Lernportal im Internet

Wie Schüler ihre Nachhilfe mit der Maus steuern

Immer mehr Schüler lassen sich von Lehrern im Internet helfen. Studenten machten aus den online abrufbaren Lernfilmen ein Geschäftsmodell.

Foto: /www.sofatutor.com

Was haben Salzteig und Exponentialfunktionen miteinander zu tun? Eine Menge, meint Martin Wabnik. Mit nicht ganz zarten Töpferhänden formt er lange Würste aus klebrigem Teig.

Der Größe nach legt er sie vor sich auf eine rote Tischplatte. Jede Wurst ist genau halb so lang wie die vorhergehende, es ergibt sich eine Art Skulptur. „Was man jetzt sehen kann ist dieser Bogen, den eine Exponentialfunktion macht“, sagt Wabnik lächelnd in die Kamera.

Zehn Minuten lang hat Wabnik bis dahin im Film erklärt, geknetet, gestikuliert, Zahlen mit Exponenten auf Papier gemalt. Dem Mann macht Mathe Spaß.

So viel Spaß, dass er mehr als 2100 Filme auf der Website sofatutor.com veröffentlicht und damit wohl manchen Schüler vor dem Sitzenbleiben gerettet hat.

Das Projekt zweier Berliner Studenten, an dem sich Wabnik beteiligt, hat diejenigen im Blick, die mit Wurzelziehen oder elektromagnetischen Feldern nicht zurechtkommen, die sich die Personenkonstellation in Schillers „Kabale und Liebe“ nicht einprägen können oder denen die Motive der Aufständischen an der Bastille 1789 nicht einleuchten.

Mehrere Tausend Abonnenten nutzen virtuelle Nachhilfe

Ein wenig ist es in den Filmchen wie im normalen Unterricht: Ein Berufener widmet sich einem möglichst überschaubaren Problem und erklärt es so anschaulich wie möglich, so kompliziert wie nötig. Reduktion auf das Wesentliche und Zuspitzung sind durchaus erlaubt.

„Man sollte die Franzosen ja nie um ihr Baguette bringen“, sagt ein Junge im Film zur Französischen Revolution. Baguette also, es ging damals um Brot, um Essen, die Menschen hungerten. So wird das nicht vergessen. Der Clip ist aufbereitet, als handle es sich um eine Nachrichtensendung unserer Tage, Live-Schaltung zur Bastille inbegriffen.

Mehrere Tausend Abonnenten hat die Seite mittlerweile. Für knapp zehn Euro im Monat gibt es den Zugriff auf die knapp 200 virtuellen Nachhilfelehrer. Unter ihnen sind echte Lehrer, begabte Laien, aber auch Schulklassen, die Filme als Unterrichtsprojekt drehen. Der fleißigste unter den Fleißigen ist Wabnik.

Martin Wabnik dreht bis zu zehn Lernfilme am Tag

„Ich mache das seit 2007, angefangen habe ich mit einem Film über den Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung, den ich auf YouTube eingestellt habe, um die Reaktionen zu testen“, erzählt der 44-Jährige. Die Reaktionen waren aufmunternd und Wabniks Leidenschaft geweckt. Heute gibt es sogar einen Martin-Wabnik-Fanclub. Bis zu zehn Filme am Tage dreht er, nicht alle sind so aufwendig, dass das Mathe-Studio zum Kochstudio werden muss.

Wabnik hat mathematische Logik studiert, Mathematiklehrer ist er keiner. In Münster leitet er ein Nachhilfeinstitut. Vor seinem Studium hat er als Balletttänzer am Stadttheater gearbeitet, davor wollte er Pianist werden. „Ich verstehe mich auch jetzt noch als Künstler. Heute wie damals habe ich das Gefühl, diese eine Sache machen zu müssen. Mir fällt jeden Tag was ein.“

Weil ihm so viel einfällt, wurden irgendwann der Berliner Student Stephan Bayer und ein Geschäftspartner von sofatutor.com auf Wabnik aufmerksam und überzeugten ihn von ihrer Idee. „Mein Traum war es immer, Hollywood-Filme zu produzieren“, sagt Bayer. So weit ist es nicht gekommen.

"Man kann die Filme ansehen, bis man es kapiert hat"

„Aber als ich für eine Matheklausur in meinem BWL-Studium lernen musste, hab ich einen kleinen Lehrfilm aufgenommen.“ Er lud ihn bei YouTube hoch, zeigte ihn Freunden, bald wurde die Idee geboren, aus einem Film viele – und ein Geschäft zu machen. So entstand 2009 ein Unternehmen, das man in der Internet-Sprache als Start up bezeichnet.

Und wie es sich für ein ordentliches Start up gehört, wuchs es schnell. Mehr als 5000 Filme gibt es bis dato, und während man sich lange auf den Schulstoff konzentrierte, können seit kurzem auch Studenten von Nachhilfefilmen profitieren. „Man kann sich die Filme immer wieder ansehen, bis man es kapiert hat, da muss sich keiner dafür schämen“, erklärt Martin Wabnik den Vorteil der Online-Nachhilfe.

Zum Nachhelfer kann jeder werden. Ähnlich wie bei YouTube kann man auf der Plattform eigene Filme hochladen.

Das Team um Stephan Bayer, das auf 28 Mitarbeiter angewachsen ist, prüft die Qualität und Richtigkeit der Filme, danach werden sie freigeschaltet. Pro Klick verdient auch der Urheber, kein Vermögen, aber mindestens ein Taschengeld.

Bildungsforscher rechnen mehr Online-Einbindung im Unterricht

Den normalen Unterricht ersetzen die virtuellen Lehrer freilich nicht. „Ein Lehrer, der mit allen Merkmalen der Kommunikation wahrgenommen werden kann, ist als Modell für die Schüler wichtig“', sagt der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. Mimik, Gestik und andere nonverbale Funktionen sind in der virtuellen Kommunikation reduziert.

„Mischformen, in denen gewisse Anteile Online stattfinden, gehört allerdings die Zukunft“, ist Schulmeister überzeugt. Mischformen also, bei denen sich die Schüler oder Studenten einzelne Lektionen im Netz erarbeiten und so auf den Unterricht vorbereiten. Der Stuttgarter Verlag Klett Lerntraining fand die Idee, offline und online zu verbinden, so gut, dass er zu bestimmten Themen mittlerweile Verweise auf sofatutor.com in seine Bücher druckt.

Etwa 1,1 Millionen Schüler holen sich in Deutschland regelmäßig Rat . 1,5 Milliarden Euro kostet das die Eltern in Deutschland im Jahr. Ein riesiger Markt. Und einer, der niemals austrocknet.

Um das abzudecken, was die Mathematik-Lehrpläne im deutschsprachigen Raum enthalten, hat Martin Wabnik einen Bedarf von 10.000 Filmen errechnet. Zu einigen seiner virtuellen Nachhilfeschüler hält er über die Schule hinaus Kontakt. „Manche haben schließlich das Gefühl, mich lange zu kennen, wie einen ganz normalen Lehrer.“

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