Niedersachsen

CDU dankt Türken dafür, dass sie geblieben sind

Maximal zwei Jahre sollten die ersten Türken in Deutschland bleiben. Das war 1961. 50 Jahre später feiert Schwarz-Gelb in Niedersachsen gelebtes Multikulti.

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Das Thema ist ja ein bisschen untergegangen in den vergangenen Tagen und Wochen. Dabei hätte es – sagen wir mal im Herbst 2010 – gut getaugt als Wahlkampfhit. Für Stefan Mappus zum Beispiel. Damals, ein paar Wochen nach Sarrazin, hatte Angela Merkel Multikulti gerade für „gescheitert, absolut gescheitert“ erklärt. Und weil sie das so laut und energisch vortrug, hörten viele darin auch: Integration ist gescheitert Die Emotionen kochten ja gerade, und die latente Furcht, in absehbarer Zeit als ein Volk von Gemüsehändlern und Kopftuchträgerinnen zu enden, war deutlich größer als die vor dem Atomtod.

Damals wären diese beiden Sätze des CDU-Politikers und Ministerpräsidenten David McAllister also womöglich noch Zündstoff gewesen: „Danke, dass Sie gekommen sind, sich mit Ihrem Fleiß und Ihrer Kraft für unser Land eingesetzt haben, und danke, dass Sie geblieben sind.“ Worte, die den kleinen, aber feinen, nach kurzer Schrecksekunde auch heftig beklatschten Höhepunkt einer Feierstunde bildeten, zu der die niedersächsische Landesregierung anlässlich des 50. Jahrestags des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens geladen hatte.

Eine Veranstaltung einer schwarz-gelben, nicht rot-grünen Koalition also, über die man getrost die Überschrift „Multikulti lebt, Integration kann gelingen“ hätte schreiben dürfen. Und die schon weit vor dem südwestdeutschen Wahldebakel für die beiden einladenden Parteien geplant war, so viel zur Ehrenrettung der Beteiligten.

Versammelt in der Auslieferungshalle des hannoverschen VW-Werks haben sich neben dem Ministerpräsidenten und seiner türkischstämmigen Vorzeigeministerin Aygül Özkan rund 500 Gäste, die meisten von ihnen ihrerseits Paradebeispiele für gelungene Integration. Ärztinnen, Rechtsanwälte, Unternehmer, Polizisten, VW-Mitarbeiter natürlich, Journalisten.

Dabei ist auch Mousse T., ein äußerst erfolgreicher türkischstämmiger DJ und Musikproduzent aus Hannover, wie die anderen längst angekommen in seiner zweiten, oder auch ersten Heimat: Deutschland. Menschen, die sich, wie es der Geschäftsführer des Baumaschinenherstellers Komatsu-Hanomag, Göksel Güner, formulierte, „nicht als Ausnahme empfinden, sondern als einer von vielen“. Und die McAllisters Maßgabe, nach der Integration gelingt, wenn man sowohl respekt- als auch humorvoll miteinander umgeht, gut verinnerlicht haben.

Zum Beispiel Yusuf-Ziya Güzel, der mittlerweile ein EDV-Unternehmen in Hildesheim betreibt. Er hat inzwischen gelernt, über Sarrazins „Gemüseläden“ ebenso zu lachen wie über jene Personalabteilungen großer Unternehmen, die Bewerbungen von Yusuf-Ziya Güzel direkt an den Absender zurücksandten, während sein alter Ego André Güzel, der die exakt identischen Papiere eingesandt hatte, sofort einen Vorstellungstermin erhielt. Güzel, der viel Wert legt auf deutsche Tugenden in seinem Unternehmen, sagt dann auch in Anspielung auf Merkels Absage: „Multikulti ist nicht totzukriegen, Multikulti ist Standard.“ Tja, das ist nun Auslegungssache.

Denn, dass sprachlos nebeneinander herlebende Parallelgesellschaften nicht im Sinne der Integration sein können, auch das ist so ziemlich jedem hier in der etwas schmucklosen Nutzfahrzeughalle klar. „Wir wünschen uns, dass die Türken in Deutschland einen noch höheren Bildungsstand erreichen“, sagt Ali Ahmet Acet, der türkische Botschafter in Deutschland. Er betont auch, dass es darauf ankomme, beide Sprachen gleichermaßen gut zu beherrschen. Was ja auch schon eine ziemlich eklatante Meinungsabweichung ist für einen Botschafter.

Ali Ahmet Acet ist eigens aus Berlin angereist zu dieser leicht vorgezogenen niedersächsischen Feierstunde. Der eigentliche Jahrestag des Anwerbeabkommens liegt ja erst im Oktober. Dann wollen Angela Merkel und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan jenen Vertrag feiern, der den Zuzug sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland regelte. Höchstens zwei Jahre sollten die hier arbeiten. Und dann aber ab, zurück in die Heimat.

Im Gegenzug sollten frische Arbeitskräfte nachkommen. Ein „Rotationsprinzip“, das genauso wenig praktikabel war wie später eine vergleichbare Regelung zur Verweildauer grüner Abgeordneter in den deutschen Parlamenten. Schließlich waren doch auch Menschen nach Deutschland gekommen, nicht ausschließlich Arbeitskräfte, wie Max Frisch 1965 in seinem Text „Überfremdung“ feststellte.

Dennoch waren es auch die Arbeitgeber hierzulande, die das Rotationsprinzip unterliefen, weil sie nicht einsehen wollten, dass sie Leute, die sich richtig eingearbeitet hatten, so schnell wieder abgeben sollten. 1973, als infolge der ersten Ölkrise ein Anwerbestopp verhängt wurde, waren rund 900.000 türkische Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen, 70?000 davon nach Niedersachsen. Inzwischen ist die türkische Community um ein Vielfaches gewachsen.

Bei diesen Menschen also bedankt sich David McAllister an diesem Abend, fügt hinzu, dass „wir mehr Özils brauchen; nicht nur im Fußball“, und beweist so, dass die Union nicht nur in der Energiepolitik auf einem Weg ist, der neue Bündnisse, neue Handlungsoptionen offenlegt. Einen Weg, den Niedersachsens Ministerpräsident sehr gerade gehen kann, ohne sich gleichzeitig verbiegen oder gar schämen zu müssen für Aussagen aus früheren Zeiten.