Christian von Boetticher

Wieder wird im Norden nach einem Verräter gesucht

Wer wusste wann was? Der Fall Christian von Boetticher wirft viele Fragen auf. Das Rätseln in Kiel ruft Erinnerungen wach – an Heide Simonis oder auch an die Barschel-Affäre.

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Langsam, ganz langsam lichten sich die politischen Nebelschwaden an der Kieler Förde. Weniger jene, die seit geraumer Zeit das Privatleben des einstigen "Kronprinzen“ Christian von Boetticher umwabern, als jene, die den Ablauf dieses neuerlichen Polit-Dramas begleitet haben.

Wer wusste wann was? Warum wurde erst wenig, dann immer mehr Kritik an von Boetticher laut, wie landete schließlich die Liebschaft des Ex-Spitzenkandidaten in den Medien? Und: Hätte er nicht schon früher einsehen müssen, dass er der Partei mit seiner Kandidatur keinen Gefallen tun würde?

Dass sich von Boetticher mit diesem Gedanken schon etwas länger befasst hatte, bestätigte dessen eigens für diese Angelegenheit angeheuerter Medienberater auf Anfrage Morgenpost Online: Sein Mandant, so Jost Springensguth, habe sich bereits am Donnerstag vergangener Woche entschlossen, die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl am 6. Mai 2012 nicht länger anzustreben.

Zwei Tage nachdem der Ziehvater, Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, Boetticher telefonisch zu diesem Schritt aufgefordert und auch die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel über die schwierige Lage in Kiel unterrichtet hatte, drei Tage bevor die Geschichte in den Zeitungen stand und Boetticher diesen Schritt dann auch öffentlich vollzog.

An jenem Sonntag gab er auch den Landesvorsitz der Nord-CDU zurück; den Fraktionsvorsitz im Kieler Landtag wollte er zu diesem Zeitpunkt noch behalten. Erst am Montag fiel dann die Entscheidung, sich komplett aus der Führung der Union zurückzuziehen. Damit waren fast zwei Monate vergangen, seit es in der ohnehin gut beheizten Gerüchteküche des Kieler Landeshauses ordentlich zu dampfen begonnen hatte.

Er habe die Wirkung der Affäre "wohl unterschätzt“, sagte Boetticher jetzt dem " Focus “. Für ihn sei das Ganze am Ende eine "öffentliche Hinrichtung“ gewesen. Sein Landtagsmandat will Christian von Boetticher behalten und versuchen, von seinem Ruf zu retten, "was zu retten ist“.

Angekratzt war dieser Ruf aber wohl schon länger. Politiker der CDU-Fraktion bestätigen, dass es jenseits der Privatangelegenheiten Boettichers bereits seit Monaten erhebliche Kritik an dessen Führungsstil gegeben habe. Beratungsresistenz, mangelnde Kommunikation, Unaufmerksamkeit.

Über derlei Kritik, so der amtierende Ministerpräsident Peter Harry Carstensen auf Morgenpost Online , habe er mit Boetticher auch gesprochen und dabei den Eindruck gewonnen, dass er dabei sei, an seinen Schwächen zu arbeiten. Ein Eindruck, den nicht alle Unionsabgeordneten teilten. Manche von ihnen fürchteten auch, dass die über Boettichers Privatsphäre kursierenden Geschichten im Wahlkampf vom politischen Gegner genutzt werden könnten.

Spätestens als Anfang August innerparteilich bekannt wurde, dass der Spitzenkandidat inzwischen heimlich geheiratet hatte , manifestierte sich in der Parteiführung die Befürchtung, dass auf Carstensens Nachfolgeregelung kein Segen ruht. Weniger diplomatisch formuliert: Es gab jetzt Menschen, die richtig wütend wurden auf Christian von Boetticher, dessen Lebenswandel aus ihrer Sicht die Wahlchancen und das Ansehen seiner Partei massiv gefährdete. Es folgten Gespräche, Telefonate, eine Vorstandssitzung wurde anberaumt, schließlich noch einmal vorgezogen.

Am Tag dieser Vorstandssitzung stand Boettichers Privatangelegenheit dann auch in der Zeitung. Ein Umstand, der seinerseits wieder für erhebliche Spekulationen sorgt. War die Veröffentlichung Bestandteil einer politischen Intrige, wollte jemand, aus welchen Motiven auch immer, die politische Karriere von Boettichers beenden ? Oder war die Veröffentlichung Ergebnis einer enttäuschten Liebe, deren Leidtragende an unpassender Stelle ihr Herz ausgeschüttet hatte?

War es am Ende der Versuch von Boettichers, der sich abzeichnenden Auseinandersetzung über seine Person doch noch die Spitze zu nehmen? Doch noch selbst initiativ zu werden, statt andere bestimmen zu lassen, was wann wo in der Zeitung steht? Angesichts der Vorgeschichte, der bereits terminierten Vorstandssitzung, der Warnungen seines Ministerpräsidenten ("Christian, das geht schief“) hätte ihm jeder mittelmäßig erfahrene Troubleshooter einen solchen proaktiven Kurs im Umgang mit der sich abzeichnenden Krise empfohlen.

Man kennt sich ja aus mit solchen Rätseleien in Kiel, wo ein noch immer unbekannter Parteifreund Heide Simonis' Karriere krachend beendete. Wo manche parlamentarischen Merkwürdigkeiten ihre Begründung immer noch in den Folgen der Barschel-Affäre finden. Wo man eine gewisse Erfahrung darin hat, Rache lieber kalt zu genießen. Und wo gerade einmal mehr engagierte politische Arbeit im doppelten Sinne unmöglich gemacht wird.