Bundestagswahl

Wie Berliner Politiker online um Stimmen kämpfen

Klick mir deine Stimme: Facebook, Google+, Twitter - die Wahlkämpfer aller Berliner Parteien haben sich auf die veränderte Mediennutzung der Deutschen eingestellt.

Foto: Linus Vollmar

Cornelia Ottos Handynummer lautet 0157-35756159, die Nummer steht auf ihrer Webseite www.Cornelia-Otto.de unter „Kontakt“. Wer die Nummer wählt, erreicht sie sofort. „Ich komme gerade von einem Interview und kaufe mir zur Belohnung etwas Süßes“, sagt sie, „aber wir können gern kurz reden.“

Die 38 Jahre alte Kandidatin der Piratenpartei steht auf dem ersten Listenplatz ihrer Partei in Berlin und führt ihren ersten Wahlkampf, mit allen Mitteln. Auch Online. „Ich habe Profile bei Twitter, Google Plus, Facebook, Flickr, Instagram und ich schreibe noch ein Blog.“ Das Bloggen komme gerade ein bisschen kurz, aber dass ihre Nummer im Netz stehe, das halte sie für normal. Schlechte Erfahrungen? Fehlanzeige.

Von 17 Bundestagswahlkämpfen mussten sich elf bisher nicht mit dem Internet auseinandersetzen. Seit den 90er-Jahren ist es aber mehr und mehr in den Alltag der Menschen gerückt, mit Smartphones auch in der Hosentasche erreichbar. Die Online-Medien und Sozialen Netzwerke sind inzwischen selbstverständliche Verbreitungswege, auch für die Botschaften der Parteien.

Selbst wenn die Kanzlerin das Internet vor einigen Wochen als „Neuland“ bezeichnet hat, ist auch ihre Partei längst dort vertreten. Gerade erst vergangene Woche musste Angela Merkel erfahren, wie auch ein klassisches Wahlkampfmittel wie ein Werbeplakat plötzlich zu einem Online-Gegenstand wird: Die Hände Angela Merkels sind plötzlich im Internet ein Hit, werden geteilt, verfremdet, versendet.

Kanzlerin Merkels Handhaltung

„Diese Handhaltung gehört nun einmal zu Frau Merkel“, sagt die Sprecherin der Berliner CDU, Gina Schmelter, „die Menschen kennen das an ihr und verbinden das schnell mit ihr.“ Sie könnte bei all den Späßen um dieses Plakat daher auch viel Positives entdecken. Dass sie im Internet kursieren, zeige doch das große Interesse an dieser Idee. „Das Plakat macht Angela Merkel noch präsenter.“

Darüber hinaus versucht die Berliner CDU schon lange, im Internet präsent zu sein. „Unsere Direktkandidaten haben entweder eigene Internetseiten oder sind online über den Internetauftritt ihres Kreisverbandes zu erreichen.“ Viele hätten zudem ein Facebook-Profil. „Darüber erreichen sie Anfragen, auf die sie direkt reagieren können.“ Wie netzkompetent die Berliner CDU ist, konnte man kürzlich in Zehlendorf sehen, als Justizsenator und Kreisverbandsvorsitzender Thomas Heilmann einige Zehlendorfer in Online-Sicherheit schulte. Dass Heilmann vor seiner politischen Karriere Online-Unternehmer war, hilft da.

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Doch genau in diesem Wahlkreis 79, Steglitz-Zehlendorf, hat auch die Berliner SPD mit Ute Finckh-Krämer eine netzaffine Kandidatin. Die 56-Jährige ist nicht nur Wikipedia-Autorin, sondern beschäftigte sich schon mit Datenschutz, als das Internet noch wirkliches „Neuland“ für alle war. „Wilhelm Steinmüller war bis zu seinem Tod einer meiner Freunde“, sagt sie, „ein Vordenker für informelle Selbstbestimmung, dessen Arbeit vom Bundesverfassungsgericht aufgegriffen wurde.“ Sie hat dessen Wikipedia-Eintrag am Tag seines Todes um das Datum ergänzt.

Zudem hat Finckh-Krämer auch Artikel über Datensicherung geschrieben und schon beim letzten Bundestagswahlkampf 2009 den Wahlkampf der SPD in Facebook betreut. „Das schwierige ist“, sagt sie, „dass man sich in der Sprache nicht zu sehr an die Unter-30-Jährigen anbiedern darf.“

Sie weiß auch, dass die SPD eine ganz ähnliche schlechte Erfahrung mit dem Netz machen musste, wie Angela Merkel und ihre Hände am Hauptbahnhof. Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte gerade den Slogan „Das WIR entscheidet“ vorgestellt, als die Berliner „tageszeitung“ auf dem Titel schrieb: „Zu blöd zum googlen“.

Die Zeitung hatte herausgefunden, dass dieser Slogan schon von einer Leiharbeitsfirma aus Süddeutschland verwendet wurde – und zwar seit Jahren. Darauf angesprochen sagte Steinbrück im ARD-Morgenmagazin: „Hätte hätte, Fahrradkette“ – und hat so unabsichtlich einen neuen Slogan geschaffen. Den Song, der daraufhin von einigen Satirikern zusammengestellt wurde, gibt es auf Youtube. Mehr als eine halbe Million haben ihn schon gesehen. Auch der Stinkefinger auf dem Cover des SZ-Magazins hat sich diese Woche rasant im Netz verbreitet.

Zielgruppe sind die jungen Erstwähler

Auch FDP-Kandidat Linus Vollmar gibt seine Telefonnummer schnell an Menschen weiter, die Kontakt zu ihm suchen. Auf Emails antwortet er bemerkenswert schnell. Der 19-Jährige tritt im jungen Stadtteil Pankow/Prenzlauer Berg an und kann Wahlkampf auch von seinem iPhone steuern. Wie die Piraten-Kandidatin ist er bei Facebook, Twitter, Google+ und zudem noch bei Xing und Myspace.

„MySpace ist nur für meinen Musikgeschmack“, sagt er. „Meine Zielgruppe sind die jungen Erstwähler“, sagt er, „deshalb stecke ich viel Energie in meinen Online-Wahlkampf.“ Selbst sein Wahlplakat ist mit einem Online-Wort versehen. Er war der erste mit „#Yolo“ auf dem Plakat. #Yolo bedeutet „You Only Live Once“, Du lebst nur einmal, und zusammen mit der Raute ist es ein Hashtag, also ein Wort, das bei Twitter an eine Nachricht angehängt wird.

Doch es geht auch ihm nicht nur um gute Sprüche auf den Flyern. Auf der Rückseite der Flyer sind die Positionen der FDP zu vielen Themen abgebildet und gerade zu Online-Themen hat die Partei viele neue Ideen beigetragen. Sie ist generell gegen die Überwachung des Netzes, was zum freiheitlichen Profil passt, und sich auch mit den Piraten, Grünen und Linken deckt.

Anders die CDU: „Das Thema Datensicherheit und Privatsphäre ist wichtig“, sagt Gina Schmelter von der Berliner CDU, „aber kein Hauptthema beim Wahlkampf in diesem Jahr.“ Es gebe Themen, die als aktueller und dringender wahrgenommen werden.

Die Piratin Cornelia Otto sieht das anders. „Wir versuchen, dass die Wähler ihre Zweitstimme für mehr Datenschutz geben“, sagt sie. „Bei der Demonstration für Datenschutz waren rund 7000 der 20.000 Demonstranten in Orange, der Piratenfarbe, in der Menge.“ Das sei aber in vielen Medien noch nicht angekommen. „Bei Diskussionen mit anderen Parteien habe ich schon festgestellt, dass manchen wirklich das Verständnis für das Internet fehlt“, sagt Cornelia Otto und spricht von Kandidaten, die in „gutem oder schlechten Datenschutz“ unterschieden. „Dann könnten sie genauso gut behaupten, es gebe ein W-Lan-Kabel!“

Dem Kandidaten der Grünen in Marzahn-Hellersdorf, Stefan Ziller, kommt es zugute, dass er Informatik studiert hat. „Meine Webseite habe ich komplett selbst gestaltet“, sagt er, „und auch sämtliche Änderungen mache ich selbst.“ Er kann auch sehen, wie häufig schon versucht wurde, die Webseiten der Grünen zu hacken. Das sei häufiger der Fall gewesen, auch seine Seite war Ziel von Cyberangriffen. „Aber ich habe im Wahlkampf gemerkt, dass sich vor allem jüngere Menschen darum sorgen, ob sie abgehört werden oder nicht.“ Das allerdings habe er bei Treffen mitbekommen, die Offline stattfanden, also nicht im Internet, zum Beispiel bei Diskussionsrunden in einem Gymnasium. „Je näher wir an den Wahltermin herankommen“, sagt Stefan Zille, „umso wichtiger sind solche richtigen Treffen mit den Wählerinnen und Wählern.“

Mehr Online, weniger Straße

Das ist etwas, dass alle Kandidaten feststellen. Sebastian Koch von der Partei „Die Linke“ sieht das aber ganz nüchtern als eine Folge der veränderten Mediennutzung. „In dem Maße wie die Nutzung der sozialen Medien in der Gesellschaft zunimmt“, sagt er, „wird auch die Relevanz des Onlinewahlkampfs zunehmen.“ Den Straßenwahlkampf werde er aber sicher nicht ersetzen können, nur gut ergänzen. Der netzpolitische Sprecher der Linken hat Techniksoziologie studiert, kennt sich in Online-Fragen gut aus – und ist selbst bestens vernetzt. Allein auf der Plattform Twitter folgen ihm über 1600 Menschen.

Sebastian Koch bestätigt, was die Kandidaten der anderen Parteien ähnlich erlebt haben. Videos funktionieren gut, wie das von Ute Finckh-Krämer und genau wie sie, pflegt auch Koch den aktuelle Blog der Partei und stellt regelmäßig Berichte und Bilder von Veranstaltungen ins Internet. „Wir haben ganz klar überwiegend positive Erfahrungen in den sozialen Medien gemacht“, sagt er. „Der direkte Kontakt und direkte Rückmeldungen von Nutzern ist für unsere Politik sehr wichtig.“ Zwar sei es auch vorgekommen, dass etwa Nazis oder sogenannte Trolls die Kommentarfunktionen für Hetze oder Beleidigungen genutzt hätten. Aber meist konnten solche Nutzer gesperrt werden.

Der Online-Wahlkampf wird noch bis zur letzten Sekunde parallel mitgeführt werden. Es wird verlinkt, veralbert und wenn Kandidaten im Fernsehen Fakten verbreiten, wird zur gleichen Zeit bei Twitter und Facebook live kommentiert und diese Fakten werden überprüft.

Doch wie wenig letztlich Klickraten etwas über den Wählerwillen aussagen, zeigt ein kleiner Test bei Facebook. Jede der sechs Parteien hat eine entsprechende Seite, doch nur wenige haben es zu vielen „Likes“ gebracht. Die SPD hat 54.000 Nutzer, die auf „Mag ich“ geklickt haben, die CDU fast 46.000, die Linke rund 40.000. Die Piratenpartei hat rund 30.000 „Likes“, die Grünen wiederum 42.000. Auf Twitter wurden aber gerade in dieser Woche erste Bilder von neuen Merkel-Kampagnen-Postern gesichtet. Darauf stand: #Yolo.

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