Besuch in London

McAllister beweist sein Talent für Außenpolitik

Der niedersächsische Ministerpräsident wirbt in London um einen verträglichen Abzug der britischen Soldaten – und beweist außenpolitisches Gespür.

Es ist keine ganz einfache Zeit für so einen Trip. Man schüttelt ja gerade mal wieder ein wenig den Kopf in Britannien über "diese Germans". Bei denen ein Erdbeben im entfernten Japan weitaus mehr politische Erschütterungen auslöst als im Land des Unglücks selbst. Die sich in der Causa Gaddafi einen Schlingerkurs leisten, den hier auf der Insel kein noch so gutwilliger Experte nachvollziehen kann. Diese Deutschen, die die Briten noch immer für einen europafreundlichen Kurs gewinnen wollen, was derzeit noch aussichtsloser erscheint als zu Tony Blairs Zeiten.

Es sind also keine günstigen Voraussetzungen für einen niedersächsischen Ministerpräsidenten, um in London für sein Land, ein bisschen aber auch für sich selbst zu werben.

David McAllister aber, 40 Jahre jung, seit gerade einmal neun Monaten im Amt, beweist an diesem Montag in vom Terminplan erzwungener Windeseile, dass er einer der begabtesten Außenpolitiker Deutschlands ist. Und das liegt nicht allein daran, dass McAllister schottische Wurzeln hat oder dass hier endlich einmal ein deutscher Politiker sich nicht durch die englische Sprache stümpern muss, um zu sagen, was er meint.

Ob Botschaftsempfang, Gespräch mit dem britischen Verteidigungsminister Liam Fox, Kurzauftritt in einer Brennpunktschule oder Debatte mit Abgeordneten – McAllister findet die angemessene Mischung aus gebotener diplomatischer Zurückhaltung, erwünschter Klarheit der Aussagen und Charme. Er beweist auch das nötige Gespür für den historischen Kontext der deutsch-britischen Beziehungen.

Sein Vater half 1945, Deutschland zu befreien

McAllister erzählt vor handverlesenen Gästen in einem Londoner Hotel eine kleine, sehr persönliche Geschichte. Von seinem Vater, einem schottischen Soldaten, der 1945 half Deutschland zu befreien und sich niemals – niemals! – hätte vorstellen können, dass sein eigener Sohn einmal einer deutschen Armee dienen würde. Der Christdemokrat braucht nur wenige Sätze, frei von jeder Anbiederei, um einen kleinen Gänsehautmoment zu schaffen, mit dem er 75 Jahre deutsch-britischer Geschichte bloßlegt. Und unwiderlegbar beweist, warum diese Art des Miteinanders der Nationen, unabhängig von allen Scharmützeln des Alltags, so wichtig ist.

Danach kann man sich dann den eigenen Interessen zuwenden, den kleinen, niedersächsischen Sorgen, die McAllister im großen London mit Nachdruck vorträgt. Der beschlossene Abzug aller britischen Streitkräfte samt Tausender Angehöriger aus Deutschland bis 2020 beschert dem strukturschwachen Nordosten Niedersachsens erhebliche Probleme. Heide-Kommunen wie Bergen und Bad Fallingbostel drohen ohne die seit Jahrzehnten stationierten britischen Truppen zu Geisterstädten zu werden. Auch mittelgroßen Gemeinden wie Celle und Hameln droht ein kaum zu ersetzender Verlust an Kaufkraft und Steuereinnahmen.

Also hat McAllister auch eine Gebetsmühle im Gepäck, mit der er seine Gesprächspartner bearbeitet. Ja, man habe Respekt vor der Entscheidung der Briten, die man allerdings auch bedaure, ob der guten Partnerschaft der vergangenen Jahrzehnte. Und man bitte darum, die Soldaten nicht abrupt abzuziehen, sondern sozialverträglich, auch das Wohl der betroffenen niedersächsischen Kommunen bedenkend.

Cameron will noch vor 2013 nach Niedersachsen kommen

Das ist angesichts der desolaten Haushaltslage der Briten alles andere als eine kleine Bitte. Aber die Reaktion vor allem der Gesprächspartner im Verteidigungsministerium zeigt, dass McAllister auf Zugeständnisse hoffen kann. Vielleicht sogar darauf, dass die Briten den größten europäischen Truppenübungsplatz, Bergen-Hohne, in der Lüneburger Heide auch weiterhin nutzen. Es gibt da durchaus Bedarf, aber auch Konkurrenz aus Kanada, Nordrhein-Westfalen und Britannien selbst. Weshalb es vermutlich noch weiterer Charme-Attacken aus Hannover bedarf. Man hat ja ein bisschen was in petto.

Zum einen rechnen die Niedersachsen ziemlich fest damit, dass ein Treffen mit David Cameron, das an diesem Montag einer Unterhaus-Debatte über Libyen zum Opfer fällt, in absehbarer Zeit nachgeholt werden kann. Der konservative britische Premierminister und ausgewiesene McAllister-Freund soll noch vor der Landtags-Wahl im Januar 2013 einer Einladung nach Norddeutschland folgen. Vermutlich wird er dann nicht mit ganz leeren Händen nach Hannover kommen.

Zum anderen versucht man dort gerade die historischen Verbindungen zwischen Hannover und dem britischen Thron wieder aufzupolieren. Die vorübergehende Personalunion der beiden Königshäuser jährt sich 2014 zum 300. Mal, was man an der Leine mit Pauken, Trompeten und einer möglichst Aufsehen erregenden Ausstellung feiern will.

An der Themse, wo Westminster Abbey gerade für ein Event ganz anderer Dimension aufgeputzt wird, ist dieses Datum noch nicht ganz im Blick. Aber immerhin: Über jenem Portal der Hochzeitskirche von Prinz William und Kate Middleton prangt – klein, aber unübersehbar – das Niedersachsenross.