Innere Sicherheit

Wie Deutschland sich vor Fanatikern schützt

Anders Breivik hätte hierzulande schlechtere Chancen, einen Anschlag wie in Norwegen zu verüben. Morgenpost Online vergleicht die Sicherheit in beiden Ländern.

Foto: dpa

Die deutsche Polizei hat ihr Einsatzkonzept nach den Schulamokläufen von Erfurt im Jahr 2002, Emsdetten im Jahr 2006 und Winnenden im Jahr 2009 stetig verbessert.

Beim Erfurter Amoklauf warteten die Polizisten vor Ort noch das Eintreffen von Spezialeinheiten ab, so wie es bei Geiselnahmen heute noch üblich ist, um Eskalationen zu vermeiden. „Nach Erfurt gab es einen Paradigmenwechsel bei der Polizei“, sagte Karsten Gräfe, Abteilungsleiter für „Einsatzlagen der Schwerkriminalität“ der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, "Morgenpost Online“. Der Polizeidirektor befasst sich mit Amokläufen, Geiselnahmen und Entführungen.

Einsatzkonzept

Nach den neuen Einsatzkonzepten der Bundesländer ist zunächst immer die örtliche Polizei bei einem Amoklauf angewiesen, unverzüglich in die jeweilige Schule einzudringen. Sie sollen den Täter sofort lokalisieren und handlungsunfähig machen. „Es geht darum, schnell zu intervenieren und zugleich Verletzte zu retten. Ultima Ratio ist der finale Rettungsschuss, also die Tötung des Täters“, erklärt Gräfe.

Die örtliche Polizei soll nach diesem Konzept nicht auf Spezialeinheiten warten. Jedes Bundesland verfügt über Spezialeinsatzkommandos (SEK) und Mobile Einsatzkommandos (MEK), die später hinzugezogen werden können. Nach einem Notruf bei den Polizei-Leitstellen der Länder entscheiden sie in einer ersten Gefährdungseinschätzung, ob es sich um einen Amoklauf, eine Geiselnahme oder einen Terroranschlag handelt.

„Die Klassifizierung der Tat war in Norwegen nicht so eindeutig. Das Bombenattentat in Oslo hat Aspekte eines Terroranschlages, die Schießerei auf der Ferieninsel Utøya die eines Amoklaufes“, sagt Gräfe. Zwei Tatorte beziehungsweise der Tatortwechsel seien atypisch für Amokläufe. Typisch findet er aber die absolute Introvertiertheit des Täters, die lange Planung des Attentats und die rasche Tötung von Menschen. „Bei terroristischen Anschlägen gibt es eine oder mehrere Sprengstoffexplosionen, aber danach ist die Tat beendet“, sagt Gräfe.

Mit mehreren Anschlägen gleichzeitig habe die Polizei allerdings noch keine Erfahrung gemacht. Die Polizeien von Bund und Ländern beschäftigen sich aber seit geraumer Zeit mit solchen Szenarien. Die taktischen und strategischen Ansätze werden der Öffentlichkeit allerdings nicht preisgegeben.

Gräfe will sich auch nicht dazu äußern, ob es in Norwegen Pannen bei der Polizei gegeben hat. In deutschen Sicherheitskreisen heißt es dazu allerdings, die Norweger seien aus ihrem „Dornröschenschlaf geweckt worden“. Allein dass die Polizei dort die Zahl der Getöteten drei Tage nach dem Attentat korrigieren musste, wirke nicht sonderlich professionell.

Sprengstoff

Wer in Deutschland beim Landhandel Kunstdünger kauft, aus dem sich Sprengstoff gewinnen lässt, wird mit Name und Adresse registriert. Die Menge ist über die Rechnung ersichtlich. Das gilt auch für den gesamten EU-Raum, beispielsweise, wenn in Polen eingekauft wird. Seit 2008 darf Kalkammonsalpeter-Dünger in der EU nur noch 16 Prozent Ammoniumnitrat enthalten.

Der norwegische Täter Anders Behring Breivik hatte über viele Jahre hinweg eine Tonne Sprengstoff aus Dünger und Diesel hergestellt. Die Anleitung dafür fand er im Internet, den Dünger bestellte er im Großhandel. Weil er bei einem polnischen Chemieunternehmen für umgerechnet 15 Euro einkaufte, fiel er den norwegischen Sicherheitsbehörden auf. Sie fanden seinen Kauf jedoch unbedeutend.

Die polnische Polizei teilte den Norwegern sogar mit, dass Breivik per Internet bei einer Firma in Breslau legale Chemikalien zum Bombenbau bestellt hatte. Doch die norwegische Polizei stufte die Order als rein geschäftlich ein.

Killerspiele

Auf den 1500 Seiten des "Manifests" des 32-Jährigen, das er auch an deutsche Neonazis unter anderem in Dortmund schickte, fallen die Namen von Computer- und Videospielen auf: Dazu gehören etwa „Modern Warfare“, „Call of Duty“, „World of Warcraft“ oder „Bioshock“, in denen es etwa darum geht, Gegner zu töten. Die meisten Spiele werden als Möglichkeit zur Erholung genannt. Nur die beiden ersten nennt er aber als „gute Alternative“, um das Zielen mit Waffen zu simulieren. Bei „Call of Duty“ läuft man als Soldat durch die Gegend. Das genannte „Modern Warfare II“ ist ein Spiel aus der gleichen Reihe. Breivik beschreibt „Modern Warfare II“ als beste „Militärsimulation“.

Die Spiele sind international sehr beliebt, auch in Deutschland. Seit Jahren geraten sie regelmäßig in die Kritik, wenn jemand, der sie spielt, durchdreht und auf andere schießt. Einige Kritiker fordern in diesem Zusammenhang sogar ein generelles Herstellungsverbot für „Killerspiele“ oder abgemildert ein Werbeverbot. Beides gilt derzeit aber nicht. Als Schutz werden Spiele hinsichtlich der präsentierten Gewalt eingestuft und dürfen erst ab einem bestimmten Alter gekauft werden.

In Deutschland wurden beide Computerspiele, die der Norweger empfohlen hat, von der „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ geprüft und sind für Jugendliche nicht freigegeben. Dies lässt sich allerdings leicht umgehen: Jeder, der einen Internetzugang besitzt, kann diese Spiele auf verschiedenen Plattformen illegal herunterladen.

Waffenrecht

Waffennarr Breivik lässt sich in seinem "Manifest" lange über Waffen aus. Er reiste nach Prag, um sich illegal ein Gewehr zu kaufen. Weil dies misslang, so schreibt er, müsse er „legal“ ein halbautomatisches Gewehr und eine Glock-Pistole kaufen. Dies werde aber wohl keine Probleme bereiten, da er bereits seit Jahren eine Pumpgun besitze, im Schützenverein sei und sich nichts zu Schulden habe kommen lassen.

Im norwegischen Waffenrecht gibt es kein Limit für die Zahl der Waffen in Privatbesitz. Jeder Waffenkauf muss aber genehmigt werden. In Deutschland sind etwa zehn Millionen legale Schusswaffen in Privatbesitz. Sportschützen können Waffen erwerben, wenn sie ein Jahr regelmäßig in einem Schießsportverein trainieren.

Die Regierung hat das Waffengesetz 2003 nach dem Amoklauf in Erfurt und 2008 verschärft. Nach dem Amoklauf in Winnenden 2009 wurde noch einmal nachjustiert und das Aufbewahren in gut gesicherten Schränken festgelegt. Bis 2012 soll ein nationales Waffenregister aufgebaut werden. Darin werden dann Fabrikat, Kaliber, Seriennummer sowie Name und Adresse vom Verkäufer und Besitzer aller Schusswaffen für mindestens 20 Jahre erfasst.

Templerorden

Breivik hat angeblich mit Gleichgesinnten im Jahr 2002 in London einen Tempelritter-Orden gegründet, um einen „Kreuzzug“ gegen „Marxisten und Muslime“ zu führen. Auf dem Titelblatt seines Manifests prangt zudem das rote Kreuz der Tempelritter.

Die deutschen Templer (150 Mitglieder, 350 Anwärter) prüfen persönliche Angaben von Neulingen sehr genau. Erst nach zwei Jahren aktiver Mitarbeit können sie von Mitgliedern für die Aufnahme vorgeschlagen werden. Die Tempelritter weisen jegliche Verbindung zu den Anschlägen in Norwegen von sich. Elke Bruns, die als Großpriorin an der Spitze der deutschen Sektion der Tempelritter (OSMTH) steht, sagte der „Welt“: „Diese Anschläge sind eine Katastrophe. Es ist ein Schlag ins Gesicht, wenn wir mit diesem Fall in einen Topf geworfen werden.“

Die modernen Templer vergleichen sich etwa mit dem Malteser Hilfsdienst und weisen auf ihre humanitäre Arbeit hin. Bruns hat von dem von Breivik genannten Templerorden nach eigenen Angaben noch nie etwas gehört. Sollte es diesen wirklich geben, wäre er für sie eine kriminelle Vereinigung.

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