Berlin

Wie in Berlin der wachsende Pflegebedarf gedeckt werden soll

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Andreas Abel
Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Berlin weiter steigen

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Berlin weiter steigen

Foto: iStock / Sergej Glanze

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird bis 2030 um mehr als 50.000 Menschen steigen. Größtes Problem ist der Fachkräftemangel.

Vergnügt sitzt Gertrud Agiba auf ihrem Sofa. „Frisch gebadet – sehe ich nicht gut aus?“, sagt sie verschmitzt. Sieht sie. Und dass sie im nächsten Monat 80 wird, glaubt man ihr kaum. Die Lichterfelderin ist hellwach und von ansteckender Fröhlichkeit. Das Laufen fällt ihr allerdings schwer, ohne fremde Hilfe kann sie ihre Wohnung in Lichterfelde nicht mehr verlassen. Und ohne Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes könnte sie ihren Alltag nicht mehr gut bewältigen. Zweimal pro Woche kommt eine Pflegekraft zu ihr, am Montag zwei Stunden, am Donnerstag eine Stunde. Dann steht jeweils die sogenannte erweiterte große Körperpflege mit Baden oder Duschen an, ansonsten erledigen die Pflegerinnen für Gertrud Agiba Einkäufe, helfen beim Hausputz und beim Wäschewaschen. Dreimal im Monat steht ihr außerdem eine sogenannte Betreuungsstunde zu. „Da können wir dann mal in Ruhe plaudern“, sagt die Rentnerin.

Seit gut drei Jahren bekommt sie diese Leistungen, ihr wurde der Pflegegrad zwei zuerkannt. Sie ist zufrieden mit diesem Angebot. Und auf ihren Pflegedienst, die evangelische Diakonie-Station „bewegt-gepflegt“, lässt sie nichts kommen. Die ehemalige Verwaltungsmitarbeiterin im Oskar-Helene-Heim kann sich aber auch auf ihre Familie verlassen. Tochter, Sohn und Enkel kümmern sich sehr um sie, fahren sie beispielsweise zum Arzt oder erledigen Bankgeschäfte. Vielen Pflegebedürftigen geht es wesentlich schlechter, sie benötigen eine umfassende, tägliche Betreuung, und längst nicht alle haben ein so schönes Netzwerk aus Familie und Freunden wie Gertrud Agiba.

Im Jahr 2030 wird es 170.000 Pflegebedürftige geben

Die Zukunft der Pflege ist eines der großen Probleme der kommenden Jahre, besonders in Berlin. Der Bedarf an Pflegeleistungen wächst immens. Derzeit leben 116.000 Pflegebedürftige in der Stadt, im Jahr 2030 werden es bereits 170.000 sein. Drei von vier Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut, jeder zweite wird ausschließlich von Angehörigen gepflegt. Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung sind rund 600 ambulante Pflegedienste in Berlin tätig. Es gibt etwa 300 stationäre Einrichtungen und mehr als 600 Pflegewohngemeinschaften. 42.000 Beschäftigte arbeiten in der Pflege.

Für die Politik, insbesondere im Bund, ergeben sich daraus viele Herausforderungen. Das allergrößte Problem ist der Fachkräftemangel. Schon heute suchen Pflegeheime händeringend geschultes Personal, und ambulante Pflegedienste müssen neue Patienten abweisen, weil sie keine Kapazitäten mehr haben. Der Personalbedarf in Berlin wächst bis 2030 um eine vierstellige Zahl. Vielen jungen Menschen erscheint der Beruf nicht attraktiv. Experten fordern parteiübergreifend eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Dazu gehören etwa in der stationären Pflege Mindestvorgaben für die Personalausstattung sowie eine Entbürokratisierung, die auch in der ambulanten Pflege notwendig wäre.

Fahrzeiten und Protokollführung nehmen oft mehr Zeit in Anspruch als die Pflege selbst, in den Wohnungen gibt es häufig keine Hilfesysteme wie in stationären Einrichtungen, zum Beispiel Hebevorrichtungen. Hinzu kommt, dass die ambulanten Pflegekräfte vor Ort immer auf sich allein gestellt sind und im Notfall keine schnelle Hilfe von Kollegen herbeirufen können. Und dann der ewige Kampf gegen die Uhr. Zwar wurde die sogenannte Minutenpflege abgeschafft und durch Leistungskomplexe ersetzt, die den Pflegebedürftigen je nach Grad der Einschränkungen zustehen. Doch auch für diese Leistungskomplexe gibt es enge Zeitvorgaben, und die Umstellung allein hat natürlich kein zusätzliches Personal gebracht.

Die Hälfte der Pflegekräfte hält es nur fünf bis acht Jahre in dem Beruf aus

Der ständige Zeitdruck bleibt auch Gertrud Agiba nicht verborgen. Ihr tun ihre Pflegerinnen leid. „Die sind eigentlich immer gehetzt“, sagt sie kopfschüttelnd. Insbesondere wegen der Arbeitsbedingungen halten es 50 Prozent der Pflegekräfte nur fünf bis acht Jahre in dem Beruf aus.

Um mehr Menschen für diesen Beruf zu interessieren, müssten zunächst die großen Gehaltsunterschiede zwischen ambulanter und stationärer Pflege beseitigt werden, fordert Christiane Panka, Fachreferentin für ambulante Pflege beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin. Die lägen bei etwa 300 Euro pro Monat. Zudem müsse anders mit betrügerischen Pflegediensten umgegangen werden. Wegen einiger schwarzer Schafe leide der Ruf der gesamten Branche. Anstatt diese mit neuen Prüfverordnungen bürokratisch zu belasten, sollten betrügerische Pflegedienste konsequenter und vor allem schneller geschlossen werden, so Panka. Und schließlich müsse die Ausbildung in der Pflege stärker gefördert werden.

Bessere Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen

Dazu hat die große Koalition im Bund in der vergangenen Legislaturperiode das Pflegeberufe-Reformgesetz verabschiedet. Künftig gibt es eine generalisierte Ausbildung für alle Pflegeberufe. Das ermöglicht die Durchlässigkeit zwischen Altenpflege, Kinderkrankenpflege und Krankenpflege und die Aufwertung der Altenpflegeberufe. Das Gesetz muss aber noch in den Ländern umgesetzt werden. „Wir wollen in Berlin die neue Berufsausbildung in der Pflege so umsetzen, dass der Beruf attraktiver für Jugendliche ist, und die Umlagefinanzierung einsetzen, die die Kosten der Ausbildung auf alle Schultern verteilt. Ich erhoffe mir mehr Ausbildungen“, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) dazu der Morgenpost. Immerhin: Seit 2016 müssen Altenpfleger-Azubis in Berlin ihre Ausbildung nicht mehr bezahlen. Das Schulgeld übernimmt vorerst der Senat.

Kolat fordert auch „mehr tarifliche Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen, um Fachkräfte in der Altenpflege zu gewinnen und zu halten“. Zudem würden pflegende Angehörige nicht genügend unterstützt. „Ich wünsche mir ein Pflegegeld analog zum Elterngeld und flexiblere Möglichkeiten für Berufstätige, eine Auszeit vom Job für die Pflege zu nehmen“, sagte Kolat. Auch viele CDU-Gesundheitspolitiker sagen, die Zuschüsse für pflegende Angehörige müssten erhöht werden, heute seien sie eher ein Taschengeld. „Gerade mit finanzieller Unterstützung, aber auch bei der Schaffung rechtlicher Ansprüche, die Arbeitszeit zu reduzieren, können wir diesen Angehörigen am besten unter die Arme greifen“, sagte Gottfried Ludewig, Gesundheitsexperte der CDU im Abgeordnetenhaus und Kandidat für den Bundestag.

Verbesserungen in der Pflege sind nur gemeinsam mit den Pflegekassen durchzusetzen. Doch die Bundesregierung muss Ansprüche formulieren und auf den Weg bringen. Dabei wird man um eine Diskussion, ob dann der Pflegeversicherungsbeitrag erhöht werden muss, nicht herumkommen. Gertrud Agiba hat eine Idee, wie man die Politiker für Reformen sensibilisieren könnte: „Die sollten mal ein paar Tage mit den Pflegerinnen mitlaufen.“

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Was die Parteien sagen:

CDU: Die Union will eine „Konzertierte Aktion Pflege“ ins Leben rufen, um angesichts des Anstiegs der Pflegebedürftigen auch in Zukunft flächendeckend ein vielfältiges Versorgungsangebot sicherstellen zu können. Die Möglichkeiten der Rehabilitation zum Erhalt der Selbstständigkeit sollen stärker genutzt, entsprechende Angebote ausgebaut werden. Pflegende Angehörige und altersgerechte Umbauten in Wohnungen sollen mehr unterstützt werden. Kinder pflegebedürftiger Eltern sollen erst ab einem Einkommen von 100.000 Euro für die Pflege der Eltern zahlen müssen. Die CDU ist für Pflegekammern in Bund und Ländern.

SPD: Die SPD will dafür sorgen, dass „Familie, Beruf und Pflege besser zusammengehen“. Damit ältere Menschen lange aktiv sein können, fordert die Partei den Ausbau von Mehrgenerationenhäusern sowie mehr flächendeckende und miteinander vernetzte Angebote für Gesundheit, Pflege und haushaltsnahe Dienstleistungen – „legal, für alle zugänglich und bezahlbar“, wie es im Wahlprogramm heißt. Umbauten zu barrierefreien und altersgerechten Wohnungen sollen stärker gefördert werden. Die SPD will auch die „Familienarbeitszeit für Pflegende“ einführen – eine Freistellung von der Arbeit mit Lohnersatz.

Die Linke: Die Linke ist für eine Pflegevollversicherung, die alle pflegebedingten Leistungen umfasst. Damit sollen Eigenanteile für Pflegebedürftige und ihre Familien entfallen. Sozialhilfeempfänger sollen dieselben Leistungen erhalten wie alle anderen Betroffenen. Die Partei fordert eine „solidarische Pflegeversicherung“, in die auch privat Versicherte, Beamte und Selbstständige einzahlen sollen. Die Infrastruktur der Pflege soll „in öffentliche Verantwortung und unter demokratische Kontrolle“ gestellt werden. Der Pflegemindestlohn soll auf 14,50 Euro erhöht und auf weitere Tätigkeitsbereiche in der Pflege ausgedehnt werden.

Bündnis 90/ Die Grünen: Die Grünen wollen für Menschen, die die Pflege einer nahestehenden Person übernehmen, mehr entlastende und unterstützende Angebote schaffen. Das soll nicht nur für Familienmitglieder gelten, sondern auch für Nachbarn oder Freunde. Um der Personalnot in der stationären und ambulanten Pflege zu begegnen, will die Partei „mit einem umfassenden Maßnahmenpaket“ gegensteuern, spricht von fairer Bezahlung, ausreichendem Personal sowie mehr Mitsprache. Mehr Unterstützung und Beratung soll auch ermöglichen, dass Pflegebedürftige so lange wie möglich in ihrem vertrauten Umfeld leben können.

Alternative für Deutschland (AfD): Die AfD fordert einen verbindlichen, länderübergreifenden Mindestpersonalschlüssel für das Pflegepersonal in stationären medizinischen Einrichtungen, der auch im Finanzierungssystem für die Krankenhäuser berücksichtigt werden müsse. Weil die Kosten für Pflegekräfte in den Fallpauschalen für Behandlungen nur unzulänglich enthalten seien, würden Krankenhäuser Pflegepersonal einsparen, was die Arbeitsbedingungen verschlechtere. Die Finanzierung des Gesundheitswesens werde durch „politische Fehlentwicklungen“ bedroht: Die Ausgaben der Kassen für Migranten und Flüchtlinge liefen „aus dem Ruder“.

FDP: Die Liberalen wollen den Aufwand für Bürokratie und Dokumentation in der Pflege vermindern, „damit mehr Zeit für Zuwendung zu pflegebedürftigen Menschen zur Verfügung steht“. Das soll vor allem durch die verstärkte Nutzung von IT- und Assistenzsystemen erreicht werden. Pflegekräfte sollen auch besser bezahlt werden, damit der Beruf attraktiver wird. In der Ausbildung soll es ein gemeinsames erstes Ausbildungsjahr und spezialisierte Folgejahre für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger geben. Die Einheitsausbildung lehnt die FDP ab. Auch sie will pflegende Angehörige mehr entlasten.

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