Bundestagswahl 2013

Der erste Gewinner des TV-Duells in Berlin heißt Adlershof

Im Adlershofer Sendezentrum des Studio Berlin treffen Angela Merkel und Peer Steinbrück beim TV-Duell aufeinander. Die Firma kann nun einem Millionenpublikum ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Solch einen Großkampftag hat es noch nie gegeben für Studio Berlin. Am Sonntag steigt abends im großen Studio G im Adlershofer Sendezentrum das Kandidatenduell, als Publikum werden unter anderem 800 Journalisten zum Schlagabtausch zwischen Angela Merkel (CDU) und Peer Steinbrück (SPD) erwartet. Anschließend produzieren die Adlershofer die Nachlesen zum Duell mit Maybrit Illner aus dem Studio D, eine Stunde mit Stephan Raab aus dem Foyer Studio H und die Runde mit Günther Jauch aus dem Schöneberger Gasometer. Ganz nebenbei übertragen die Ü-Wagen von Studio Berlin auch noch das Leichtathletik-Istaf aus dem Olympiastadion und wie üblich die Spiele der Fußball-Bundesliga.

„Wir haben 150 feste und 350 freie Mitarbeiter im Einsatz“, sagt Mike Krüger, Geschäftsführer und wesentlich für die Produktionen zuständig. Für die Tochterfirma des dem Norddeutschen Rundfunk gehörenden Studio Hamburg bietet der Super-Sonntag eine gute Möglichkeit, aller Welt ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen. „2010 wären wir nicht in der Lage gewesen, ein solches Programm zu bewältigen“, sagte Goetz Hoefer, der andere Geschäftsführer von Studio Berlin.

Fernsehstandort geriet ins Straucheln

Krüger und Hoefer sind angetreten, den Betrieb am traditionsreichen früheren Sitz des DDR-Fernsehens im Berliner Südosten aus der Krise zu führen. Denn Überkapazitäten auf dem Studiomarkt in Deutschland, hohe Abschreibungen auf die 115 Millionen Euro, die Studio Hamburg über die vergangenen Jahre in Berlin investiert hat, und der Wegzug von Sat.1 aus der Hauptstadt haben dem Fernsehstandort Adlershof stark zugesetzt. „Wir mussten den Standort revitalisieren“, sagte Hoefer.

Mit dem Wechsel von Sat.1 2008/2009 nach München waren viele Kundenbeziehungen der Berliner abgebrochen. TV-Produktionen, die der Privatsender früher selbstverständlich an seinem Sitz abdrehen ließ, buchten jetzt andernorts ihre Studios. Die Adlershofer blieben zwar stark bei politischen Talkshows, weil die Teilnehmer schnell aus dem Regierungsviertel in die Maske kommen können. „Anne Will“, „hart aber fair“, „Eins gegen Eins“ und Jauchs Runde aus dem Gasometer werden regelmäßig von den Adlershofern produziert.

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Aber bei den großen Shows sah es schlecht aus. Aus Berlin selbst kommt da wenig. In Berlin sitzen zwar wichtige Produzenten von fiktiven Stoffen wie die Ziegler Film, aber Macher von Entertainment sind kaum in der Stadt ansässig, sondern eher in München, Köln oder Hamburg. Die Aufgabe vor allem für den 2009 zu Studio Berlin gekommenen und 2011 zum Geschäftsführer aufgerückten Krüger war daher klar. Er sollte einen neuen Kundenstamm akquirieren. „Die anderen müssen eine Motivation finden, in Berlin zu produzieren“, sagte der gebürtige Berliner Krüger, der lange für verschiedene Produktionsfirmen in Köln gearbeitet hat.

Dabei begegneten die Emissäre der Studio-Hamburg-Tochter einigen Vorbehalten. Einer betraf die Zuschauer, die zu Shows in die Studios geladen werden. Das Berliner Publikum hatte einen schlechten Ruf in der Branche. Kritischer, weniger begeisterungsfähig als die Menschen aus anderen Bundesländern seien die Hauptstädter, mäkelte die Branche. Das ist zwar im harten Konkurrenzkampf der Studiostandorte nur ein weiches Argument, aber auch das zählt.

„The Voice“ wird im Studio H produziert

Die Berliner reagierten und stellten eine Frau ein, die sich nur um das Casting der Zuschauer und um deren Wohlergehen vor und während der Sendung kümmert. Jetzt fühlten sich die Menschen wohl. „Und bei ,The Voice‘ sieht man ja, dass das Berliner Publikum auch begeisterungsfähig ist“, sagt Hoefer und nennt den größten Show-Erfolg von Studio Berlin, die Pro7-Casting-Sendung, bei der die beste Stimme Deutschlands gekürt wird. „The Voice“ wird inzwischen in der dritten Staffel mit Nena und The BossHoss im Studio H produziert.

„Wir haben in den Großstudios die Auslastung deutlich gesteigert“, sagte Hoefer, der früher in leitender Position beim Bauer-Verlag tätig war. In den schlechtesten Momenten der Krise, im März 2011, waren die Studios fast leer. Seitdem geht der Trend nach oben, obwohl es immer noch die branchentypischen Ausschläge nach oben und nach unten gibt. Im September und Oktober dieses Jahres meldet Studio Berlin fast eine Vollauslastung.

Und dabei ist das neue Geschäftsführer-Duo Hoefer/Krüger von der lange geltenden Politik abgerückt, die Kunden am liebsten in den eigenen Anlagen in Adlershof zu betreuen. Die Produzenten werden inzwischen dort bedient, wo sie das möchten, sei es im Gasometer oder an anderen Orten.

Glasfasernetze um das gesamte Gebäude

Um schneller und effizienter arbeiten zu können und eine Häufung von Ereignissen wie an diesem Sonntag zu bewältigen, haben die neuen Chefs das gesamte Studiogelände mit Glasfasernetzen verbunden. Neue Server wurden angeschafft, um die gewaltigen Datenpakete hin und her zu schieben, die die Kameras und Mikrofone in die Rechner einspeisen. Außerdem wurde die Regie 2 modernisiert. Jetzt sei es möglich, überall live zu arbeiten, sagen die Geschäftsführer.

Es sei nicht länger nötig, die Daten auf Bänder zu überspielen und später wieder einzuladen. Auch in bessere Tonqualität wurde investiert, für die Gesangsshow „The Voice“ ein bedeutsames Argument. Jetzt sei „zeitgemäßes Arbeiten“ in Adlershof möglich. Und Sicherheit und Schnelligkeit seien neben dem produktionstechnischen Know-how der 150 festen Mitarbeiter entscheidende Argumente beim Kampf um Kunden. Über den Preis könne das nicht gehen, sagte Hoefer. „Es wird immer jemanden geben, der gerade an diesem Wochenende ein Studio frei hat und es noch billiger macht“, beschreibt der Manager den Preiskampf in der krisengeschüttelten Branche der technischen Dienstleister.

Berliner schreiben rote Zahlen

Trotz aller Bemühungen stecken die Berliner ebenso wie ihr Mutterkonzern weiter in den roten Zahlen. Die hohen Abschreibungen belasten das Ergebnis. Die NDR-Tochter Studio Hamburg gibt zwar offiziell keine Zahlen heraus. 2012 verzeichnete der Konzern aber einen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe, nachdem bis 2009 die Zahlen stets positiv gewesen waren und die Zeichen unter dem früheren Präsidenten der Hamburger Bürgerschaft, Martin Willich, auf Wachstum standen. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Auch Fernsehmacher spüren den Druck des Internets und der bewegten Bilder, die sich eben auch viel billiger herstellen lassen als mit superteuren Kameras. Die Umstellung der Technik auf das HD-Format hat viel Geld verschlungen, ohne dass die Preise entsprechend angehoben werden konnten. Die Berliner, mit einem Umsatz von rund 25 Millionen Euro ein eher kleiner Akteur der Fernsehszene, halten sich wacker. „Wir haben kein Studio-Berlin-Problem, sondern ein Marktproblem“, sagte Hoefer. „Operativ funktionieren wir in einem schlechten Markt gut.“

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Weil aber die Perspektive ungewiss ist und niemand weiß, wann sich die unter Druck geratene TV-Produktionsbranche neu sortiert hat, sucht Studio Hamburg auf Geheiß des Gesellschafters NDR einen Teilhaber für seine Berliner Ableger. Die Belastung soll offenbar auf mehrere Schultern verteilt werden. Dass in der Hansestadt ein Verkauf von Studio Berlin geplant sei, wird dementiert.

Während Studio Berlin der deutschen Öffentlichkeit zum Kandidatenduell zeigt, was es kann, hängen sich auch andere an das überragende Interesse an dem Aufeinandertreffen von Kanzlerin und Herausforderer. Der Technologiepark Adlershof, der direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Studio Berlin mit neuen Firmenzentralen wächst, wirbt für sich auf großflächigen Plakaten als Deutschlands erfolgreichster Technologiestandort mit 945 Unternehmen, 17 wissenschaftlichen Einrichtungen, 8400 Studenten und 15.000 Beschäftigten. Zumindest für die Kanzlerin ist der Weg an den Sitz der früheren Akademie der Wissenschaften eine Art Heimkehr. „Hier um die Ecke“, heißt es auf einem der Plakate, „hat Angela Merkel ihre Dissertation erfolgreich verteidigt.“