Wahlkampf mit Lisa Paus

Warum sich die grüne Spitzenkandidatin über die FDP ärgert

| Lesedauer: 6 Minuten
Paulina Czienkowski
Lisa Paus (Grüne) auf einem Forum mit Berufsschülern

Lisa Paus (Grüne) auf einem Forum mit Berufsschülern

Foto: Reto Klar

Die Berliner Morgenpost begleitet Politiker beim Wahlkampf. Diesmal: Berlins Grünen-Spitzenkandidatin Lisa Paus.

Vor dem Videointerview muss sich Lisa Paus „noch kurz anmalen“, wie sie sagt. Lippenstift meint sie damit. Der passt farblich zur altrosa Lederjacke und zum T-Shirt in Bordeauxrot. Ihre Lippen schminkt sie uneitel, ohne dafür extra auf Toilette zu gehen. Kann losgehen.

Lisa Paus ist die Spitzenkandidatin der Grünen für Berlin und wird an diesem Vormittag mit Berufsschülern über das Wahlprogramm ihrer Partei reden und Fragen dieser jungen Wähler beantworten. Die Diskussion findet statt im Haus der Kirche in Charlottenburg. Gar nicht weit von hier entfernt wohnt die Alleinerziehende mit ihrem achtjährigen Sohn. Die Politikerin trägt Brille. Und zwar auch deshalb, weil es ihr einen Art „Kompetenzzuschuss“ verleiht, wie sie sagt. Lisa Paus setzt sie für einen Moment ab, schaut dann den Interviewer an, als Bewies dafür, dass sie ohne ein deutlich runderes und weicheres Gesicht hat. Sie macht sich also Gedanken über ihre Rolle als Frau im Wahlkampf? Naja, irgendwo schon. Eigentlich aber genieße man als Grüne ja einen gewissen Schutz, sagt sie. Immerhin bedeute der Angriff auf eine Grünen-Politikerin mehr, denn damit werde auch alles, wofür die Partei in ihren Grundsätzen steht, angegriffen. Quoten, Emanzipation und so weiter.

Lisa Paus (Grüne) diskutiert mit Berufsschülern
Lisa Paus (Grüne) diskutiert mit Berufsschülern

Paus aber – bewandert in Sachen Finanzen und Wirtschaft – sieht sich als Fachpolitikerin, daher möchte sie souverän wirken in ihrem Feld. Was allerdings nicht gleich bedeutet, dass sie sich deshalb nicht um ihr Äußeres bemühen will.

Schon während des Studiums in Wirtschafts- und Politikwissenschaften habe sie sich durch Lektüre bewusst als „Neue Feministin“, also in Abgrenzung zu Alice Schwarzer, bezeichnet, erzählt die 48-Jährige. Bloß keine Haare auf den Zähnen zeigen, wie es so schön heißt. „Ich will Frau sein dürfen und trotzdem als Mensch ohne Stigma wahrgenommen werden“, sagt sie.

Und doch verstehe sie schon irgendwie, wenn man sich in seinem Geschlecht unsichtbar macht, um Freiraum zu erlangen. Sie war 15 Jahre aktiv in der katholischen Kirche, erinnert sie sich, hatte sogar eine Zeit lang daran gedacht, Nonne zu werden. Mittlerweile ist sie aus der Kirche ausgetreten und längst davon abgekommen. Solche Wege, um sich von gesellschaftlichen Festen zu befreien, seien am Ende nicht die, die sie gehen will. Dass ihr vor allem klassische Männerberufe liegen, dass sie Zahlen mag und viel im familienbetriebenen mittelständischen Maschinenbauunternehmen gearbeitet hat, erzählt sie später den Berufsschülern, die im Stuhlkreis mit der 48-Jährigen zusammensitzen. Schwerpunkt dieser Klasse: Kraftfahrzeug und Baumarkt. Von den anwesenden 26 Zuhörern sind gerade mal sieben weiblich.

Lisa Paus sitzt locker, manchmal fast breitbeinig auf dem Stuhl, stützt sich auf ihre Knie mit den Unterarmen, während sie davon erzählt, dass sie sich im Familienunternehmen in ihrer Heimat Rheine, Nordrhein-Westfalen, als einzige Frau nie recht wohlgefühlt habe. Und dass genau das auch ein Grund gewesen sei, Politik zu machen und zwar bei den Grünen.

Taff wirkt sie, wie sie so da sitzt, die offene Körperhaltung schreckt nicht ab, macht sie eher nahbar. Vor allem aber solidarisiert sie sich dadurch in gewisser Weise mit jedem ihr gegenüber. Ihre subtil burschikose Art scheint ihr Respekt bei Männern wie Frauen einzufahren. Zumindest hört man ihr zu.

Gleich das erste Thema ist sozusagen ihres, eine Herzensangelegenheit: die gleichberechtigte Unterstützung von Familien. Sie fordert nämlich, dass jedes Kind, unabhängig des Einkommens der Eltern, mit 300 Euro vom Staat unterstützt wird. Gleiche Chancen für alle, damit auch das soziale Miteinander funktionieren kann.

Als sie sich eher spät, mit knapp 40, entschied, doch noch ein Kind zu bekommen, kamen Zahlen raus, die sie schockierten: 40 Prozent der Kinder wuchsen mit Hartz IV auf, heute sei es jedes dritte. Lisa Paus zog den Vergleich zu sich und stellte fest, dass sie wahnsinnig privilegiert sei. Als Alleinerziehende gibt es in ihrem Beruf keine finanziellen Probleme und auch keine mit der Zeit, weil sie sich Unterstützung leisten kann.

Auch alle weiteren Themen, die besprochen werden, scheinen nah an den Grundbedürfnissen des Menschen: Rente – die Grünen fordern „Garantierente“. Miete – bezahlbar müsse sie sein und die Mietbremse solle doch, bitte schön, endlich funktionieren ohne Schlupflöcher. Die Schüler nicken bestätigend. Man merkt bei vielen, die hier sitzen, Des­illusionierung gegenüber dem Leben. Da sind Sorgen.

Paus referiert in ihrer tiefen Stimme ohne Pause, wirkt nicht sehr emotional dabei, eher nüchtern, dadurch aber auch ehrlich. Im Wahlkampf, sagt sie, gehe es ihr um eine direkte Verbindung mit ihrem Gegenüber, auch um politische Bildung. Und das mit der Motivation der Erstwähler, ja, sie überlegt. Da stehe auch sie immer wieder „wie der Ochs vorm Berg“.

Am meisten ärgert sie sich über die FDP

Denn der allgemeine Hass gegenüber der Politik, das Mistrauen sei extrem geworden – das spüre sie auf den Straßen. Wenn es nach ihr geht, sollte es doch vor allem um ein verlässliches Miteinander gehen. „Bei all den Umbrüchen in der Welt braucht es ein soziales Netz, auf das man sich in irgendeiner Form verständigen muss.“ Daher ärgere Paus derzeit vor allem die Berliner FDP, bei der es ihrer Meinung nach mehr auf Show als auf Inhalte ankomme.

Mehr Inhalt, weniger Wettbewerb. Paus will darauf setzen. Deshalb liegt sie oft am Ende eines Tages alleine im Bett, reflektiert über eigene Aussagen und bereut, Dinge nicht oder anders gesagt zu haben. Dann, wenn die stille Nacharbeit im Kopf nicht aufhören will, das sei die eigentliche Anstrengung, sagt sie.

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