Bestseller-Autor

Thilo Sarrazin fühlt sich als Mensch diffamiert

Ein Jahr nach der Veröffentlichung seines umstrittenen Buches zeigt sich Thilo Sarrazin enttäuscht: von der SPD, der Bundeskanzlerin und den Medien.

Foto: dpa /picture alliance / dpa /picture alliance/dpa-Zentralbild

Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) fühlt sich ein Jahr nach Erscheinen seines Buches ein Stück illusionsloser, härter und enttäuscht von der SPD, den Politikern und den Medien. In zwei Interviews in der „Zeit“ und der „Bild“-Zeitung zog Sarrazin eine positive Bilanz des Erfolgs seines umstrittenen Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“. Zu bereuen habe er nichts, sagte er der „Zeit“. Niemand habe ihm einen gedanklichen Fehler nachgewiesen.

Die Tatsache, dass der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber seine Entlassung und die SPD seinen Ausschluss betrieben haben, habe ihn schon mitgenommen, sagte Sarrazin. „Ich habe ja nie vorgehabt, meinen bürgerlichen Ruf und meine Tätigkeit bei der Bundesbank zu gefährden.“

Enttäuscht vom geistigen Desinteresse

Doch den Preis finde er nicht zu hoch, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Ich habe als Autor mehr bewirkt, als ich jemals als einfacher Bundesbank-Vorstand hätte bewirken können. Wenn die Aufgabe des Amtes bei der Bundesbank der politische Preis war, dann war es ein guter Tausch.“

Enttäuscht zeigte sich Sarrazin vom „geistigen Desinteresse der Regierenden. Ob SPD in Berlin, ob Bundeskanzlerin oder Union. Das Wegdrücken von Problemen, die ich ja nicht erfunden, sondern nur dargestellt habe.“

Noch härter formulierte der ehemalige Berliner Finanzsenator seine Kritik in der „Zeit“. Man könne nur bis zu einem gewissen Punkt aushalten, wenn fast alle anderen anderer Meinung seien . „Nach diesem vergangenen Jahr habe ich kapiert, wie die Sowjetunion der Stalinzeit ihre Gefangenen umgedreht und sie zu falschen Geständnissen gezwungen hat: Man muss den Menschen nur lange genug isolieren und immer wieder bestimmten Vorwürfen aussetzen, dann gesteht er am Ende die verrücktesten Dinge.“

Er habe anfangs „schon einen großen Druck“ gespürt, „bis ich merkte, dass ich auch eine Reihe starker Unterstützer hatte. Ich habe immer wieder geprüft: Wo hat mich jemand bei einem gedanklichen Fehler erwischt? Wo habe ich in der Sache geirrt? Das ist nicht passiert.“

Moralisch enttäuscht habe ihn auch „der Versuch sogenannter intellektueller Meinungsführer, meine Kritik zu entwerten, indem man mich als Mensch diffamier t“, sagte er der „Bild“. Die dritte Enttäuschung seien die Medien: „70 bis 90 Prozent der Journalisten, die über mein Buch schreiben, haben es niemals gelesen.“

Über seine Zukunftspläne sagt Sarrazin der „Zeit“: „Ich werde in meinem Leben sicher noch mal etwas schreiben. Aber wann und was, lasse ich an dieser Stelle offen.“ In der Zeitung heißt es, Sarrazin ließe für einen Teil seines Millionen-Honorars sein Haus zum Ökohaus umbauen.