Staatsbesuche

Wulff gibt am Golf den Außen-Bundespräsidenten

Christian Wulff findet sich während seiner Reise nach Kuwait und Katar mitten im Geschehen – und zeigt Gefallen an internationaler Politik.

Das Sakko zum weißen Hemd und der Krawatte hat der Bundespräsident soeben abgestreift. Vorsichtig nimmt er Anlauf, erwischt den vor ihm liegenden Fußball, zielt aufs Tor – und trifft. Ein wenig erleichtert wirkt Christian Wulff hernach und gibt sich doch bescheiden. All jenen, die ihn beobachten, darunter seine Ehefrau, ruft er zu: „Normalerweise treffe ich erst beim dritten Mal!“ Ein wenig keck, ganz so wie es ihre Art ist, kommentiert Bettina den Treffer ihres Mannes an diesem Sonntagmittag: „Der Torwart war sooo höflich …“

In Doha, der Hauptstadt Katars am Arabischen Golf, hält sich der Bundespräsident auf, begleitet von einer Wirtschaftsdelegation – und nach einem sechsstündigen Kurzbesuch in Kuwait. Es geht, natürlich, bei diesem offiziellen Besuch um die bilateralen Beziehungen und die engen wirtschaftlichen Verflechtungen, die mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 noch enger werden sollen. Doch geprägt ist diese Reise, anders als während ihrer Planung vor etlichen Wochen, von den Umwälzungen in der arabischen Welt.

Das fängt schon an bei den Reisedaten. Eigentlich wollte sich das Ehepaar Wulff sechs Tage lang am Golf aufhalten, neben Kuwait und Katar auch in Bahrain. Nachdem hier aber die Gewalt gegen Demonstranten eskaliert war, sagte Wulff – nach Rücksprache mit der Bundesregierung – jene Station ab. Und da die Teilnahme an einer Militärparade mit einer erklecklichen Zahl von Panzern in diesen Tagen mindestens missverständliche Bilder böte, ließ Wulff auch diesen Termin in Kuwait, aus Anlass der 50jährigen Unabhängigkeit und der Befreiung vom Irak vor 20 Jahren, fallen. Aus sechs Tagen wurden 60 Stunden. In Kuwait beschränkte sich Wulff im Wesentlichen darauf, den Emir zu treffen und eine ziemlich volkstümliche Operette zu den Jubiläumsfeiern zu besuchen.

"Verschlaft nicht die Erwartungen an Europa in dieser Stunde"

Seine eigentliche Botschaft indes formulierte Wulff bereits während des Fluges von Berlin nach Kuwait. In ungewohnt deutlichen Worten rief der Bundespräsident die Europäische Union zu einem einheitlichen Handeln hinsichtlich der Umwälzungen in Nordafrika auf: „Ich finde, ein neuer, junger Präsident darf sagen: Verschlaft nicht die Erwartungen an Europa in dieser Stunde.“ Wulff, das muss man wissen, versteht sich zunehmend als außenpolitischer Akteur, und er agiert auf diesem Parkett erkennbar sicherer als noch vor wenigen Monaten. Durch und durch selbstbewusst spricht er von einem „Dreiklang“ der deutschen Außenpolitik, der da bestehe aus der Kanzlerin, dem Außenminister – und ihm selbst. Vor einigen Monaten bemühte Wulff nicht weniger selbstgewiss einen anderen „Dreiklang“, nämlich die Abfolge: „Obama, Medwedew und ich.“ Als Grüßonkel vom Schloss Bellevue versteht sich dieser Präsident nicht.

In den Freiheitsbewegungen in Nordafrika sieht der Bundespräsident nun eine große Chance, und er versteht nicht recht, warum Europa anfangs so zurückhaltend, ja paralysiert wirkte. Wulff vergleicht Ägypten und Tunesien 2011 mit Polen, Ungarn und der DDR im Jahre 1989. Immer wieder bemüht Wulff diese Parallele, ein wenig wirkt dies so, als wolle der jüngste Bundespräsident aller Zeiten einen Zipfel des Mantels der Geschichte ergreifen. So erinnert Wulff durchaus treffend daran, in den Jahren 1986 bis 1988 habe der Westen durchaus Probleme gehabt, Michail Gorbatschows Politik richtig einzuschätzen. Derlei Fehler dürften sich nicht wiederholen, und so würdigt Wulff nun den Fernsehsender Al Dschasira, der in der aktuellen Entwicklung in Nordafrika sehr wichtig sei, der viele Menschen in arabischer Sprache mit Nachrichten und Meinungen versorge.

Wulff über Gaddafi: "gewissenloser Mensch ohne Empathie"

Am Montagmittag wird Wulff den Sender an seinem Hauptsitz in Doha besuchen und ihm ein Interview geben. Wulff wird sich darin direkt an die arabische Welt wenden, und für Dialog und Demokratie werben. Dialog – darüber spricht der Bundespräsident oft und ausführlich, und er bezieht dies auf allerlei Ebenen: Kulturen, Religionen, Minderheiten. Demokratie, so dürfte die heutige Botschaft Wulffs lauten, bedeute das Ringen um Standpunkte, Streit und Unsicherheit. All dies aber erweise sich „auf Dauer stabiler als Unterdrückung“.

Einen „Psychopathen“ hatte Wulff den libyschen Diktator Gaddafi kürzlich in Berlin genannt, während seiner Reise bezeichnete er diese undiplomatische Einschätzung, jene eigenen Worte, als „wunderbare Formulierung“. Gaddafi sei ein „gewissenloser Mensch ohne Empathie“. Während Wulff dies am Samstag sagte, hatte die Aktion zur Evakuierung der Europäer, die die Bundeswehr mit zwei Transall-Maschinen leistete, bereits begonnen. Öffentlich bekannt war sie da noch nicht. Wenige Stunden später aber berichtet der mitreisende Werner Hoyer, der Staatsminister im Auswärtigen Amt, über diesen Erfolg. Wulff, der Außenpolitiker mit eigentlich allein repräsentativen Aufgaben, befindet sich während seiner Reise inmitten im Geschehen.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen