SPD

Sigmar Gabriel auf dem Weg in die Kurt-Beck-Falle

Der SPD-Vorsitzende ist sauer über die Kanzlerkandidaten-Debatte um Peer Steinbrück. Inzwischen werben mehrere Abgeordnete für den Ex-Finanzminister.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Eine Retrospektive zu Alfred Hitchcock läuft derzeit im "Babylon", einem beliebten Programmkino in der Mitte Berlins. Am Freitagabend indes ging es in jenem altehrwürdigen Kino, erbaut in der Weimarer Republik, um die SPD. "Sozialdemokraten – Achtzehn Monate unter Genossen" – so lautet der Titel eines Film von Lutz Hachmeister, der Ende des Monats im Fernsehen ausgestrahlt wird.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel schaute sich, eingeladen von der Stiftung Neue Verantwortung, die Voraufführung an. In der anschließenden Diskussion kam Gabriel nicht umhin, sich über die muntere Kanzlerkandidatendebatte zu äußern.

Er tat dies gar recht ausführlich und, wie zumindest das Publikum befand, mit einigermaßen gewagten Worten.

Gabriel, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier – die (bislang) in Frage kommenden Kanzlerkandidaten werden in Hachmeisters Film ausführlich befragt.

Gabriel pflegt sein Image als Arbeiter im Weinberg der SPD, Steinbrück formuliert gewohnt flott, zuweilen mit einer Portion Arroganz, und Steinmeier sinniert vor allem über die Vergangenheit.

Wolfgang Schäuble spottet

In diesen Tagen verbindet die drei Männer zumindest eines: Sie alle sind – wenigstens offiziell der Auffassung –, die Debatte um den nächsten SPD-Spitzenkandidaten werde primär, nein, im Grunde ausschließlich von "den Medien" geführt.

Für diesen Umstand aber meldete sich Steinbrück in den vergangenen Wochen auffällig ausführlich zu Wort. Sein Nachfolger an der Spitze des Bundesfinanzministeriums, Wolfgang Schäuble (CDU) spottete bereits, er könne in den Gesichtzügen Steinbrücks ablesen, wie sehr diesem die öffentliche Debatte – samt allerlei Huldigungen von Genossen und Publizisten – gefalle.

Gabriel wiederum empfindet diese Diskussion als zu früh, findet doch (nach bisherigem Stand) die nächste Bundestagswahl erst im September 2013 statt. Warum sollte die SPD dann schon jetzt einen Kandidaten küren, sprich verheizen?


Übler Vergleich mit Guttenberg

Im "Babylon" konstatierte Gabriel, Steinbrück sei "superpopulär", sprach jedoch auch, sich distanzierend, von einem "Hype". Nach dem Absturz Karl-Theodor zu Guttenbergs (CSU) suchten die Medien nach einem Ersatz, befand Gabriel.

Dies war ein ziemlich übler Vergleich, den Gabriel Steinbrück auf diese Weise Steinbrück zumutete, nach allerlei umgekehrten Zumutungen.

Guttenberg wird in der SPD wenig geschätzt, ja, teilweise verachtet. Gabriels Hinweis, die Sozialdemokratie und ihr Kandidat dürften nicht neben einander agieren, erschien ebenfalls wenig freundlich, wenngleich treffend: Steinbrück inszeniert zuweilen seine Distanz zur Partei.

Durchaus heikel wurde am Freitagabend auch Andrea Nahles vernommen, die zwar im Kinosaal nicht präsent war, in dem Hachmeister-Film aber ausführlich zu Wort kommt.

Hier wird Nahles zu dem "Putsch" am Schwielowsee befragt, bei dem im Sommer 2008 der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck seinen Rücktritt erklärt hatte.

Steinmeiers Bedauern über jenen Schritt sei wohl eine Halbwahrheit, sagte Nahles, was keine kühne These ist.

Seeheimer Kreis pro Steinbrück

Pikant: in der darauf folgenden Szene im Film äußert sich Steinmeier abermals bedauernd. Beck hatte damals das Handtuch geworfen, weil er, innerparteilich inzwischen derart geschwächt, nicht mehr in der Lage war, Steinmeier die Kanzlerkandidatur souverän anzutragen.

Schon sieht mancher in der SPD Gabriel in jene "Beck-Falle" tappen, aus der er eines Tages Steinbrück nicht mehr aus eigener Kraft um eben jene Aufgabe bitten kann. Wenngleich er aus inhaltlichen und personalen Gründen Steinbrück präferiert.

Just am Wochenende wurden innerhalb der Sozialdemokratie abermals Stimmen laut, die für eine Kandidatur Steinbrücks gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – oder einen Nachfolger – werben.

Der Sprecher des Seeheimer Kreises, Garrelt Duin, sagte der "Bild"-Zeitung: "Peer Steinbrück hat Ecken und Kanten, sagt, was Sache ist, das tut richtig gut. Das Land braucht solche Typen." Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy äußerte sich noch prononcierter: "Würde es in den nächsten Wochen zu einer Neuwahl im Bund kommen, müsste Peer Steinbrück ran."

Dabei rechnen in der SPD mittelfristig mit einer sich verändernden Kandidatendebatte. Sollte Klaus Wowereit sein Amt als Regierender Bürgermeister nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September verteidigen, dürfte er "Kandidatenstatus" erhalten.

Der linke Flügel in der SPD, zu dem Wowereit – warum auch immer – zugerechnet wird, dürfte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ob Wowereit geneigt ist, sich derlei Anstrengungen zuzumuten, darf indes bezweifelt werden.

Bis zum Bundesparteitag Anfang Dezember wird Gabriel die leidige Kandidatendebatte kaum abbinden. Im Oktober erscheint Steinbrücks Gesprächband mit Helmut Schmidt. Ein erneuter "Hype" liegt da nahe.

Gabriel und Nahles müssen sich derweil den Mühen der Ebene unterziehen und für ihre Parteireformpläne werben. In deren Rahmen soll gar das Präsidium der SPD abgeschafft werden, wie Bundesgeschäftsführerin Astrid Klug laut "Spiegel" kürzlich während eines Treffens der Parteilinken ausplauderte.

"Im Moment wird über 29 Mitglieder geredet", berichtete Klug demnach über den künftigen Parteivorstand, der bisher 45 Köpfe zählt.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen

Meistgelesene