Neuer CDU-Chef im Norden

Jost de Jager lobt Boettichers "letzte große Geste"

Schleswig-Holsteins designierter CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager will die Boetticher-Affäre hinter sich lassen und setzt trotz allen Gegenwinds auf Sieg.

Die CDU in Schleswig-Holstein versucht, nach dem Kronprinzendrama um ihren zurückgetretenen Landesvorsitzenden Christian von Boetticher zum Alltag zurückzufinden. In einem ersten Schritt nominierte der Parteivorstand einstimmig Wirtschaftsminister Jost de Jager für die Nachfolge als Landeschef und Spitzenkandidat für die Landtagswahl im Mai 2012.

Morgenpost Online: Herr de Jager, das ist ein ziemliches Himmelfahrtskommando, das Sie da übernommen haben. War das gut überlegt?

Jost de Jager: Das war gut überlegt. Ich bestreite aber, dass das ein Himmelfahrtskommando ist. Ich trete an, um zu gewinnen.

Morgenpost Online: Aber Sie sehen schon, dass ein Wahlsieg mit dieser Vorgeschichte noch schwieriger wird?

De Jager: Das ist richtig. Die Situation ist durch die Ereignisse der vergangenen Wochen nicht leichter geworden. Aber die Chancen, dass die CDU bei der Landtagswahl stärkste Fraktion wird, sind dennoch gut. Die Partei ist jedenfalls geschlossen und offensichtlich bereit zu kämpfen.

Morgenpost Online: Aus Berlin ist auch nicht gerade Rückenwind zu erwarten.

De Jager: Das liegt aber vor allem daran, dass die Großwetterlage schwierig ist. Die Bundesregierung hatte es in den vergangenen Monaten mit einem Trommelfeuer ungewöhnlicher Ereignisse zu tun, die sie sehr transparent und gewissenhaft meistert. Im Übrigen stelle ich fest, dass die Umfragewerte der Union nicht himmelhoch, aber immerhin stabil sind.

Morgenpost Online: Es gibt erhebliche parteiinterne Kritik an der Bundesregierung und an der Kanzlerin. Teilen Sie diese?

De Jager: Ich nehme sie zumindest ernst. Meine Analyse, auch meine Schlussfolgerung fällt aber freundlicher aus als die mancher Parteifreunde. Die Bundesregierung leistet eine gute Arbeit.

Morgenpost Online: Was kann dennoch besser werden?

De Jager: Was sich auf jeden Fall ändern muss, ist, dass wir Entscheidungen besser erklären müssen. Da gibt es klaren Nachholbedarf, gerade in der Partei. Und wir sollten uns als CDU auch breiter aufstellen.

Morgenpost Online: Das heißt?

De Jager: Wir treten in einigen gesellschaftlichen Debatten viel zu wenig in Erscheinung. Im sozialen Bereich, in der Umweltpolitik. Da müssen wir uns klarer und deutlicher positionieren.

Morgenpost Online: Die FDP ist auch nicht gerade unter Dampf. Ihr Lieblingskoalitionspartner?

De Jager: Bleiben die Liberalen. Ich fühle mich in der Koalition mit ihnen wohl, sie arbeitet gut und deswegen möchte ich sie fortsetzen.

Morgenpost Online: Sind Sie eigentlich eher Kümmerer oder Stratege?

De Jager: Landespolitik ist real, also muss man sich um die Dinge auch kümmern. Aber dabei habe ich schon eine Strategie.

Morgenpost Online: Ihr größter politischer Erfolg?

De Jager: In jüngerer Zeit das Aushandeln der CCS-Länderklausel. Da haben wir Schleswig-Holsteiner dafür gesorgt, dass bei der möglichen CO2-Speicherung die betroffenen Länder das letzte Wort haben.

Morgenpost Online: Und privat?

De Jager: Meine Frau geheiratet zu haben.

Morgenpost Online: Sie sind Vater einer 15-jährigen Tochter. Haben Sie Verständnis für Christian von Boettichers Liebesaffäre?

De Jager: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Das ist eine private Angelegenheit. Sie war nur politisch zu bewerten, weil das Private in dem Moment politisch wird, wenn es in der Politik Wirkung hinterlässt. Das war hier der Fall.

Morgenpost Online: Haben Sie mit ihm schon gesprochen seitdem die Dinge öffentlich geworden sind?

De Jager: Ja, wir haben am Dienstag kurz telefoniert.

Morgenpost Online: Und?

De Jager: Wir haben ein sehr freundschaftliches Gespräch geführt, zu dem ich mich aber nicht äußern werde.

Morgenpost Online: Ohne Boetticher hat die Union im Kieler Parlament keine Mehrheit. Ab der kommenden Woche muss er also wieder mitarbeiten im Parlament. Steht er das durch?

De Jager: Er hat das so entschieden. Das ist eine große Geste von ihm.

Morgenpost Online: Warum spielen sich solche Polit-Dramen eigentlich vorwiegend in Schleswig-Holstein ab?

De Jager: Das weiß ich nicht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Barschel-Affäre zu dem Reflex führt, dass alle sagen: ‚Wieder einmal Schleswig-Holstein!‘. Aber ich glaube, dass das Leben hier nicht anders spielt als in anderen Bundesländern.