Marxistenkongress

Lafontaine fordert mehr Gefühl bei der Linken

Ex-Linken-Parteichef Oskar Lafontaine trat in Berlin als Gast auf dem Marxistenkongress "Marx is Muss" auf - und entwarf seine Gesellschaftstheorie. Dabei vermisst er bei seiner Partei das Wort "Liebe" im Programm.

Als Parteichef abzudanken kann viele Vorteile haben. Man darf die endlosen Parteisitzungen schwänzen. Man kann nach Belieben Thesen aufstellen und wieder verwerfen, ohne dafür irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Gleichzeitig kann man, wenn man es zuvor geschickt angestellt hat, hinter den Kulissen der Boss bleiben.

All das hat Oskar Lafontaine bei seinem Auftritt auf dem Marxistenkongress „Marx is Muss“ in Berlin-Kreuzberg noch einmal vorgeführt. Zwischen dem Ausschank politisch korrekter Afri-Cola und dem Verkauf antiimperialistischer T-Shirts entwarf der 67 Jahre alte Stargast seine Gesellschaftstheorie. Die Kommunismus-Diskussion? Sie werde in Deutschland zu sehr auf den bösen Dreiklang „Mauer, Stacheldraht, Stalinismus“ verkürzt. Demokratie, dozierte Lafontaine vor rund 300 Gästen, müsse nicht formal, sondern vom Ergebnis her definiert werden. Eine Gesellschaft, die Lohnkürzungen zulasse, sei somit trotz frei gewählter Regierung nicht demokratisch. Die Vergesellschaftung von Unternehmen sei hingegen keinesfalls eine „Enteignung“. Schließlich verhindere man damit, dass die Unternehmer die Arbeitnehmer weiter enteigneten.

Er vermisse das Wort „Liebe“ im Parteiprogramm der Linken, sagte Lafontaine zum Schluss seiner Abrechnung. Er verwies auf ein Zitat des evangelischen Theologen Paul Tillich, der im demokratischen Sozialismus eine Widerstandsbewegung gegen die Zerstörung der Liebe in der Gesellschaft wähnte. Damit hätte Lafontaine auch auf dem Evangelischen Kirchentag auftreten können.