0,7er-Schnitt

Warum ein Super-Abiturient nicht studieren darf

Er ist Baden-Württembergs bester Abiturient, einen Studienplatz hat er trotzdem nicht. Morgenpost Online sprach mit Wadim Vodovozov über Glück und Arroganz.

Foto: Wadim Wodowosow

Wadim Vodovozov hat 898 von 900 möglichen Punkten beim Abitur in Karlsbad gemacht. Das entspricht einem Schnitt von 0,7 – Bestnote in ganz Baden-Württemberg. Eigentlich genug, um sich den Traum eines Medizinstudiums in Heidelberg ermöglichen zu können. Sollte man denken. Doch die Nachfolgeorganisation der ZVS macht dem 19-Jährigen einen Strich durch die Rechnung.

Morgenpost Online: Wadim, Du bist der beste Abiturient Baden-Württembergs und hast dennoch keinen Studienplatz für Medizin in Heidelberg bekommen. Was ist da schief gelaufen?

Wadim Vodovozov: Das lag vor allen Dingen am Bewerbungsverfahren und am Informationsfluss der Nachfolgeorganisation der ZVS, "hochschulstart.de". Die losen unter allen Einser-Abiturienten Baden-Württembergs, die sich direkt nach dem Abitur bewerben, aus. Ob jemand sogar besser als 1,0 ist – so wie ich – spielt zunächst keine Rolle. Dummerweise hatte ich kein Losglück.

Morgenpost Online: Was heißt "zunächst"?

Vodovozov: Das Seltsame am Verfahren von "hochschulstart.de" ist ja, dass erst ausgelost und anschließend nach Punkten gewertet wird. Das heißt eine gewisse Anzahl Einser-Abiturieren darf auch aufgrund der Punktzahl studieren. Das ist insofern absurd, als dass ich punktemäßig der beste Abiturient im Lande bin.

Morgenpost Online: Wusstest Du bei der Bewerbung, dass Dich ein derart absurdes Verfahren erwartet?

Vodovozov: Nein! Im Gegenteil. Bei "hochschulstart.de" hat man mir versichert, dass mich meine Abiturnote in den Studiengang bringt. Nie wurde das bizarre Verfahren thematisiert. Diese Organisation ist in meinen Augen dem Begriff "Abiturbestenquote" nicht gerecht geworden. Außerdem habe ich auf einen weiteren Anruf hin erfahren, dass letzten Endes das zentrale Verteilungsverfahren so kompliziert und verklausuliert sei, dass man mich am Telefon erst gar nicht darüber aufklären wollte.

Morgenpost Online: Wie fühlt sich das an?

Vodovozov: Nie habe ich mich auch nur ansatzweise ernst genommen oder informiert gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Flügel abgeschnitten wurden. Dabei habe ich mich in der Schule angestrengt – auch im Hinblick auf das Studium. Hätte ich gewusst, dass es so verzwickt ist, hätte ich noch den Medizinertest nachgeschoben...

Morgenpost Online: …der ja eigentlich für diejenigen gedacht ist, die es aufgrund ihres Abischnitts nicht schaffen würden.

Vodovozov: Richtig. Genau deshalb habe ich auch von Beginn an darauf verzichtet.

Morgenpost Online: Hast Du Dich beschwert – etwa beim Kultusministerium, der Landesregierung?

Vodovozov: Ja, ich habe so ziemlich alle Hebel in Bewegung gesetzt. Die meisten haben auf Post nicht einmal reagiert. Immerhin gab es Post vom Rektor Prof. Dr. Eitel der Universität Heidelberg. Auf Druck eines Bundestagsabgeordneten für den Landkreis Heidelberg, der sich für mich eingesetzt hatte. Freundlicherweise hat mich dann noch der Universitäts-Dekan über die Modalitäten des Verfahrens aufgeklärt.

Morgenpost Online: Warum hast Du Dich nur in Heidelberg beworben?

Vodovozov: Die Frage höre ich häufiger. Fakt ist: Ich wollte nun mal in Heidelberg studieren. Mir liegt die Stadt am Herzen. Mein Vater lebt in der Nähe und ich bin finanziell nicht auf Rosen gebettet. Berlin oder Freiburg wären für mich reizvoll, aber kostspielig. Nun werfen mir manche vor, ich sei arrogant, weil ich mich nur in Heidelberg beworben habe. Das entspricht nicht der Wahrheit.

Morgenpost Online: Du hättest eigentlich zum Wintersemester 2010 anfangen wollen. Wann geht’s jetzt los?

Vodovozov: Im Wintersemester 2011. Bis dahin mache ich ein Freiwilliges Soziales Jahr am Salem-Krankenhaus hier in Heidelberg. Das ist eine ziemlich gute Erfahrung, ich kann nur jedem raten, ein FSJ zu machen. Zumal es die Chancen auf einen Studienplatz erhöht.

Morgenpost Online: Was willst Du nach dem Studium machen?

Vodovozov: Ich möchte Mediziner werden. Nicht unbedingt rein praktizierender Arzt. Forschung kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich interessiere mich für den Menschen als Ganzes. Natürlich kann ich mir auch vorstellen, später Hand anzulegen.

Morgenpost Online: Wie wirkt ein 0,7er-Schnitt eigentlich auf Frauen?

Vodovozov: Ich habe eine gewisse Bewunderung geerntet – der oberflächlichen Art allerdings.

Morgenpost Online: Also ist der beste Abiturient des Landes noch zu haben.

Vodovozov: Richtig.