Jugendschutz

Beim Alkoholverkauf wird schärfer kontrolliert

Der Vollrausch ist in ihren Kreisen längst nicht mehr geächtet: 25.700 Jugendliche wurden 2008 in Deutschland mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Eine erschreckende Zahl. Jetzt wollen Bundesregierung und Handel gemeinsam gegen den Alkoholkonsum bei Jugendlichen vorgehen.

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Fast jeder junge USA-Tourist hat es schon erlebt: Beim Kauf eines Biers im Supermarkt fragt die Kassiererin nach dem Ausweis. 20-Jährige reagieren entsetzt, 25-Jährige irritiert, 30-Jährige fühlen sich meist geschmeichelt für 21 – das in den USA geltende Mindestalter für den Erwerb von Alkohol – gehalten zu werden.

In Deutschland ist die Frage nach dem Ausweis noch die Ausnahme. Das soll sich ab sofort ändern. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), und der Handelsverband Deutschland (HDE) haben vereinbart, in Zukunft generell den Nachweis zu verlangen.

„Bisher wurde das Alter nur in Zweifelsfällen kontrolliert. Alle jugendlich aussehenden Alkoholkäufer werden ab sofort freundlich nach ihrem Ausweis gefragt“, sagte Dyckmans. Sie erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kamen, größer und größer geworden ist. 25.700 wurden 2008 mit Vollrausch eingeliefert, ein Plus von 11 Prozent gegenüber 2007. „Der Vollrausch ist gesellschaftlich nicht mehr geächtet, junge Leute treffen sich, um sich zu betrinken, das können wir nicht hinnehmen“, sagte Dyckmans.

An den Kassen will der Einzelhandelsverband ein Schild aufstellen lassen. Eine blonde Schönheit mit Blendamed-Lächeln blickt den Betrachter an. „Man sieht ihnen ihr Alter gar nicht an“, steht schmeichelnd daneben. Damit soll um Verständnis für die Kontrollen geworben werden. Doch der Verband will es nicht dabei belassen. Mitarbeiter sollen geschult und Geräte installiert werden, die mit einem Signal den Verkäufer warnen, dass er es mit einem Produkt zu tun hat, das dem Jugendschutzgesetz unterliegt.

Schließlich werden Testkäufer losgeschickt. Um einer Diskussion um minderjährige Testkäufer aus dem Weg zu gehen, werden sie über 18 sein. Die Kontrollen haben deshalb wohl einen rein psychologischen Effekt. Verlangt der Supermarkt keinen Altersnachweis, sind Sanktionen schwierig, da ja kein Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz vorliegt. Schließlich könnten die Verkäufer behaupten, dass in ihren Augen die jungen Leute gar nicht so jung aussehen. „Es wird keine Kassiererin entlassen, nur weil sie einen Verstoß begeht, auch eine Abmahnung wird es nicht geben“, sagt der Präsident des HDE, Josef Sanktjohanser. Die Verantwortung liege zuerst bei der Geschäftsführung.

Sanktjohanser ist überzeugt, dass die Ausweiskontrolle mehr bewirken kann als Verkaufsverbote. Eines ist klar: Die jetzt geschlossene freiwillige Vereinbarung mit der Bundesregierung ist für den Einzelhandel komfortabler und billiger, als – wie etwa nach 22 Uhr in Baden-Württemberg – keinen Alkohol mehr verkaufen zu dürfen. Dyckmans Vorgängerin Sabine Bätzing (SPD) hatte für diese Idee große Sympathien, ihre Nachfolgerin hingegen steht ganz auf Seiten der Geschäftsleute und ist gegen bundesweite Verbote: „Das bewirkt nur eine Verdrängung. Dann wird der Alkohol eben kurz vor 22 Uhr gekauft.“

Dennoch warnt Dyckmans die Händler, die neue Vereinbarung nicht ernst zu nehmen. „Wenn das Gebot nicht eingehalten wird, muss man sich überlegen, wie man eine Ausweiskontrolle gesetzlich vorschreibt.“ Derzeit arbeitet die Bundesregierung an einer neuen Strategie zur Drogen- und Alkoholprävention. Das Nationale Aktionsprogramm von Sabine Bätzing war noch am Widerstand der Union gescheitert. Eine Neubelebung fordert nun die Opposition. „Wir brauchen einen abgestimmten Aktionsplan anstelle isolierter Einzelinitiativen“, sagt Kai Gehring, jugendpolitischer Sprecher der Grünen. Selbstverpflichtungen seien weitestgehend wirkungslos. „Wir fordern daher gesetzliche Werbebeschränkungen auch für Alkohol.“