nach Jost de Jager (46), verheiratet, eine Tochter, für das Amt des Parteichefs der Nord-CDU nominieren. Und zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 6. Mai 2012.

Man wird darüber nicht lange debattieren. De Jager gilt neben seinem amtsmüden Ministerpräsidenten als einzige Führungskraft, die in allen Teilen der Union gleichermaßen geschätzt wird. Das gilt übrigens auch für weite Teile der Opposition, in der manche in de Jager den gefährlicheren Gegner sehen. Es ist dennoch ein ziemliches Himmelfahrtskommando nach alldem.

De Jager wird es annehmen. Trotz aller Zurückhaltung, aller Zuverlässigkeit, aller Bereitschaft zur Teamarbeit ist der gelernte Journalist, der sein Volontariat beim Evangelischen Pressedienst absolvierte, ja nicht ohne Ehrgeiz. Nicht ohne Gestaltungswillen. Auch nicht ohne intellektuelle Rauflust. Wenn er eine Sache für richtig erachtet, dann geht er gern auch einmal den Weg des weniger geringen Widerstands.

Man darf ihn da nicht unterschätzen. Ein TV-Duell mit dem erst mal sehr spröde wirkenden Christdemokraten dürfte für seine kommenden Gegenspieler Torsten Albig (SPD) und Robert Habeck (Die Grünen) nicht zwingend ein Spaziergang werden. Jost de Jager wird sich darauf ziemlich gründlich vorbereiten.