Kommentar

Bundestagswahl - Es kommt auf jede Stimme an

Wahlen sollten staatspolitisches Hochamt für jeden Bürger in Deutschland sein, meint Jochim Stoltenberg. Schließlich kämpfen anderenorts Menschen für dieses Recht. Außerdem soll es heute eng werden.

Foto: Danny Lawson / picture alliance / empics

Es ist alles gesagt, behauptet, kritisiert, unterstellt und befragt worden. Heute endlich haben die Wähler das Wort. Und entscheiden allein über Sieg und Niederlage derer, mit denen sie in den vergangenen vier Jahren ganz, halbwegs oder gar nicht zufrieden waren. Wahlen sind das staatspolitische Hochamt für jeden Bürger einer Demokratie. Sollten es jedenfalls sein. Denn an diesem Tag stellt er die Weichen dafür, von wem er in den nächsten Jahren mit welchen politischen Absichten regiert wird. Das ist praktizierte Demokratie.

Wem das zu pathetisch ist, wem unsere Demokratie so selbstverständlich geworden ist, dass er sein Bürgerrecht nicht mehr so ernst nimmt und andere für sich wählen und dann über sich bestimmen lässt, der sei ermahnt, dass freies Wahlrecht auch in Deutschland lange nur Wunsch und Sehnen war.

„Geht hin und wählt!“, überschrieb der legendäre Schriftsteller, Kritiker und Journalist Theodor Wolff seinen letzten Leitartikel auf der Titelseite des renommierten „Berliner Tageblatts“. Gedruckt am 5. März 1933, der letzten freien Reichstagswahl vor der endgültigen Zerstörung der Weimarer Demokratie durch Hitler. Damals lauerten ganz andere Gefahren als heute. Aber eine Demokratie ohne wählende Demokraten birgt auch heute Risiken. Es wird an ihrer Legitimation genagt und nützt wieder den politischen Extremen. Deshalb ist Theodor Wolffs Appell von unveränderter Aktualität: „Geht hin und wählt!“

Es ist ja auch kein Zufall, dass Bundespräsident Joachim Gauck so eindringlich wie noch keiner vor ihm die Deutschen dazu aufruft, heute ihr freies Wahlrecht zu nutzen. Als ehemaliger DDR- Bürger habe er 50 Jahre alt werden müssen, ehe er zum ersten Mal in seinem Leben frei wählen durfte. Ihm seien Tränen über die Wangen gekullert, als er an jenem 18. März 1990 sein Wahllokal nach der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl verlassen habe.

Wieder zu pathetisch? Das kann nur meinen, dem freies Wählen und damit gesellschaftliche und politische Mitbeteiligung nie verwehrt wurden. Dem unwichtig oder gar lästig geworden ist, wofür anderenorts auf unserem Globus Menschen kämpfen, sogar ihr Leben lassen und wonach sich Millionen Unterdrückte sehnen.

Viele potenzielle Nichtwähler meinen, mit ihrer Stimme ohnehin nichts beeinflussen zu können, weil doch schon vor dem Urnengang alles klar sei. Welch ein Irrtum! Im Januar dieses Jahres waren es nur einige Hundert Stimmen, die in Niedersachsen die Wahl entschieden und zu einem Regierungswechsel führten. Bei der Bundestagswahl 2002 waren es rund 6000 Stimmen, die dem CDU/CSU-Kandidaten Edmund Stoiber fehlten, um Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu besiegen.

Auch heute soll es wieder knapp werden. Deshalb könnte es tatsächlich wieder auf jede Stimme ankommen, deshalb hat jeder Wahlberechtigte mehr Macht, als er vielleicht glaubt. Keiner sollte auf dieses Recht und diese Macht verzichten. Auch wenn sich die Zeiten gottlob geändert haben. Theodor Wolff behält recht: „Geht hin und wählt!“

>>>Nachrichten, interaktiver Stimmzettel, Kandidatencheck, Wahl-o-Mat und mehr – im Bundestagswahl-Special<<<