Machtwechsel an der Saar

Patriarch Müller und sein eigenwilliges Land

Saar-Ministerpräsident Peter Müller räumt nach zwölf Jahren seinen Posten. Doch was ist das eigentlich für ein sonderbares Bundesland, das er hinter sich lässt?

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Die letzte große Nachrichtenlage im Saarland ist etwa vier Wochen her: Eine Bananenspinne hatte tagelang einen Supermarkt in Bexbach lahmgelegt. Die Kammerjäger rückten an, das Tier blieb verschwunden – und halb Deutschland verfolgte die hektische Suche. Die Episode offenbart das saarländische Dilemma: Das Bundesland fristet zum einen generell ein Dasein unterhalb der gesamtdeutschen Wahrnehmungshöhe; und wenn es zweitens einmal Schlagzeilen macht, dann eher mit kuriosen denn relevanten Nachrichten.

Daran dürfte auch Ministerpräsident Peter Müller (CDU) nur wenig ändern, der am Dienstag sein Amt niederlegte und nun einen Posten als Verfassungsrichter in Karlsruhe anstrebt. Sein Entschluss ist schon länger bekannt , ebenso, dass seine Wunschnachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer ist. Auch in der Opposition im Saarbrücker Landtag wird mit einer erfolgreichen Kandidatur der 49-Jährigen gerechnet.

SPD-Landes- und Fraktionschef Heiko Maas hält sich unmittelbar vor der Wahl der Ministerpräsidentin mit Attacken gegen die CDU-Politikerin zurück; die Jamaika-Koalition habe eine Mehrheit und sei gewillt zu regieren, heißt es in SPD-Kreisen.

Politische Turbulenzen sind durch den Wechsel also kaum zu erwarten. Der Wachwechsel an der Saar ist damit vielleicht unspektakulär, aber dennoch ein guter Anlass für den Rest der Republik, sich nach der Bananenspinne erneut mit dem äußersten Südwesten zu beschäftigen – und sich zu fragen: Was für ein Bundesland ist das eigentlich, das Müller da nach zwölf Jahren an der Spitze hinter sich lässt?

Bekannteste Gerichte: eine Kartoffelpfanne und ein Wurstringel

Zunächst einmal: ein sehr kleines. Es gibt nur knapp eine Million Saarländer; die Landeshauptstadt Saarbrücken zählt als größte Stadt der Region nicht einmal 200.000 Einwohner. Und eine Saarland-Durchquerung per Auto, ob nun von Norden nach Süden oder von Westen nach Osten, dauert nur rund eine Stunde. Da die meisten Deutschen das Bundesland, wenn überhaupt, ohnehin nur von der Durchreise kennen, lässt sich ihr kollektiver Eindruck so zusammenfassen: grün, beschaulich, provinziell.

Ebenso hartnäckig halten sich Stereotypen. Das Saarland als stollenzerfurchte, mit schwarzem Kohlenstaub bedeckte Montanregion. Die saarländische Küche, die sich auf zwei Gerichte beschränkt: „Dibbelabbes“ und „Lyoner“, eine Kartoffelpfanne und ein Wurstringel.

Der Saarländer, wie man ihn von dem „Tatort-Kommissar Max Palu alias Schauspieler Jochen Senf kennt: ein gemütlicher, etwas langsam denkender Rotwein-Liebhaber mit breitem Dialekt. Und noch der Volkssport „Schwenken“: das Grillen an einem galgenähnlichen, dreibeinigen Rost – zu jedem Anlass und bei jedem Wetter.

"Jeder kennt jeden" ist im Saarland wörtlich zu verstehen

Die Saarländer haben auf diese Lästereien eine eigene Antwort gefunden – Selbstironie („Gott lenkt, der Mensch denkt, der Saarländer schwenkt“) und Lokalpatriotismus. Wohl kein anderes Bundesland wird von seinen Einwohnern so uneingeschränkt geliebt und so energisch verteidigt. Das ist dem Kleine-Welt-Phänomen geschuldet: Im Saarland ist das soziale Netzwerk sehr dicht und das Prinzip „Jeder kennt jeden“ keine Übertreibung, sondern angewandte Lebenspraxis – zwei Saarländer haben unter Garantie immer mindestens einen gemeinsamen Bekannten.

Die regionale Verbundenheit hat auch historische Gründe. Das Saarland war seit jeher Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, begehrt wegen seiner Steinkohle. Das Saarrevier wurde nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg Frankreich als Kriegsbeute zugeteilt; nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Region dann zunächst unter französisches Protektorat.

Als Spielball zwischen den Fronten versuchten die Saarländer, sich ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu wahren. Das hat das Land geprägt – bis heute.

Innige Feindschaft mit Rheinland-Pfalz

Auch, weil sich das Saarland im Dreiländer-Eck zwischen Frankreich, Luxemburg und Rheinland-Pfalz seit jeher behaupten muss – vor allem gegen das Schreckgespenst Länderfusion.

Eine Neugliederung des Bundesgebiets würde zwar die saarländischen Finanzprobleme von derzeit 12 Milliarden Schulden lösen, aber die regionale Identität kosten. Diskutiert wird diese Möglichkeit, seit das französische Protektorat 1957 zum Bundesland wurde – also seit mehr als einem halben Jahrhundert.

Von den Saarländern wird sie wohl nie akzeptiert werden; auch der scheidende Ministerpräsident hat der Idee gerade erst eine erneute Absage erteilt. Saarländer und Pfälzer, das sei Großstädtern erklärt, mögen sich in etwa so sehr wie Kölner und Düsseldorfer. Die Folgen einer Zusammenlegung wären daher kaum absehbar – ganz zu schweigen davon, dass das kulturelle Erbe der seit Generationen gepflegten Pfälzer-Witze gefährdet wäre.

Peter Müller gerierte sich als "Landesvater"

Hält man sich diese saarländischen Eigenheiten vor Augen, wird deutlich, warum die Bezeichnung „Landesvater“ Müllers Regierungsstil sehr gut trifft.

Der 55-Jährige gerierte sich als jovialer Patriarch von der Saar: Er proklamierte, „ordentlich“ regieren zu wollen, tingelte über Volksfeste, füllte wortgewaltig Gemeindehallen und Bierzelte mit seinem rollenden „R“ und dem dröhnenden Lachen. Sein Bild in der Bevölkerung schwankte von volksnah und gesellig bis selbstgefällig und arrogant.

Zwölf Jahre lang hat Müller, unter anderem mit Bildungsreformen und dem Ausstieg aus dem Bergbau, dem Land seinen Stempel aufgedrückt. Auf der politischen Bühne trat er forsch und angriffslustig auf, polterte seinerzeit gegen Saar-Ministerpräsident Oskar Lafontaine ebenso wie gegen Bundeskanzler Helmut Kohl. Ab 1999 regierte der CDU-Politiker selbst mit absoluter Mehrheit, wurde als Mitglied des Kompetenzteams von Angela Merkel eine Zeit lang gar als Bundeswirtschaftsminister gehandelt – was aber letztlich an der schwarz-gelben Wahlschlappe im September 2005 scheiterte.

Seither war es ruhiger um den Eppelborner geworden. Er hatte sich in die Landespolitik zurückgezogen, wo er bei den Wahlen 2009 schließlich Verluste hinnehmen musste und eine Art Versuchslabor startete: die deutschlandweit erste schwarz-gelb-grüne Regierung .

Diese Jamaika–Koalition war eines der seltenen Ereignisse, bei dem sich die gesamte Bundesrepublik neugierig dem Saarland zuwandte – das Interesse hielt indes nicht lange an, sobald der Alltagstrott einsetze.

Gleiches ist nach dem Amtsantritt von Annegret Kramp-Karrenbauer zu erwarten. Sie ist verheiratet, dreifache Mutter, Katholikin, erfahrene Saar-Ministerin und beliebte Politikerin, deren Aufstieg eng mit der Karriere Müllers verbunden ist. Nach Überraschungen klingt das nicht – und ebenso wenig nach saarländischen Schlagzeilen. Zumindest nicht auf politischer Ebene.