NS-Prozess

John Demjanjuk aus der Haft entlassen

| Lesedauer: 3 Minuten
Das Video konnte nicht gefunden werden.

Demjanjuk kommt trotz Urteil aus Haft

Der frühere KZ-Wachmann John Demjanjuk wird trotz Verurteilung zu fünf Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Der ehemalige KZ-Wachmann John Demjanjuk ist am Freitagnachmittag aus dem Münchner Gefängnis Stadelheim entlassen worden. Offenbar kommt er jetzt in einem Altenheim unter.

Nach der Aufhebung des Haftbefehls ist der ehemalige KZ-Wachmann John Demjanjuk aus dem Münchner Gefängnis Stadelheim entlassen worden. Die Vollzugsanstalt habe im Münchner Stadtgebiet und dem näheren Umfeld nach einem Platz in einem Alten- und Pflegeheim für den 91 Jahre alten Mann gesucht, sagte der Anstaltsleiter Michael Stumpf. Demjanjuk habe aber unter Berufung auf seine Persönlichkeitsrechte gebeten, nichts zu seinem Ziel zu sagen.

Das Landgericht München II hatte den aus der Ukraine stammenden 91-Jährigen am Donnerstag der Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Menschen im Jahr 1943 im Vernichtungslager Sobibor schuldig gesprochen und ihn zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Da das Urteil aber noch nicht rechtskräftig ist, ordnete der Vorsitzende Richter angesichts des Alters des Angeklagten und der Tatsache, dass keine Fluchtgefahr bestehe, dessen zumindest vorübergehende Freilassung an.

Von der eigenen Freiheit überrascht

Das Münchner Landgericht hatte Demjanjuk am Donnerstag wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28 060 Juden im Jahr 1943 im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zugleich hob es den Haftbefehl auf, der nicht mehr verhältnismäßig sei. Damit bleibt der Greis bis zur Rechtskraft des Urteils frei. Sein Verteidiger hat Revision eingelegt.

Die Freiheit sei auch für Demjanjuk überraschend gekommen, sagte Gefängnisdirektor Michael Stumpf. "Theoretisch hätten wir ihn gestern entlassen müssen.“ Werde am Freitag keine Bleibe gefunden, gehe die Suche am Samstag weiter.

Laut Stumpf herrschte zeitweise das "typische Freitagmittagsgezerre“. "Es fühlt sich keiner so recht zuständig.“ Die Frage, ob Demjanjuk eigentlich Papiere und eine Duldung habe, konnten zunächst weder das Sozialreferat noch das Gefängnis noch die Anwälte beantworten.

"Freundlich und umgänglich“

Beim Kreisverwaltungsreferat hieß es, sofern er im Münchner Stadtgebiet untergebracht werde, werde sich das Amt der ausländerrechtlichen Thematik annehmen.

So ungerührt der greise frühere KZ-Wachmann das Urteil aufgenommen hat: Das Prozessende und die Haftentlassung dürften für ihn doch eine Achterbahnfahrt sein. Sein Zustand sei stabil, er sei "freundlich und umgänglich“, sagte Stumpf. Fernab von seiner Familie wisse er allerdings nicht, wie seine Zukunft aussieht, sagte Stumpf. "Das hat ihn emotional sicher auch berührt.“

Stumpfs Stellvertreter Jochen Menzel sagt es deutlicher: "Er muss hier raus, und er weiß nicht, wo er hin soll.“ Es werde "fieberhaft“ nach einer Stelle gesucht, die ihn aufnimmt. "Wir können ja den 91-jährigen Mann nicht auf die Straße schieben und sagen: Servus“, sagte Menzel. Zurück nach Hause in den US-Bundesstaat Ohio zu seiner Familie kann Demjanjuk nicht: Ihm wurde die US-Staatsbürgerschaft aberkannt.

"Bring him home“

Die Verteidigung hat Revision gegen den Schuldspruch eingelegt. Anwalt Ulrich Busch rechnet damit, dass bis zur Entscheidung des Bundesgerichtshofes zwei Jahre vergehen. "Ich bin sehr sicher, dass ich diese Revision gewinnen werde“, sagte Busch am Freitag. Es werde versucht, dass Demjanjuk die US-Staatsbürgerschaft wiederbekommt.

Das Ziel sei: "Bring him home“. Das allerdings sei ein Kampf gegen die Zeit. "Die biologische Uhr von Herrn Demjanjuk tickt unerbittlich“, sagte Busch. "Sein Gesundheitszustand ist meines Erachtens recht ernst. Das ist eine meine Hauptsorgen: Dass er angemessen medizinisch weiter versorgt wird.“

( dpa/mcz )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos