Sachsen

Plagiatsvorwürfe gegen weiteren Kultusminister

Gegen den einen wird ein Untersuchungsverfahren eingeleitet, bei dem anderen besteht nur ein Anfangsverdacht: Zwei Kultusminister wehren sich gegen Plagiatsvorwürfe.

Der „Panzer“, wie er gern bezeichnet wird, muss sich noch weitere Wochen gegen Plagiatsvorwürfe verteidigen. Denn Bernd Althusmann (CDU), Kultusminister Niedersachsens und Ex-Bundeswehroffizier, steht weiter unter dem Verdacht, in seiner Doktorarbeit getäuscht zu haben: Die Universität Potsdam konnte die Vorwürfe in einer Vorprüfung wie erwartet nicht ausräumen und bestätigte einen Bericht von "Morgenpost Online“ , dass sie ein formelles Untersuchungsverfahren einleiten wird.

Für Althusmann, den derzeit amtierenden Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), geht der Kampf um seine Reputation und sein politisches Überleben damit in die nächste Runde. Wie auch nach dem Aufkommen der Täuschungsvorwürfe Anfang Juli wurde nun sein Rücktritt gefordert. Andere verlangen, dass Althusmann wenigstens den Vorsitz der KMK vorerst nicht mehr ausüben soll, weil er kein Vorbild für sauberes wissenschaftliches Arbeiten sei.

Doch Althusmann, der über die Organisation der öffentlichen Verwaltung promoviert hat, wehrt sich gegen die Vorwürfe. Der Uni hatte er vor Kurzem eine Stellungnahme zukommen lassen. Althusmann, der gerade noch so den Doktor mit der Note „rite“ für „genügend“ geschafft hatte, gab bislang nur „mögliche handwerkliche Fehler“ zu. Am Mittwoch erklärte er: „Eine neue Sachlage ist nicht eingetreten. Jede Unterstellung der Täuschung weise ich nach wie vor entschieden zurück.“

Vorwurf von 2008 weitgehend ausgeräumt

Während dem Verdacht gegen Althusmann nun nachgegangen wird, gibt es seit Mittwoch gegen einen weiteren Kultusminister Plagiatsvorwürfe: Roland Wöller (CDU) aus Sachsen. Auf der Internetplattform VroniPlag Wiki sind Auszüge der Doktorarbeit des 41-Jährigen aufgetaucht, die Plagiate aus einer Magisterarbeit eines Studenten belegen sollen.

Wöller gestand ein, dass es bereits 2008 einen Plagiatsvorwurf gegen ihn an der Technischen Universität Dresden gegeben habe, der aber weitgehend ausgeräumt worden sei. Laut dem Dresdner Medien- und Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber, der als Plagiatsgutachter tätig ist, besteht gegen Wöller ein Anfangsverdacht.

Wo fängt Täuschung an?

Im Gegensatz dazu wird dem Fall Althusmann bereits nachgegangen: Sein Fall unterscheidet sich aber stark von anderen aufgeflogenen Doktorarbeiten, etwa denen von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Mehrin oder Jorgo Chatzimarkakis (beide FDP). Laut Gutachten habe der Kultusminister zwar nicht direkt abgeschrieben, ohne die Quelle zu erwähnen; vielmehr soll Althusmann viele Stellen nur sehr geringfügig verändert haben.

Die Fragen, auf die der Umgang mit Althusmanns Arbeit eine Antwort geben wird, lauten daher: Wo hört eine fahrlässige Arbeitsweise auf, und wo fängt Täuschung an? Und: Wie viel schlampiges Arbeiten darf und will sich die Wissenschaft bei Doktorarbeiten leisten?

VroniPlag hält sich zurück

Der Plagiatsvorwurf bei Althusmann ist selbst für bisher strenge Begutachter nur schwer nachzuvollziehen. VroniPlag etwa gilt als sehr genau bei der Begutachtung von Doktorarbeiten. Die User brachten etwa die Fälle Koch-Mehrin und Chatzimarkakis ins Rollen. Bisher haben alle Universitäten die Verdachtsfälle von VroniPlag im Wesentlichen bestätigt. Doch im Fall Althusmann hält sich VroniPlag zurück.

Der harte Kern der Nutzer debattierte nach Angaben des Administrators „KayH“ intern heftig über die Vorwürfe und kam auch zum Schluss, dass teilweise Plagiate vorliegen. Doch die Plattform hat sich eine Grenze gesetzt, bevor Arbeiten aus dem kleinen Kreis gelangen und die Öffentlichkeit mit untersuchen kann: Dies passiert erst, wenn auf zehn Prozent der Seiten Plagiate nachgewiesen wurden.

Beim Fall Althusmann sei man sich bei VroniPlag unsicher gewesen, wie schwer der Plagiatsverdacht zu werten ist. Zudem reagiere man bei der Plattform meist zurückhaltend, wenn jemand anderes eine Arbeit bereits zu weiten Teilen untersucht habe. Nach der internen Diskussion untersuchte das Wiki die Arbeit jedenfalls nicht genauer. Beim Fall Wöller ist der Toleranz-Wert derzeit offenbar nicht erreicht. Deshalb wird der Vorwurf bisher erst im Forum genannt.

Experten aus der Hochschulwelt halten nichts von Toleranzschwelle

Auch der Internetblog De Plagio, auf dem sich bloggende Wissenschaftler mit wissenschaftlicher Redlichkeit und Plagiaten beschäftigen, äußert im Laufe der aktuellen Plagiatsfälle erstmals Zweifel, ob bei Althusmann eine Täuschungsabsicht und nicht nur eine „extrem fahrlässige Arbeitsweise“ vorliegt. Und selbst die Universität Heidelberg gestand im Fall Koch-Mehrin eine Toleranzschwelle beim Abschreiben zu – die im Fall der FDP-Europapolitikerin aber überschritten worden sei.

Doch die meisten Plagiatsexperten aus der Hochschulwelt halten nicht viel von einer Toleranzschwelle und plädieren für einen Titelentzug. Kein Verständnis zeigt Wirtschaftsprofessor Manuel René Theisen, Autor des Standardwerks „Wissenschaftliches Arbeiten“. Er sagte "Morgenpost Online“: „Es gibt kein ,Ein bisschen gemogelt'.“ Theisen würde seine Studenten mit solch einer Arbeit nicht durchkommen lassen: „Schlamperei klingt in diesem Fall verniedlichend. Er hat eine akademische Würde erworben, die zum Teil nicht auf seiner Arbeit fußt.“ Theisen sieht keinen Grund zur Milde, „wenn sich jemand mit einem Titel ein Leben lang schmücken und aus der Masse herausheben kann“.

Althusmann sagte am Mittwoch, er sieht der weiteren Prüfung gelassen entgegen. Die Frage, ob er bei einem Titelentzug zurücktreten würde, wollte Althusmann nicht beantworten. Er sagte lediglich: „Das ist wirklich Spekulation.“

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