Anschlag in Frankfurt

Spielfilmszene war Auslöser für Flughafen-Schüsse

Ein falsch verstandener Spielfilm war offenbar der Auslöser für die Bluttat am Frankfurter Flughafen, bei der der Islamist Arid U. im März zwei US-Soldaten tötete.

Foto: Florian Flade

Das Internet-Video, das Arid U. sich am Abend des 1. März anschaut, ist brutal: Im Irak-Krieg eingesetzte US-Soldaten vergewaltigen ein 15-jähriges Mädchen. Arid U. ist empört. Die Einsätze westlicher Staaten in muslimisch geprägten Ländern wie Afghanistan oder Irak empfindet er schon seit längerem als zutiefst ungerecht. Er sieht sie als Angriff ungläubiger Imperialisten gegen rechtschaffene Muslime.

Das Video ist der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der Schlusspunkt einer Radikalisierung, die einen schüchternen Jungen zum islamistischen Terroristen werden lässt . Der Auslöser für eine Bluttat, die zwei Menschen das Leben kostet. Die Bilder der Vergewaltigung lassen Arid U. nicht los.

Er schläft schlecht in dieser Nacht. Am Vormittag des folgenden Tages, es ist der 2. März 2011, beschließt Arid U. zu handeln: Er plant, am Frankfurter Flughafen möglichst viele US-Soldaten mit dem Einsatzziel Afghanistan zu töten. Der 21-Jährige packt ein Messer und eine Pistole in seinen Rucksack. In einer Bauchtasche trägt er ein weiteres Messer und jede Menge Munition.

Angeklagt wegen zweifachen Mordes

Am Flughafen angekommen, bittet der serbisch-kosovarische Staatsbürger einen 25-jährigen US-Soldaten um eine Zigarette. Verdeckt führt er das Magazin in die Pistole – und lädt durch. Es ist 15.20 Uhr. Mit einem gezielten Kopfschuss tötet er den Soldaten . Dann steigt er in den Militärbus der Truppe und erschießt einen 21-Jährigen auf dem Fahrersitz. Er ruft "Allahu Akbar" und verletzt zwei weitere US-Amerikaner lebensgefährlich. Einer wird auf einem Auge blind bleiben. Dann, endlich, streikt seine Pistole. Beamte der Bundespolizei nehmen Arid U. fest.

Der 2. März 2011 ist der Tag des ersten islamistischen Anschlags in Deutschland, bei dem es Tote gibt. Wenn die Bundesanwaltschaft ihre oben geschilderten Ermittlungsergebnisse, ihre Sicht der Dinge also, in dem am Mittwoch beginnenden Prozess beweisen kann , werden die Richter des Frankfurter Oberlandesgerichtes Arid U. wegen zweifachen Mordes, zweifach versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilen. Arid U. würde für Jahre ins Gefängnis müssen.

Es ist eine "Tat aus dem Nichts", so sagte Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU). Tatsächlich wurde mit den Todesschüssen vom Frankfurter Flughafen ein Albtraum wahr, vor dem Experten schon lange gewarnt haben: Ein junger Islamist, aufgewachsen in Deutschland, nicht besonders auffällig und nicht eingebunden in terroristische Strukturen, rastet einfach aus.

Hätte der Verfassungsschutz Arid U. aufhalten können?

Er spricht mit niemandem über seine Absichten. Die Vorbereitungen sind überschaubar - anders als bei von langer Hand vorbereiteten Großanschlägen von Terrororganisationen haben die Sicherheitsbehörden praktisch keine Chance, auf die Planungen aufmerksam zu werden.

Arid U., so berichtete die Berliner Tageszeitung "taz" , hatte aus dem Internet massenweise Hetzpredigten von Dschihad-Ideologen und Propagandavideos heruntergeladen. Hätten Verfassungs- oder Staatsschützer das bemerken können? Wer sich bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder in Islamistenforen umschaut, weiß, dass sich für derlei Material Tausende junger Menschen interessieren. Sie alle zu überwachen, würde die Behörden an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen. Und: Das Gerede vom Dschihad und das Sammeln Gewalt verherrlichender Islamistenpropaganda ist bei vielen Jugendlichen eine Phase, die sich meist von selbst erledigt.

Das Beispiel Arid U. zeigt allerdings, dass aus jugendlichem Radikalismus auch tödlicher Ernst werden kann: Verfassungs- und Staatsschützer arbeiten daher an Konzepten, um Radikalisierungen wie die von Arid U. frühzeitig zu erkennen. Die Innenminister von Bund und Ländern wollen zudem gezielt gegen islamistische Gruppierungen vorgehen, deren Prediger – so die Annahme – mit Hetzreden vom Islam als "einzig wahrer Religion" und von der angeblichen Ungerechtigkeit westlicher Imperialisten gegenüber Muslimen die ideologische Grundlage für Gewalttaten legen.

Um die Vereine zu verbieten, müssen ihnen aggressiv-kämpferische Bestrebungen gegen die verfassungsmäßige Ordnung nachgewiesen werden. Das ist oft schwierig. Denn auf dem schmalen Grat zwischen Meinungsfreiheit und verfassungsfeindlichen Äußerungen bewegen sich die Prediger recht geschickt: Sie wissen, was gerade noch erlaubt ist. Was sie tatsächlich sagen wollen, ist dennoch herauszuhören. Propagandavideos dauerhaft aus dem Internet zu entfernen, ist ohnehin fast unmöglich. Kaum sind sie unter einer Adresse nicht mehr abrufbar, tauchen sie unter einer anderen wieder auf.

Das Vergewaltigungs-Video, das Arid U. zu der Bluttat animiert haben soll, zeigte übrigens keine authentische Szene. Der Ausschnitt stammte aus einem Spielfilm.

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