Atomkraft

So würde ein GAU in Deutschland ablaufen

Es gibt für den Fall eines GAUs einen Notfallplan. Und Tabletten. Doch vielen Menschen, die in der Nähe der Atomkraftwerke wohnen, ist das nicht genug.

Hinter einer unscheinbaren Tür, in braunen Pappschachteln, sauber gestapelt auf 18 Paletten, lagert sie, die Rettung für den atomaren Notfall: 5,5 Millionen Jod-Tabletten stehen verpackt im Keller der Gefahrenabwehrzentrum Neumünster, dem nördlichsten Jod-Depot, das das Bundesamt für Strahlenschutz in der Bundesrepublik aufgebaut hat. Käme es in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Teilen von Niedersachsen zu einem Atom-Unfall, würde die Bevölkerung innerhalb von zwölf Stunden mit Jod-Tabletten von dort aus versorgt werden.

So lange bleibt aus medizinischer Sicht nur Zeit, um die Schilddrüse zu schützen. „Mit den Tabletten wird eine Überproduktion in der Schilddrüse verursacht und damit die Aufnahme von radioaktiv-verseuchtem Jod verhindert“, erklärt Bernd Schümann, der in Neumünster für den Katastrophenschutz zuständig ist. „Die Tabletten sind hochdosiert, in einer normalen Apotheke würde man solche nicht bekommen“, so Schümann weiter. Im Ernstfall würde er mit Helfern die Tabletten verteilen. Doch nur Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sowie Schwangere und Stillende würden das Jod erhalten. So stehe es in den Vorgaben des Bundesamtes.

Nach Schümanns Überzeugung hat Deutschland das bestmögliche System an Maßnahmen. Würde aus dem Atomkraftwerk Brunsbüttel Radioaktivität austreten, so lege das Bundesamt für Strahlenschutz anhand der Wetterdaten sogenannte Sektoren fest. Menschen, die innerhalb dieser Sektoren in einem Umkreis von 100 Kilometer wohnen, erhielten dann das Jod. Das wäre ein Gebiet von Halligen bis nach Flensburg und Lüneburg, einschließlich Hamburg. In Gemeinden im Umkreis von zehn Kilometern der Atomkraftwerke haben bereits jetzt die Menschen in jedem Haushalt Jod-Tabletten vorrätig, so Schümann. Ihre Haltbarkeit würde jährlich überprüft.

Krümmel und Brunsbüttel sind seit 2007 fast durchgehend nicht mehr am Netz

Die beiden schleswig-holsteinischen Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel sind seit 2007 fast durchgehend nicht mehr am Netz. Immer wieder war es zu Zwischenfällen gekommen. Der „größte Siedewasserreaktor der Welt“, wie der schwedische Betreiber Vattenfall den Meiler Krümmel bewirbt, könnte ganz Hamburg mit Strom versorgen – doch das Kraftwerk in Geesthacht hat seit Juni 2007 nur zwei Wochen lang Strom produziert. Ein brennender Transformator, Risse in Schweißnähten und ein Kurzschluss im Juli 2009 sorgten für Probleme. Eigentlich hätte Krümmel noch eine Laufzeit bis 2019, Brunsbüttel bis 2012. Über die Zukunft der beiden Atomkraftwerke wollen die Betreiber spätestens bis Ende Juni auf Grundlage einer Wirtschaftlichkeitsanalyse entscheiden, sagte Vattenfall-Sprecherin Barbara Meyer-Bukow. Für die Modernisierung von Krümmel seien 400 Millionen Euro und für Brunsbüttel etwa 300 Millionen Euro ausgegeben worden.

In Brokdorf läuft der Meiler weiter. Wie ein Sprecher von E.on "Morgenpost Online“ sagte, würde man die Ereignisse in Japan zum Anlass nehmen, nochmals genauer hinzusehen und zu überprüfen, was man noch verbessern könne. „Man muss in die Risikobetrachtung miteinbeziehen, dass das Atomkraftwerk in Fukushima ein Siedewasserreaktor ist, der in Brokdorf ein Druckwasserreaktor. Hier sind der Reaktordruckbehälter und die Turbinen beispielsweise räumlich getrennt.“ Zudem gebe es in Brokdorf mehr Notstromaggregate als in Fukushima.

"100-prozentige Sicherheit gibt es nicht"

Der Bürgermeister von Brokdorf, Werner Schultze, hat nach den Ereignissen in Japan mit den Betreibern des Brokdorfer Meilers gesprochen: „Natürlich werden wir die Sicherheitsstandards nochmals überprüfen, aber eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.“ Man werde aber das Möglichste tun. Die Bürger in Brokdorf würden allerdings auf die Sicherheit von Brokdorf vertrauen, weil sie wüssten, dass der Standard hoch ist“, so Schultze, der glaubt, „dass wir diese Energieform weiter brauchen“. Auch wenn das nicht leicht falle zu sagen, „wenn man derzeit die Bilder aus Japan im Kopf hat“.

Diese Bilder machen auch Andreas Klann fassungslos. Er beteiligt sich an der Anti-Atom-Bewegung in Pinneberg, einer Kreisstadt nahe Hamburg. „Die Menschen, mit denen ich spreche, haben alle Angst. Aber diese Furcht war seit jeher da. Jetzt fühlen sich die Menschen nur bestätigt“, so Klann. „Wenn ich die Bilder in Japan sehe, gibt es nichts mehr zu sagen.“ Am Sonntagabend versammelte sich die Anti-Atom-Bewegung auf dem Lindenplatz in Pinneberg für eine Mahnwache. „Wir können nur hoffen, dass nach diesen Ereignissen die AKWs in Brunsbüttel und Krümmel jetzt auch ausgeschaltet bleiben“, sagte Klann.

Der schleswig-holsteinische FDP-Vorsitzende Jürgen Koppelin hat nach der Atomkatastrophe in Japan die dauerhafte Abschaltung von Brunsbüttel und Krümmel gefordert. „Brokdorf ist ein gutes Kernkraftwerk, aus unserer Sicht, aber Krümmel und Brunsbüttel sind anfällig“, betonte Koppelin. "Morgenpost Online“ sagte er: „Wenn wir die Laufzeiten verlängern, dann nehmen wir den Druck weg, sich weiter um Erneuerbare Energien zu kümmern.“