Kommentar

Peer Steinbrück und das Restzucken der Normalität

Ob Steinbrücks Finger die entscheidenden Prozente bringt, einige Krümel kostet oder völlig egal ist – wer weiß das schon. Autor Hajo Schumacher über die umstrittene Geste des SPD-Kanzlerkandidaten.

Problem-Peer? Supeer? Kaspeer? Wortspiele mit Namen gehören sich nicht, so lautet eine ewig gültige Regel für Journalisten, die hier nur aus dramaturgischen Gründen verletzt wird. Der Kanzlerkandidat der SPD reckte auf die Frage, wie er derlei Verballhornungen seines Vornamens finde, eine klare Antwort empor - den Stinkefinger. Die Regel dieses speziellen Interview-Typs besagt, dass der Befragte nur mit Gesten antworten darf. Insofern hat Steinbrück genau das getan, was das Land von ihm erwartete: Kante gezeigt.

Dass das Bild auf dem Titel landete war Steinbrück ebenso wurscht wie der Versuch seines Sprechers, das Foto zu verhindern. Das sei okay so, hat der Kandidat gesagt. Und er hat völlig Recht. Es ist beileibe nichts Schlimmes passiert in einem Land, dass die Pöbelei in U-Bahn, Fernsehen und auf dem Fußballplatz zum Volkssport erhoben hat. Auch ist der Wahlkampf mit diesem einen Bild nicht zur Clownerei verkommen.

Seit Monaten tingelt die Politik durch Bürgerversammlungen und TV-Studios, um sich durchaus ernsthaft mit Sachthemen auseinanderzusetzen. Wenn sich FDP-Chef Rösler und Linken-Chef Riexinger nun synchron empören, weiß Steinbrück: Er darf nicht nur, er muss eine solche Geste wagen, schon deswegen um die anbiedernden Wählerumschleimungen zu konterkarieren, die das Land seit Monaten lahmlegen.

Seit seiner Kandidatur werde ihr Mann in einer widerwärtigen Art verzeichnet, hat Gertrud Steinbrück unlängst beklagt. Das mediale Geiern nach der nächsten Panne hatte ja tatsächlich pathologische Züge angenommen. Peer Steinbrück gebührt Dank für sein Restzucken der Normalität, der Ironie, die offenbar doch in ihm wohnt.

Dass das Finale dieses Wahlkampfs eine Reihe von Merkwürdigkeiten produziert, hatte das Volk erst wenige Tage zuvor erlebt, als SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im Bundestag Mut zur Schräge zeigte und das Pipi-Langstrumpf-Lied anstimmte. Eierlikör am Rednerpult? Oder der ganze normale Wahnsinn namens Wahlkampf?

Die Kanzlerin lässt derweil ein Plakat von nordkoreanischen Dimensionen am Hauptbahnhof aufhängen, das ihr Markenzeichen zeigt, die zum Diamanten zusammengeführten Daumen und Zeigefinger, die man auch als Vorstufe der Tiefschlafphase interpretieren kann.

Mag Steinbrücks Stinkefinger auch einer speziellen Frage gegolten haben, so darf man den Hinweis durchaus etwas globaler verstehender. Der Finger kam von Herzen und war einer für alle: für die illoyale Parteiführung, die hysterischen Medienwelt, den politischen Gegner. Da hat sich einer Luft gemacht, der ohne diese Kandidatur eine halbe Million mehr an Vortragshonoraren kassiert hätte, mit seiner Gertrud jederzeit Scrabble spielen oder seine historischen Schiffsmodelle abstauben könnte.

Ob er Kanzler kann? Ob er Kanzler will? Das weiß Peer Steinbrück wahrscheinlich selbst nicht so genau. Ob der Finger nun die entscheidenden Prozente bringt, einige Krümel kostet oder am Ende völlig egal ist – wer weiß das schon. Die gute Nachricht lautet: Peer Steinbrück hat den Irrsinn namens Wahlkampf erstaunlich lässig überlebt.