Peter Müller & Co.

Der Andenpakt einer tragischen CDU-Generation

Vor 30 Jahren gründeten junge CDU-Politiker ihren "Andenpakt". Sie wollten das Land verändern – und scheiterten. In Peter Müller trat nun noch ein Protagonist ab.

Foto: pa/dpa/Sven Simon

Der CDU-Geheimbund " Zweiter Andenpakt" vom Juli 1979, in der Originalsprache der christlich-demokratischen Reisegruppe "Pacto Andino Segundo" getauft, entstand bei viel Whiskey auf einem Flug von Caracas nach Santiago de Chile. Er entstand als launiger Protest von Spitzenvertretern der Jungen Union gegenüber dem ehrgeizigen Reiseleiter, dem damaligen JU-Chef Matthias Wissmann.

Die Reisenden, unter ihnen Christoph Böhr, Friedbert Pflüger, Volker Bouffier, Günther Oettinger, Wulf Schönbohm, wollten mehr Freizeit haben und forderten anscheinend auch: "Mehr Ambiente in die Politik". Peter Müller war auf dem Flug nicht dabei. Aber er wurde bald eingeweiht.

Denn der "Andenpakt" war zugleich bitter ernst gemeint, nämlich als Treuebündnis der politischen Enkel Helmut Kohls. Das wurde den Beteiligten charakteristischerweise erst später klar, und sollte, als es ihnen bewusst geworden war, ein Geheimnis bleiben.

Die Geheimhaltung haben die Beteiligten auch geschafft, bis 2003 der "Spiegel" über die Seilschaft berichtete. Es ist die einzige bleibende politische Leistung dieser in sich zerrissenen, eigentlich tragischen westdeutschen CDU-Generation.

Der Andenpakt als künstliches Konstrukt

Es passte einfach nichts zusammen – die Enkel Helmut Kohls und Helmut Kohl selber; die Latinophilie der Gruppe und das bodenständige CDU-Milieu; der Treuepakt und die Rivalität der Nachwuchsstars. Man merkte das, es lag in der Luft und kroch aus jeder Pore, als die Hauptvertreter dieser Enkel sich Anfang der 90er Jahre in Bonn feierlich der Presse vorstellten.

Im Bonner Presseklub trugen Günter Oettinger, Ole von Beust, Peter Müller und Roland Koch möglichst leidenschaftslos ihre Thesen vor, die in der Rückschau dem Gedächtnis längst entschwunden sind.

Anschließend aber gab es in der Kellerbar ein Biertrinken, und selten hat es ein verkrampfteres Beisammensein gegeben. Lauernde Bonhomie schwebte über den Enkeln, eine metallene Lustigkeit machte sich breit, Gemütlichkeit ohne Gemüt. Jeder von Journalisten umgeben, beobachteten sie einander aus den Augenwinkeln. Lachte einer laut, fuhren die anderen unmerklich zusammen.

Peter Müller saß, auf einem Kunstledersessel in sich kauernd, etwas abseits. Er dozierte mit rollendem R seine Sicht der Dinge, aber sein Blick glitt suchend durch den Keller, während sein Mund zu den umsitzenden Journalisten weiter sprach. Es war ein Blick subtiler Wachsamkeit.

Das spürte ein Andenpaktler, der Erinnerung nach war es Roland Koch, und rief Müller zu: "Peter, sag doch mal was Lustiges!" Peter Müller sagte nichts Lustiges.

Ein Trupp Ehrgeiziger, die Bundeskanzler werden wollen

Er reagierte mit einem tiefen Auflachen irgendwo zwischen Spott, Lass-mich-in-Ruhe, und Selbstkontrolle. Das Quintett war nicht mehr die Quintessenz der künftigen friedvollen CDU. Es war ein Trupp Ehrgeiziger, von denen jeder wusste, nur ein einziger von uns kann Bundeskanzler werden.

Der "Andenpakt" war damals bereits zur Lüge geworden, aber eine Lüge war er nicht von Anfang an. Die Teilnehmer hatten ihn mit ergriffenem Gefühl in einen Treuepakt umgewandelt, als der Andenflug zu Ende war – nicht nur, weil sie miteinander anders umgehen wollten als die innig verfeindeten Parteioberen der Union, oder die Jusos mit Helmut Schmidt.

Der Pakt traf vielmehr ihr Lebensgefühl, das Lebensgefühl einer ganzen Generation bürgerlicher junger Deutscher ab Mitte der Siebziger Jahre, und das fing schon mit dem hochgestochen-albernen Spanisch des ernstgemeinten Blödelpakts an – Pacto Andino Segundo.

Lateinamerika war en vogue unter aufgeklärten jungen Bürgerlichen. Unglaublich en vogue. Ganze Heerscharen angehender Juristen, Betriebswirtschaftler und Ärzte machten sich dorthin auf.

In der Studentenbude hing die Gaucho-Decke

Zuhause in Deutschland wurde bei ihnen Latino-Weltmusik populär, Astrud Gilberto, Piazzolla und das Mädchen aus Ipanema; in der Studentenbude hing unausweichlich die Gaucho-Decke. Seltsamerweise, wo doch in Argentinien und Chile das Militär foltern ließ.

Die obligatorische Südamerika-Rundreise galt aber nicht den Folterern, sondern den Indios. Oder den in Chile und Argentinien und anderen Staaten verfolgten Christdemokraten. Oder eben den Anden und dem Tropenwald. Frei sein, froh sein, Gutes tun; die einen halfen in Krankenhäusern, andere, gerade auch junge Christdemokraten, besuchten Agrarkooperativen.

Eine bürgerliche Utopie lockte jenseits des Horizonts, eine romantische Weite, fort von den 68ern an der Universität; und doch wandelten die jungen Konservativen auch auf den Spuren Che Guevaras dem Irrenden.

Die jungen bürgerlichen Nachwuchspolitiker fuhren ein wenig so nach Lateinamerika wie junge Linke nach Skandinavien; man wollte sich den Andenkontinent geistig aneignen und dort das post-1968-Lebensgefühl kennenlernen.

Lateinamerika war ein idealistisches Feld

Es war vielleicht auch eine Flucht vor dem Kollaps der Wiedervereinigungsrhetorik der altvorderen CDU, es war eine Flucht vor der Tatsache, dass die Beziehungen zur DDR politisch nun den Sozialdemokraten gehörten und die Zeichen auf Entspannung standen, sprich auf Nichteinmischung und Nichtbefreiung.

In Lateinamerika fanden junge Christdemokraten gerade wegen Augusto Pinochet noch ein Feld, auf dem sie idealistisch einer bürgerlichen Revolution entgegenarbeiten konnten. Sie kannten ihren neuen Lieblingskontinent, sie nannten ihren Pakt den zweiten Andenpakt – der erste, das wussten sie, war 1969 geschlossen worden, nach westeuropäischem Vorbild.

Und Idealisten waren sie. Ole von Beust brach Anfang der 80er-Jahre auf, um Hamburgs Arbeiterbezirke zu erobern – er, mit goldener Uhr, teuren Jacketts, gut geföntem Haar, befahl seine kleine Truppe in die Kleinverdiener-Ecken der Hansestadt.

Unvergesslich war sein allererster Auftritt: Jugendzentrum Hamm, Hamburger Osten, ein Sommertag, das Zentrum gähnend leer, die Schritte hallen; in einem Dachgeschossraum hält Beust eine flammende Ansprache – an seinen Landesvorstand und sich selber; nicht ein einziger Zuhörer ist gekommen.

So waren die Zeiten des jungen Andenpakts. Auf 44 Prozent hat er dann seine multitolerante, alle umfassende, der Rechtspartei Schill und den Linksparteien entgegengesetzte Lebensstil-CDU gebracht. Es war ein Beispiel dessen, was der Andenpakt hätte sein können, aber nicht geworden ist.

Die Popkultur nicht den Linken überlassen

Unter dem brachialen Druck linksextremistischer Studenten an der Uni und dem düsteren Rotlicht der RAF nicht rechtsradikal geworden zu sein, sondern geistig offen für alles Neue – das sahen die künftigen Enkel Kohls zu Recht als ihre persönliche Charakterleistung an. Der Hassausbruch gegen die 68er mit Begriffen wie "langhaarige Gammler" sollte von ihnen keinen Besitz ergreifen, die Popkultur wollten sie nicht der Linken überlassen, die Dritte Welt auch nicht.

Die Andenpaktler litten unter streng gescheitelten Jugendlichen aus anderen Gründen als die 68er, aber sie litten. Denn diese jungen Christdemokraten wollten liberal sein, ohne ideologisch zu sein, und konservativ bedeutete für sie nicht Tschingderassa-bum, sondern die Bewahrung des Grundgesetzes und der jungen Bundesrepublik zum Zwecke ihres toleranten Ausbaus.

Sie waren überzeugt davon, dass sie als einzige die Lehre aus 1933 gezogen hatten: Nicht noch einmal einem Idol hinterherlaufen wie Marx oder Mao, nicht alles Elend der Welt monokausal erklären, nicht die eigenen Ziele absolut setzen.

Damit standen sie in der damaligen CDU manchmal recht einsam da. Das schweißte zusammen. Heiner Geißler und Richard von Weizsäcker waren ihre Helden. Franz Josef Strauß oder Alfred Dregger waren ihre Gegner (soweit sie den sehr differenziert denkenden Kriegsgegner Dregger nur von Hörensagen kannten).

1989 waren die Andenpaktler in der Bundesrepublik angekommen

1989 waren die Andenpaktler aus Lateinamerika geistig-politisch in einer liberal-konservativen toleranten Bundesrepublik angekommen, in der jeder Woodstock oder die Rolling Stones als eigene Jugendprägung empfinden konnte – in einem westorientierten Rhein-Main-Deutschland, das für sie Ziel und Zweck der deutschen Geschichte geworden war. Und sie, die Andenpaktler, würden es regieren und vollkommen werden lassen.

Irgendwann unter der Präsidentschaft Weizsäckers muss bei ihnen, die die Vielfalt Lateinamerikas kennen und lieben gelernt hatten, aber der Sinn für die Vielfalt Europas jenseits von Elbe und Werra und auch der Vielfalt der Sehnsüchte im eigenen Wahlkreis verlorengegangen sein.

Man redete über "Ausdifferenzierung der Lebensstile" als Ausdruck einer "postnationalen" oder "verfassungspatriotischen" Symbiose aus (west-)europäischem Einheitspathos und gesellschaftlicher Auflösung aller Widersprüche, da traf die Revolution von 1989 die Andenpakt-Generation wie ein Keulenschlag.

Keiner von ihnen ging in die neuen Bundesländer, keiner von ihnen stimmte, so weit qua Amt stimmberechtigt, für Berlin als Hauptstadt. Ihr Vertreter Friedbert Pflüger hielt im Bundestag eine der bemerkenswerten Pro-Bonn-Reden, explizit als "Kind der Bundesrepublik".

Verlorenes Gespür für Realitäten

Es zeugt von einem verloren gegangenen Gespür für geerdete Realitäten, dass der zweifellos kluge und auch humorvolle Pflüger zehn Jahre später glaubte, Regierender Bürgermeister von Berlin werden zu können.

Es zeugte von solchem Erdungsverlust, dass Ole von Beust eine Schulpolitik einschlug, die die uralten Hamburger Traditionsgymnasien in ihrem Kern bedrohte – und dass Beust, als das Großbürgertum revoltierte, ihm mit einer Allparteien-Resolution zur Schulpolitik den Krieg erklärte.

Die CDU stimmt mit der SPD, den Grünen und der Linkspartei (!) gegen die altsprachlich orientierten Hanseaten? Es war parlamentstechnisch komplizierter, aber die Botschaft schlug ein wie eine Bombe.

Solche Vorgänge machten ebenso wie die Unfähigkeit, sich im entscheidenden Moment von Helmut Kohl zu lösen, die ganze Tragik der Andenpaktler sichtbar. Sie hatten zwischen allen Stühlen gelebt und setzten sich jetzt zwischen alle.

Sie waren gegen die 68er, aber für die 68er-Kultur; gegen die SPD, aber für Willy Brandt als historischer Gestalt; sie waren in ihrer verfassungspatriotischen Internationalität zu Hause und mussten in der Landespolitik Heimatvereine würdigen.

Einige bezeichneten sich als deutsche "Contras"

Manche von ihnen bezeichneten sich mit Blick auf Linksextremisten als deutsche "Contras", in Anlehnung an die antikommunistische Guerilla in Nicaragua, fremdelten aber mit Traditionen deutschen konservativen Lebensgefühls in ihrer eigenen Partei.

Sie waren für Helmut Kohl, aber hielten dessen Protegée Angela Merkel für eine krypto-linke, für eine un-bundesrepublikanische Störerin ihrer Kreise, ohne Empfinden für Verfassungspatriotismus und Postmaterialität; aber sie trauten sich nicht, das ihrem eigenen politischen Ziehvater Kohl zu sagen.

Sie wollten die Macht, aber weil sie sich geschworen hatten, einander politisch und menschlich nicht weh zu tun, hatten sie auch nicht den Mumm, Angela Merkel beim Sturz der alten Führung um Kohl zuvorzukommen.

2002 gab es ein kurzes Aufbäumen gegen Merkel mit Edmund Stoiber, ausgerechnet, der war nie ihr Freund. Danach erlosch die Enkeltruppe Helmut Kohls einer nach dem anderen in landespolitischen Ämtern, in denen sie sich weniger wohl fühlten, als es ihnen in ihren Träumen damals 1979 hoch über Peru geschienen hatte.

Über den Anden muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Bis auf Wulff; er ist in Niedersachsen zufrieden gewesen und nun sogar ganz oben gekommen – freilich dank Angela Merkels lenkender Hand, nicht gegen sie.

Von denen, die im "Andenpakt" glaubten, die Macht in der alten Bundesrepublik werde ihnen zufallen und Deutschland zum Hort einer machtüberwindenden konservativen Lebenslust machen, sind nach dem Rücktritt Peter Müllers nur noch Volker Bouffier und Christian Wulff übrig geblieben.

Die anderen sind in Brüssel, in London, in der Industrie, im Privatleben. Die Ausdifferenzierung der Macht in der CDU hat sie über Bord gehen lassen. Der "Pacto Andino Segundo" in seiner typischen Mischung aus Witzboldlaune und Karriere-Ernst hat Europas Revolution nicht überlebt, seine Erfinder sind Geschichte. Über den Anden muss die Freiheit wohl grenzenlos gewesen sein. Nun hat die Erde sie wieder.