Kurt Biedenkopf

CDU-Stammkritiker verschwört sich mit Stammwählern

Merkel-Kritiker Kurt Biedenkopf trägt Sylt-Urlaubern seine "Sorge um Deutschland und Europa" vor. Der "Aufstand der Alten" bleibt aus.

Foto: Syltpicture

Die alten Herren haben ja gerade Konjunktur. Teufel, Geißler , Vogels Bruder. Volker Rühe gibt es auch noch. Roland Koch, Friedrich Merz, so wabert es in der Union, seien womöglich auch schon mit im Boot beim „ Aufstand der Alten “.

Man fühlt sich glatt ein paar Jahrzehnte jünger in diesen Tagen, wenn man so durch die Nachrichten blättert. Alle noch da. Alles wie immer. Als sei die Zeit doch stehen geblieben.

Nur Norbert Blüm fehlt gerade. Aber das mag daran liegen, dass Maischbergers Senioren-Talkshow im ganz falschen Moment Sommerpause macht. So gesehen wundert einen dann auch nichts mehr so richtig.

Es könnte so schön sein, stattdessen liest Biedenkopf

Es ist einer der ganz wenigen Sylter Sommerabende 2011, die diesen Namen auch verdient haben. Die Luft ist einigermaßen lau für Sylter Verhältnisse. Die Wolken haben sich dann doch noch verzogen, der ideale Zeitpunkt für einen Sonnenuntergangsspaziergang am Roten Kliff, einen Cocktail in der „Sturmhaube“, einen Absacker im „Gogärtchen“.

Schicke Autos gucken, schicke Mädels jeden Alters, auch ein paar Schlampenhosen , die sich auf die Insel verirrt haben. Herrliche Aussichten wären das. Keine Krise, nirgendwo.

Stattdessen hat sich halb Kampen im Kaamp-Hüs versammelt, einem Veranstaltungssaal mit begrenztem Charme und drei Kronleuchtern an der Decke. Darunter dicht gedrängt, kein Platz bleibt frei, rund 300 Urlauber im legeren Sylter Ausgeh-Outfit. Sommer-Sakko, Sommer-Hose, Sommer-Slipper.

Biedenkopf weiß schon lange alles besser als Merkel

Man tritt dem Publikum hier sicher nicht zu nah, wenn man es mehrheitlich als Angehörige jener gesellschaftlichen Gruppe identifiziert, um die sich die alte Unionsgarde gerade die allergrößten Sorgen macht: Schwarz-gelbe Stammwähler, schweigende Stammwähler, murrende Stammwähler.

Stammwähler, die schon bei der Frage nach der „politischen Führung“ – ho, ho, ho – ein bisschen subversiv vor sich hin lachen. Als habe jemand einen schlüpfrigen Witz erzählt. Da kommt Kurt Biedenkopf , der vor ein paar Wochen die Atom-Kehrtwende der Kanzlerin ganz und gar „unbegreiflich“ fand, also genau im richtigen Moment.

Sachsens früherer Ministerpräsident ist ja nicht nur Stammurlauber hier in Kampen, sondern auch Stammkritiker seiner Partei. Einer, der es schon viel länger besser weiß, als Angela Merkel regiert.

"Der beste Kanzler, den wir nie hatten"

„Der beste CDU-Kanzler, den wir nie hatten“, stellt Moderator und Ex-„Zeit“-Chef Theo Sommer seinen Gast und dessen – gar nicht mehr so – neues Buch vor, „geschrieben aus Sorge um Deutschland und Europa“. Viel kleiner hat man es dann auch nicht mehr an diesem lauen Abend.

Biedenkopf und Sommer mäandern sich kreuz und quer durch ein Jahrhundert europäischer Geschichte. Das Scheitern der Weimarer Republik, die Hartz-IV-Gesetze, die China-Frage, der Bildungsföderalismus, Ludwig Erhard, Norbert Blüm, die Demografie, Atomkraft, Windkraft, einen Marshall-Plan für den Euro, alte Wachstumsbegriffe, neue Wachstumsbegriffe und so weiter, hin und her.

Ein bisschen ziellos, aber voller Überzeugung. Opa erzählt vom Krieg. Die Stammwählerschaft nimmt alles nickend, manchmal einnickend, zur Kenntnis.

Ingrid Biedenkopf feuert ihren Mann an

Das liegt ein bisschen auch an Theo Sommer, der Biedenkopf zwar ein paar naheliegende Fragen stellt („Was bedeutet das eigentlich konkret?“ „Was bleibt dann noch vom Staat?“), dann aber keinerlei Wert darauf zu legen scheint, dass diese Fragen auch beantwortet werden. Der eigentlich sehr wohlwollende Beifall der versammelten Stammwählerschaft bleibt folglich ein wenig verhalten.

Nur Ingrid Biedenkopf, Reihe eins, Platz eins im Parkett, feuert ihren Mann ein ums andere Mal an. Korrigiert, unterstreicht, ergänzt, applaudiert, unterstützt, führt am Ende gar Regie. Es lässt die 80-Jährige immer noch nicht ruhen, dass alles so schlecht kommt, wie ihr Mann es schon immer gewusst hat.

Für Deutschland, für Europa, sehr wahrscheinlich auch für die Union. Vielleicht sollte man die temperamentvolle Dame beim nächsten „Zeit“-Forum doch gleich mit auf dem Podium platzieren. Dem Unterhaltungsfaktor des Gesprächs würde das auf keinen Fall schaden.

Der Name Merkel wird gar nicht erst explizit erwähnt

So aber bleibt von diesem Abend, dass ein Name so gar nicht explizit erwähnt wird bei aller Krise, bei aller Kritik, bei allem Unmut. Als wolle man Angela Merkel doch mal einen Tag unbehelligten Urlaub gönnen, umschiffen die beiden Protagonisten die Kanzlerin weiträumig.

Nur so viel: „Die Führung, die wir haben, ist die Führung, die wir gewählt haben“, sagt Kurt Biedenkopf süffisant und erntet ein weiteres verschworenes Ho-ho-ho.

Aufstand der Alten? Man bleibt hier in Kampen doch lieber sitzen, signiert fleißig und freundlich ein paar Bücher und entschwindet schließlich mit Frau Ingrid und Freund Theo Richtung „Gogärtchen“. Ein ziemlich friedliches Bild.

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