Bundeswehr in Afghanistan

"Wir machen weiter, da kann jeder sicher sein"

Nach dem Tod dreier Soldaten betont Isaf-Kommandeur Fritz die Bedeutung des Einsatzes. Er hofft, eines Tages Tourist in Afghanistan zu sein.

Foto: dpa / dpa/DPA

Nach dem Tod dreier Bundeswehr-Soldaten in der Unruheprovinz Baghlan hat die afghanische Regierung eine Untersuchung der Hintergründe angekündigt. Präsident Hamid Karsai versicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Telefonat, dieser „unglückliche Zwischenfall“ müsse aufgeklärt werden. Ein Soldat der Nationalarmee ANA hatte am Freitag auf dem Vorposten „OP North“ überraschend auf eine Gruppe deutscher Soldaten geschossen. Dabei starb ein 30-jähriger Hauptfeldwebel aus Langdorf im Bayerischen Wald, der eine Frau und eine kleine Tochter hinterlässt; ein 22-jähriger Stabsgefreiter und ein 21-jähriger Hauptgefreiter erlagen später ihren schweren Verletzungen. Sieben verwundete Soldaten wurden am Sonntag mit einem Spezialflugzeug nach Deutschland gebracht. Der Zustand von zweien sei weiter „kritisch, aber stabil“, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam.

Am Montag findet im Bundeswehr-Lager in Masar-i-Scharif eine Trauerfeier statt für die drei gefallenen Panzergrenadiere, die danach in die Heimat überführt werden. Eine Trauerfeier in Deutschland, an der aller Wahrscheinlichkeit nach auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) teilnehmen wird, ist für die zweite Wochenhälfte geplant. Der Ort steht noch nicht fest.

Sofort nach dem tragischen Zwischenfall flog der Kommandeur der Isaf-Truppen in Nordafghanistan, Generalmajor Hans-Werner Fritz, auf den „OP North“. Die Kameraden seien sehr betroffen gewesen, sagte er. Die Deutschen kannten den afghanischen Soldaten, der erst Anfang 20 war. Fritz traf vor Ort auch seinen afghanischen Amtskollegen Zalmay Wesa. Der Brigadegeneral kondolierte und sagte, die Kameraden des Bataillons, in dem der Todesschütze eingesetzt war, schämten sich für diese Tat. Fritz versicherte, die Isaf werde weiter mit der ANA zusammenarbeiten und deren Soldaten als Partner ausbilden.

Morgenpost Online: Herr General, seit dem Herbst hat die Isaf in Nordafghanistan beachtliche Erfolge erzielt gegen die Aufständischen. Und nun sterben wieder drei Bundeswehrsoldaten. Kommen die Taliban zurück?

Hans-Werner Fritz: Der Anschlag am Freitag hat uns alle wirklich tief getroffen. So bitter er auch für uns gewesen ist: Wir machen weiter, da kann jeder sicher sein. Die große Frage ist jetzt natürlich, wie sich das Frühjahr entwickelt. Wir haben bisher einen sehr milden Winter gehabt, in dem wir Operationen besser als erwartet führen konnten. Dennoch ist die Gefechtsintensität zurückgegangen, weil wir die ganze Zeit Druck auf die Taliban ausgeübt haben. Wir sind in deren Rückzugsräume reingegangen, und es ist uns auch gelungen, ihnen zu guten Teilen die Logistik abzuschneiden. Die sind verschossen, die haben nichts mehr. Des Weiteren gibt es aus Pakistan die Weisung, die lokalen Führer hier im Land zu lassen. Man gönnt denen keine Winterpause mehr wie früher. Weil sie Angst haben, dann nicht mehr reinzukommen. Und ich bleibe dabei: Ich stopfe hier jedes Fuchsloch zu, das ich zustopfen kann.

Morgenpost Online: Für die Bundeswehr war dies der erste Fall, in dem ein afghanischer Soldat deutsche Kameraden getötet hat. Was bedeutet das für die weitere Zusammenarbeit mit der ANA?

Fritz: Das war auf jeden Fall eine Einzeltat, dieser Vorfall ist nicht symptomatisch für das Verhältnis zwischen afghanischen und deutschen Soldaten. Wir gehen bisher nicht davon aus, dass es ein gesteuerter Mord war. Der Täter war auf dem OP North zur Lagersicherung eingesetzt und kam gerade von der Wache zurück, dann hat er plötzlich auf unsere Männer geschossen. Auf mich wirkte das Ganze eher wie ein Amoklauf. Eines passiert jetzt nicht: Dass ein Keil zwischen uns und die afghanischen Sicherheitskräfte getrieben wird. Selbst unsere Frauen und Männer vor Ort sagen: „Wir machen weiter. Das sind wir unseren Gefallen schuldig.“

Morgenpost Online: Muss die Isaf nun ihre Strategie des Partnering ändern?

Fritz: Nein. Partnering birgt Risiken, aber Partnering ist der einzig richtige Weg, um den Afghanen so früh wie möglich die Verantwortung für die Sicherheit in ihrem Land zu übertragen. Ohne Sicherheit gibt es keinen Wiederaufbau. Ein weiterer Aspekt ist, dass alle Operationen ein „afghanisches Gesicht“ haben sollen, das erhöht die Akzeptanz in der afghanischen Bevölkerung und schafft Vertrauen. Dadurch bekommen wir zunehmend Hinweise von den Einheimischen, wo die Taliban Sprengsätze vergraben haben. Das Partnering hat sich gerade in den vergangenen Monaten sehr bewährt, wir haben damit deutliche Fortschritte erzielt. Bis in den Herbst hinein haben wir gemeinsam mit den Afghanen sehr harte Gefechte durchgestanden – in einer Intensität von der ich glaube, dass sie deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht erlebt haben. Wir haben zum ersten Mal scharf mit Artillerie geschossen. Wir sind buchstäblich auf Handgranatenwurfweite an den Gegner herangekommen. Man konnte sich gegenseitig fast in die Augen sehen.

Morgenpost Online: Und wer ging als Sieger aus diesen Kämpfen hervor?

Fritz: Als Ergebnis sehe ich, dass wir gerade mit dem Jahr 2010 als auch mit dem jetzt angebrochenen 2011 sehr zufrieden sein können. Besonders im Korridor Kundus-Baghlan, wo es wirklich kritisch war, haben wir die Sicherheit nachhaltig verbessert. Und was mich am meisten freut: Es zieht Normalität ein. Wir können nun in Bereiche hineingehen, wo wir vorher den Fuß überhaupt nicht reinsetzen konnten, weil sofort auf uns geschossen worden wäre. Jetzt kommen auch die Leute auf uns zu und sagen, was sie brauchen, und wir versuchen zu helfen, so gut es geht. Die Bevölkerung hat die Nase voll vom Krieg. Die wollen Frieden und Sicherheit. Das ist ein Riesenpfund, mit dem wir wuchern können. Im Grunde muss für die Menschen erlebbar sein, dass sich die Zusammenarbeit mit Isaf lohnt und in erster Linie auch die mit ihrer eigenen Regierung. Sie sollen das Gefühl haben, ihr Leben wird besser nach diesen ewigen Kampfhandlungen.

Morgenpost Online: Wie realistisch ist denn, dass Deutschland Ende 2011 schon seine Truppen reduzieren kann?

Fritz: Ich glaube nicht, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt in einer Lage sind, in der wir bereits über den Abzug entscheiden können. Wir sollten ganz gelassen schauen, wie das Frühjahr läuft und ob der Sommer nachhaltige Erfolge bringt. Im Herbst sollten wir die Lage erneut bewerten und entscheiden, ob wir Spielräume haben, Truppe ganz abzuziehen, oder ob wir freiwerdende Kräfte woanders wieder einsetzen müssen. Auch das wäre für mich ein Modell. Das ist aber am Ende eine politische Entscheidung, die kann nicht allein isoliert auf dem Feld Sicherheit betrachtet werden. Hier aber muss man einfach feststellen: Dieses Jahr wird für die Taliban verflixt schwer werden. 2011 wird vielleicht sogar entscheidend sein, nicht nur für den Norden. Auch im Süden, zum Beispiel in Kandahar, hat sich vieles zum Besseren gewendet. Ich denke, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir sagen können: Jetzt sind wir auf dem richtigen Weg.

Morgenpost Online: Glauben Sie denn, dass die Afghanen bis Ende 2014 in der Lage sind, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen?

Fritz: Nach den Anzeichen, die ich jetzt sehe, haben wir eine gute Chance zur Übergabe in die volle Verantwortung. Die sollten wir auch nutzen. Es sind ja noch einige Jahre bis dahin. Und wenn es vor allem in den Bereichen „Gute Regierungsführung“ und „Entwicklung“ so positiv weitergeht wie bisher, dann klappt das hoffentlich auch. Wir wollen ja auch irgendwann mal nach Hause.

Morgenpost Online: Zum Frieden gehört auch, dass man sich mit seinen Feinden versöhnt. Inzwischen haben schon fast 1000 Taliban die Seiten gewechselt. Bleiben die auf Dauer friedlich? Oder muss man mit weiteren Vorfällen wie dem jüngsten auf dem OP North rechnen?

Fritz: Das Reintegrationsprogramm, das jetzt angelaufen ist, stimmt mich schon optimistisch. Man muss immer sehen, dass die Afghanen das selbst ins Leben gerufen haben. Isaf unterstützt sie nur dabei. Und ich glaube ganz fest, dass es zur Reintegration im Moment keine Alternative gibt. Weil es um die Versöhnung der Menschen in diesem Land geht. Sie müssen am Ende sagen: Unsere Brüder, unsere Söhne, unsere Männer, wir nehmen sie zurück, obwohl sie auf der anderen Seite waren. Wenn diese „reintegrees“ angenommen werden wollen, findet auf lokaler Ebene eine große Schura statt, bei der formal die Vergebung ausgesprochen wird. Damit ist der Prozess abgeschlossen, die Leute sind wieder Teil der Gemeinschaft und können dort zum Beispiel ganz normale Berufe erlernen. Hundertprozentig ausschließen lassen sich solche Vorfälle wie dem OP North leider nicht, man kann niemandem hinter die Stirn schauen. Ein Restrisiko bleibt.

Morgenpost Online: Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Afghanen, dass sie es schaffen, gegen Korruption anzugehen und ein vernünftiges Rechtssystem aufzubauen?

Fritz: Da hat mich im letzten Jahr eine Umfrage sehr beruhigt. Die hat ergeben, dass die Afghanen genau das unter Korruption verstehen, was auch jeder Westeuropäer darunter versteht. Die Leute haben ein ganz waches Gefühl dafür, was Bestechlichkeit ist, und sie kritisieren die auch, wenn es sie trifft. Und wenn diese Kritik bleibt, wenn sich auch die Amtsträger bewusst sind, dass man gewisse Dinge einfach nicht macht, dann stimmt mich das sehr zuversichtlich. Wenn wir es jetzt in der Polizei und in der Verwaltung schaffen, vernünftige Strukturen zu schaffen, verantwortungsbewusste Vorgesetzte und halbwegs akzeptable Gehälter, dass die Leute von ihrem Geld leben können, nimmt das der Korruption mit Sicherheit schon mal die Spitze.

Morgenpost Online: Geling es denn, genügend Polizisten gut auszubilden?

Fritz: Wir werden dieses Jahr rund 2000 zusätzliche Polizisten bekommen, nur für den Norden. Das ist eine beträchtliche Zahl. Ich denke schon, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem wir sagen: Für die innere Sicherheit ist hier – wie in jedem anderen Land auch – die Polizei zuständig. Bis dahin ist aber noch ein ganzes Stück Weg zu gehen.

Morgenpost Online: Am Donnerstag verlassen Sie Afghanistan – nach fast neun Monaten. Können Sie sich von diesem Land überhaupt richtig trennen?

Fritz: Ich habe zu meinen Soldaten oft gesagt: Dieses Land verlangt uns eine ganze Menge ab, aber es gibt uns auch Einiges. Auch zu den afghanischen Kameraden sind hier wirklich gute, vertrauensvolle Beziehungen gewachsen. Ein Stück Herz bleibt wohl in Afghanistan.

Morgenpost Online: Könnten Sie sich vorstellen, in diesem Land einmal Urlaub zu machen?

Fritz: Ich habe einen Traum: Eines Tages möchte ich hier mal zu Besuch kommen, ohne Uniform, ganz normal als Tourist, zusammen mit meiner Frau. Ihr würde ich dann gern sagen: Guck mal, hier sind wir gewesen, hier ist gekämpft worden, hier war es zum Teil sehr schwer, und guck dir's jetzt an, jetzt blüht's. Schau'n wir mal, wann das möglich ist...

Morgenpost Online: Was machen Sie zuerst, wenn Sie Sonnabend zu Hause ankommen?

Fritz: Meine Frau in den Arm nehmen. Darauf freu ich mich schon.

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