Trotz Doktortitel-Affäre

Die Deutschen lieben Guttenberg noch immer

Die Popularität des Ex-Ministers wird nach seinem Rücktritt sogar noch größer. Den größten Rückhalt hat er bei Anhängern der FDP.

In der sächsischen Oberlausitz gibt es einen Wanderweg, der nach Karl-Theodor zu Guttenberg benannt ist. Einen Kilometer lang ist der Weg, er führt durch das Naturschutzgebiet „Georgewitzer Skala“ bei Löbau in Ostsachsen. Das Gelände gehört dem Gastwirt Bernd Engelmann (62), und der hält große Stücke auf den ehemaligen Verteidigungsminister.

Guttenberg sei eine „Lichtgestalt“ gewesen, sagt Engelmann. Ein ehrlicher und aufrichtiger Politiker. Die Doktorarbeit war gefälscht? Es habe doch jeder mal geschummelt, meint er. „Ich wollte mit dem Wanderweg ein Zeichen setzen gegen die ganze Schmutzkampagne“, sagt der Gastwirt. Also fertigte er selbst ein Schild an und stellte es auf: „K. Th. zu Guttenberg-Weg“ steht darauf.

Seit dem Rücktritt ist GUttenberg noch beliebter

So wie Engelmann denkt offenbar die Mehrheit der Deutschen, sogar die übergroße Mehrheit. Obwohl Karl-Theodor zu Guttenberg längst kein politisches Amt mehr besitzt, obwohl er sein Bundestagsmandat zurückgegeben hat, und obwohl er gestern mit dem Großen Zapfenstreit von der Bundeswehr verabschiedet wurde – trotz dieses kompletten Rückzugs aus der aktiven Politik ist das einfache CSU-Mitglied Guttenberg derzeit der beliebteste Politiker, weit vor der Kanzlerin, dem Rest des Bundeskabinetts und den Spitzen der Opposition.

Mehr noch: Sein Beliebtheitswerte sind nach seinem Rücktritt sogar gestiegen. Drei von vier der 1000 Bürger, die von Infratest dimap für den Deutschlandtrend befragt wurden, sagen, sie seien „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“ mit Guttenbergs politischer Arbeit. Die repräsentative Umfrage im Auftrag der ARD-„Tagesthemen“ und „Morgenpost Online“ wurde am vergangenen Dienstag und Mittwoch durchgeführt, also mehr als eine Woche nach seinem Rücktritt.

Worauf aber gründet sich die offenbar durch nichts zu erschütternde Beliebtheit dieses Politikers? Die überwältigende Mehrheit der Befragten (82 Prozent) meint, er habe „ein Gespür dafür, was Menschen von der Politik erwarten“. Diese Aussage beziehen die Meinungsforscher auf Guttenbergs Art, politische Botschaften zu verkünden – so widersprüchlich sie oft auch waren. Anscheinend hat kein anderer Politiker eine solche Überzeugungskraft und solche rhetorischen Fähigkeiten.

Auf der anderen Seite stimmen drei Viertel der Befragten der Aussage zu, Guttenberg habe „getäuscht und betrogen“. Ebenso viele meinen auch, er habe keine andere Wahl gehabt als zurückzutreten, denn er habe „gegen Regeln und Gesetze verstoßen“. Dass er „von Neidern in anderen Parteien gestürzt wurde“ meinen 60 Prozent, dass ihn die mangelnde Unterstützung der CDU zu Fall gebracht hat, wie es CSU-Chef Horst Seehofer angedeutet hat, glaubt nur ein Drittel der Beragten.

90 Prozent der FDP-Wähler unterstützen Guttenberg

Bemerkenswert ist, dass Guttenberg die größte Unterstützung nicht etwa in seiner eigenen Partei CSU genießt, sondern in der FDP. 90 Prozent von deren Anhängern sind mit ihm „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. Auf die Sympathisanten von CDU und CSU trifft dies immerhin zu 83 Prozent zu. Anhänger der SPD und der Grünen stehen zu fast zwei Dritteln hinter Guttenberg, und selbst im Lager der Linken sind es noch 51 Prozent, die ihn gut finden.

Damit hat Guttenbergs Popularität, verglichen mit den vergangenen Wochen, überhaupt nicht gelitten. Nur bei der Frage, ob er sich als Kanzlerkandidat der Union für die Bundestagswahl 2013 eignen würde, hat ihn die Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) spontan überholt. 44 Prozent der Befragten wollen sie, 41 Prozent wollen ihn, zwölf Prozent wollen keinen von beiden.

Bemerkenswert auch hier wieder die Unterstützung durch die Anhänger der Parteien: Während die Freunde von CDU, CSU, SPD und Grünen mit jeweils rund 50 Prozent für Merkel votieren, wünschen sich 55 Prozent der FDP-Anhänger und sogar 47 Prozent der Linken-Wähler Guttenberg als Kanzler. Die Zahl derer, die keinen der beiden Kandidaten wollen, ist nur bei den Linken besonders ausgeprägt (30 Prozent).

Mehrheit der Deutschen ist unzufrieden mit der Regierungsarbeit

Auf die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrer Regierung hat sich Guttenbergs Rücktritt nicht signifikant ausgewirkt. Drei Viertel sind noch immer unzufrieden mit der Arbeit des Bundeskabinetts, wobei die Anhänger der Koalitionsparteien naturgemäß zufriedener sind als jene der Opposition. Aber selbst bei CDU und CSU ist es gerade die Hälfte, die zufrieden ist, bei der FDP sogar weniger als die Hälfte. Am unzufriedensten sind die Anhänger der Linken: 97 Prozent sind nicht einverstanden mit dem, was die Bundesregierung macht.

Bei den anstehenden Landtagswahlen wird der SPD nach dem fulminanten Sieg in Hamburg offenbar noch der eine oder andere Erfolg zugetraut. Zwei Drittel der Befragten – und damit deutlich mehr als bisher – meinen, die Sozialdemokraten würden dabei „erfolgreich“ oder sogar „sehr erfolgreich“ sein. Immer noch 62 Prozent trauen den Grünen künftige Erfolge zu. Genau umgekehrt und damit schlechter werden die Wahlaussichten für die CDU und die Linken bewertet.

Deutsche trauen FDP keine Wahlerfolge zu

Nur 16 Prozent der Befragten meinen, die FDP habe bei den nächsten Wahlen Erfolg. Ähnlich ist das Bild bei der „Sonntagsfrage“. Wäre jetzt schon Bundestagswahl, könnte die SPD im Vergleich zur Februar-Umfrage um drei Punkte auf 28 Prozent der Stimmen zulegen. Die Grünen würden vier Punkte auf 15 Prozent verlieren. Die schwarz-gelbe Koalition käme unverändert auf 41 Prozent und die Linke auf jetzt neun Prozent (plus eins). Aufgeteilt nach Ost- und Westdeutschland hätte die Linke im Osten viermal mehr Stimmen als im Westen, während dort Union, SPD und Grüne traditionell etwas stärker sind.

Zu den derzeit diskutierten Entscheidungen der Bundesregierung, der Einführung des Biosprits E10, hat die Bevölkerung eine klare Haltung: Acht von zehn der Befragten wollen die neue Benzinsorte vorerst nicht tanken. Sechs von zehn Bürgern meinen, die Einführung von E10 sollte rückgängig gemacht werden.

Dass der Fall Guttenberg übrigens doch sehr unterschiedlich eingeschätzt wird, zeigt eine Meldung von der Hochschule Ansbach in Bayern. Dort hatten Mitarbeiter der Bibliothek eine Schautafel mit Beispielen aus Guttenbergs Doktorarbeit aufgestellt, um zu zeigen, worauf man bei einer wissenschaftlichen Arbeit achten muss. Hochschulpräsident Gerhard Mammen aber ließ die Tafel wieder abbauen. Seiner Meinung nach ist das Thema zu Guttenberg erledigt. Der Ex-Minister sei nur eine Randfigur.