Bundestag

Pro und Contra zur Abstimmung über PID

Die 620 Bundestagsabgeordneten können bei der heutigen Entscheidung über die Präimplantationsdiagnostik unabhängig von einer Parteilinie nur ihrem Gewissen entsprechend entscheiden. Morgenpost Online mit einem Pro und einem Contra zur PID.

Foto: dapd / dapd/DAPD

PRO

JA. Denn die Gendiagnostik kann verzweifelten Menschen helfen. Ein Verbot leistet nur inhumanen Methoden Vorschub

Beatrix Fricke (41) Lokal-Redakteurin, lebt mit ihrer Familie in Potsdam.

Ich hatte gerade mein erstes Kind bekommen, da lernte ich beim Spazierengehen mit dem Kinderwagen auf einem ruhigen Friedhofsweg in Berlin eine andere junge Mutter kennen. Aus dem ersten Kontakt wuchs eine Freundschaft heran. Gerade einmal vier Tage lag die Geburt unserer beiden Mädchen auseinander, und über das, was wir mit unseren Kindern erleben wollten, waren wir uns ziemlich einig.

Doch es kam anders. Während meine Tochter geradezu lehrbuchmäßig trank, ihr Köpfchen hob und später unter Einsatz ihres ganzen Körpers die Welt zu erkunden versuchte, wollte ihre Tochter das anscheinend nicht. Nein: Sie konnte es nicht. Das stellte sich nach langem Abwarten und unzähligen medizinischen Untersuchungen heraus. Die Eltern erfuhren, dass ihr Mädchen an Muskelschwund in seiner schwersten Form litt. Ich werde nie vergessen, wie meine Freundin mir erzählte, dass ihr Baby eine „eingeschränkte Lebenserwartung“ habe, wie es im Medizinerdeutsch heißt. Den ersten Geburtstag, so die Prognose der Ärzte, werde es nicht erleben.

Das Schicksal dieser Familie ist gar nicht so selten. Es gibt viele Eltern, deren Kinder an schweren erblichen Erkrankungen leiden. Auch die Mukoviszidose gehört dazu. Es gibt auch viele Mütter, die mehrere Fehlgeburten hinter sich haben, die auf genetisch bedingte Krankheiten zurückzuführen sind. Für genau solche Menschen ist die Präimplantationsdiagnostik, kurz: PID, gedacht. Sie ist für sie ein Weg, gesunden Nachwuchs zu bekommen. Ganz nebenbei: Es ist kein leichter Weg. Er ist verbunden mit großem Aufwand, hohen Kosten und zahlreichen medizinischen Behandlungen. Mit dem verbreiteten Vorurteil, bei der PID gehe es um das Erzeugen von „Designerbabys“, hat das alles nichts zu tun.

Natürlich kann die PID – wie so ziemlich alles auf der Welt – missbraucht werden. Doch was bewirkt ein Verbot? Es kurbelt doch nur den Medizintourismus in Länder an, in denen die PID uneingeschränkt und unkontrolliert erlaubt ist. Daneben fördert es Alternativen, die mir sämtlich inhuman erscheinen. So können betroffene Paare während der Schwangerschaft eine vorgeburtliche Untersuchung vornehmen lassen und sich im Krankheitsfall des Kindes für eine Abtreibung entscheiden. Ist so eine „Schwangerschaft auf Probe“ nicht viel schlimmer, als wenn Mediziner einen Vierzeller im Reagenzglas absterben lassen? Die Paare können sich auch entscheiden, auf Kinder beziehungsweise weitere Kinder zu verzichten. Das ist eine Entscheidung mit ungeheurer Tragweite, die privat ist und Größe verlangt. Solche Entscheidungen darf der Staat nicht abverlangen. Schließlich können die Paare das Risiko einer Schwangerschaft ohne Untersuchungen eingehen – und müssen mit der Geburt eines (weiteren) schwer kranken, womöglich todgeweihten Kindes rechnen.

Was wohl meine Freundin dazu sagen würde? Eine Zeitlang hatte sich der enge Kontakt zu ihr gelockert. Die motorischen Fähigkeiten ihrer Tochter nahmen von Monat zu Monat ab, sie war permanent auf medizinische Apparaturen und die beiden schließlich auf eine Rund-um-die-Uhr-Unterstützung durch Pflegepersonal angewiesen. Nur in seltenen Momenten konnte meine Freundin die Wohnung verlassen, unbekümmert war sie dabei nie. Ständig musste sie etwas recherchieren oder organisieren, um ihrer Tochter das absehbar kurze Leben zu erleichtern – und hörte dabei Aussagen wie zum Beispiel die ihrer Krankenkassenbetreuerin, dass ein neues Korsett für die Kleine doch gar nicht mehr lohne. Und da war ich mit meiner Tochter, die immer mobiler wurde, und konnte der Freundin gar nicht richtig zuhören, weil sonst in der Zwischenzeit die Kaffeetasse umgestoßen worden wäre oder irgendein größeres Unglück passiert wäre. Aber was wäre das gewesen gegen ihre Probleme? Die Schnittmenge unseres Erlebens war sehr klein geworden, und die Unterschiede taten weh.

Als ich meine Freundin wieder einmal anrief, es muss um den zweiten Geburtstag meiner Tochter herum gewesen sein, befürchtete ich, das Schlimmste zu hören. Doch es wurde wider Erwarten ein fröhliches Gespräch. Die Schnittmenge war wieder größer geworden: Wir waren beide erneut schwanger. Ihr Sohn ist zweieinhalb Wochen älter als meine zweite Tochter – und kerngesund.

Eine PID haben meine Freundin und ihr Mann nicht in Anspruch genommen, weil sie dazu für zwei Wochen ins Ausland reisen und ihre schwerstkranke Tochter hätten allein lassen müssen. „Das wäre für mich nicht gegangen“, sagt meine Freundin. Und sie sagt auch, dass keiner ermessen könne, wie dankbar sie sind, dass dennoch alles gut gegangen ist. Und dass sie gar nicht daran denken möchte, was gewesen wäre, wenn die pränatale Diagnostik, die sie in Deutschland genutzt hat, erneut die tödliche Krankheit angezeigt hätte.

Als ihre Tochter beerdigt wurde, durfte ich während der Feier den Sohn – mittlerweile ein Krabbelkind – auf dem Arm halten. Es tat gut, seine Wärme und Lebendigkeit zu spüren und zu wissen, dass dieses Kind seinen Eltern auch in Zukunft Tag für Tag zeigen würde, dass das Leben weitergeht. Das Mädchen wurde übrigens auf dem Friedhof beigesetzt, auf dem ich es mit seiner Mutter kennengelernt hatte. Es ist ein schöner Platz, ein friedlicher Platz für mich. Ein Platz, an dem sich Trauer und Zuversicht verbinden.

Ich finde es gut, dass es die Möglichkeit zur Präimplantationsdiagnostik gibt, und wünsche mir, dass auch Eltern in Deutschland sie nutzen können – unter gesetzlichen Auflagen und flankiert von medizinischer und psychologischer Beratung, damit Missbrauch vermieden wird.

CONTRA

NEIN. Denn damit versprechen Medizin und Staat gesunde Kinder. Sie können aber nur behinderte Kinder verhindern

Robin Alexander (36) Politik-Redakteur, lebt mit Frau und drei Kindern in Neukölln.

Die „Präimplantationsdiagnostik“ ist ein Versprechen. Das Versprechen lautet: „Ihr könnt ein gesundes Kind bekommen!“ Jeder, der Kinder hat, erwartet oder davon träumt, weiß, welche Verheißung in diesem Versprechen steckt. Kinder sind auch bei noch so umsichtiger Familienplanung nämlich Schicksal – und ihre Gesundheit auch. Segensreiches, Glück bringendes, erfüllendes Schicksal – meist. Grausames Schicksal – manchmal. Dies zu akzeptieren, fällt im konkreten Fall schwer: Kein Mensch kann einen anderen trösten, der zusehen muss, wie sein Kind stirbt, weil es nicht gesund auf die Welt gekommen ist. Auch gläubige Menschen scheitern, darin einen Sinn zu erkennen.

Aus dieser Verzweiflung wird dem Versprechen geglaubt, „Ihr könnt ein gesundes Kind bekommen“. In der Reproduktionsmedizin gibt es neben verantwortlichen Medizinern auch Menschen, die von diesem Versprechen leben. Zum ersten Mal schickt sich jetzt aber der Staat an, dieses Versprechen zu geben – darum geht es im Kern bei der heutigen Abstimmung im Bundestag. Kliniken, die PID anbieten, werden dann in allen Regionen Deutschlands entstehen und die Methode zu einem Teil unseres solidarisch finanzierten Gesundheitswesens werden. Das wäre neu – nicht die PID selbst. Denn hinter dem Begriff „Präimplantationsdiagnostik“ verbirgt sich entgegen des öffentlichen Eindrucks keine innovative Heilmethode. Die PID ist weder neu, noch eine Heilmethode – sondern ein medizinisch gar nicht so anspruchsvoller Gentest an Embryonen, der schon seit über zwanzig Jahren angewandt wird. Mit künstlicher Befruchtung werden mehrere Embryonen erzeugt, danach entscheidet ein Arzt, welche Leibesfrucht ausgetragen wird und welche Embryonen verworfen werden. Diese Entscheidung über Leben und Tod galt jahrelang zu Recht als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.

Sicherheit gibt es bei dem hochproblematischen Verfahren übrigens keine. Im Gegenteil. Weniger als ein Fünftel aller Behandlungen führen dazu, dass tatsächlich ein gesundes Kind geboren wird. In den entsprechenden Kliniken im Ausland, die auch von deutschen Paaren besucht werden, wird PID deshalb oft im Paket mit einer eventuellen späteren Spätabtreibung verkauft. In Wirklichkeit sind auch Medizin und Staat nicht in der Lage, Eltern in jedem Falle ein gesundes Kind zu garantieren. Ihr Versprechen zielt lediglich darauf, behinderte Kinder zu verhindern.

In der Öffentlichkeit gibt es jetzt viele Berichte von Familien, die nach einer PID ein gesundes Kind bekommen haben und glücklich sind. Diese Fälle sind authentisch, sie bilden die Wirklichkeit aber nicht annähernd ab. Ist schon die gewöhnliche künstliche Befruchtung für die Frauen sehr belastend, so wird sie bei PID, für die viel höhere Hormongaben Voraussetzung sind, zur Tortur gesteigert. Es ist seltsam, dass dies im so frauenbewegten Deutschland nicht stärker gesehen wird: Der unbedingte Kinderwunsch von Eltern wird mit Hilfe der Reproduktionsmedizin zu Lasten der Gesundheit der Frauen ausgetragen. Und auch das gehört zur Wahrheit: Es ist erschreckend, zu welchen Eingriffen in Körper und Seele Frauen heute von ihren Männern gedrängt werden, weil die sich um jeden Preis auch genetisch fortpflanzen wollen. Ist es ein Zufall, dass zumindest in unserem privaten Umfeld es immer die Frauen waren, die sanftere Alternative zur künstlichen Befruchtung wie Adoption, die Aufnahme von Pflegekindern oder andere Formen „sozialer Elternschaft“ vorschlugen? PID ist also für die Betroffenen immer ein harter, in der Regel zu Enttäuschung und oft zu Leid führender Weg, an dessen Ende nicht selten eine gezeichnete Frau allein zurückbleibt. Dass diese nicht in die Öffentlichkeit drängen, ist nur zu verständlich.

Darüber hinaus verändert eine Zulassung der PID unsere Gesellschaft. Denn einmal legalisiert, lässt sich PID eben nicht begrenzen: In Großbritannien wurde der Gentest an Embryonen auch einst eingeführt, um vermutlich lebensunfähige Kinder auszusortieren. Längst aber wird dort auch die Geburt von Kinder mit Trisomie 21 verhindert, also von Menschen mit dem so genannten „Down Syndrom“, die heute alt und glücklich unter uns leben. Wie weit die Auswahl von Embryonen dann geht, zeigt der Fall einer britischen Familie, die auf ihr vermeintliches Recht klagte, männliche Embryonen auszusortieren, da sie bei einem Autounfall eine Tochter verloren hatte. „Family Balancing“ lautet das euphemistische Wort für diese Art der Geschlechterauswahl. In anderen Ländern wollten Eltern gezielt so genannte „Heilgeschwister“ herstellen, um einen Knochenmarkspender für ein krankes Kind zu gewinnen. In den USA wird schon heute in medizinischen Zeitschriften die Wirtschaftlichkeit einer flächendeckenden PID gegenüber den Behandlungskosten Behinderter abgewogen. Egal wie die Abstimmung im Bundestag ausgeht: Menschen mit Behinderungen sind schon jetzt die Verlierer. Ihr Leben wurde bewertet, abgewogen und zur Disposition gestellt. Dabei sind viele Schamgrenzen gefallen. So erschien am vergangenen Wochenende eine Berliner Tageszeitung mit der Schlagzeile: „Wie viel Selektion darf sein?“ Die meisten PID-Befürworter hüten sich vor solcher nationalsozialistischer Sprache und hegen auch keine sozialdarwinistischen Ideen. Dennoch kann man ihnen die Tatsache nicht ersparen: Die Debatte über die PID hat dazu geführt, dass das Lebensrecht von Behinderten in dieser Gesellschaft wieder diskutabel geworden ist. Ein hoher Preis für ein falsches Versprechen.