Bundespolitik im Alltag

Türken müssen Deutsch können - Japaner nicht

Die Regeln des Staates für die Zuwanderung sind unter Neuköllner Türken umstritten. Und das aus einem Grund: Weil sie nicht für alle Nationen gelten.

Der Urlaub in Spanien war schön. Aber als Derya Caglar mit ihrer deutschsprachigen Ausflugsgruppe Sehenswürdigkeiten anschaute, hatte sie wieder so ein Erlebnis, das sie an der Idee der Integration zweifeln lässt. „Woher kannst du so gut Deutsch?“, fragte ein Mitreisender die junge Frau mit den dunklen Haaren. Caglar ist in Berlin geboren, hat studiert und ist Deutsche. „Ich war schockiert“, sagt sie.

Ein Neubau an der Neuköllner Karl-Marx-Straße: Derya Caglar sitzt mit ihren Mitstreitern vom Türkisch-Deutschen Zentrum (TDZ) in einem schmucklosen Besprechungsraum. Von der Wand grüßen Porträts von Atatürk, dem Gründer der Türkei, und Bundespräsident Horst Köhler. Die Männer und Frauen, die in diesem Bürgerverein zusammenkommen, würde man als „integriert“ bezeichnen. Sie haben Jobs, sind gebildet, sprechen die Sprache ihrer Vorfahren oft schlechter als Deutsch.

Sprachkenntnisse sind wichtig

„Wir als Migranten müssen uns anstrengen“, gibt der stellvertretende Vorsitzende des TDZ, Mustafa Akcay, die Devise aus. Deutschkenntnisse und Schulbildung seien unabdingbar für Integration. Sie allein reichten jedoch nicht immer aus. Das belege die hohe Zahl türkischstämmiger Akademiker, die aus Berlin nach Istanbul ziehen. „Offenbar fühlen sie sich hier nicht integriert“, sagt Erol Özkaraca, Rechtsanwalt. Vor 20 Jahren seien die Türken auch nicht integriert gewesen, erinnert sich Mustafa Akcay, der Älteste in der Runde. „Aber wir hatten Arbeit und galten deshalb nicht als Problem.“

In Neukölln wird sich entscheiden, ob die deutsche Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit ihren Zuwanderern findet. Und ob diejenigen „Ausländer“, die sich abschotten, dazu gebracht werden können, sich für das Berliner Gemeinwesen zu interessieren. „Nord-Neukölln wird in wenigen Jahren eine Migrantenstadt sein“, prophezeit Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Schon heute gebe es an vielen Schulen keine Kinder deutscher Herkunft mehr. Wenn bei „Integrationsgipfeln“ gesagt werde, wir seien in den Schulen weiter als vor zwei Jahren, „dann lacht sich jeder Lehrer in Nord-Neukölln tot“, meint er.

Die Leute vom Türkisch-Deutschen Zentrum sind überzeugt, dass die Bundesregierung gerade in Zuwandererregionen wie Neukölln helfen müsse. Öffentlich geförderte Jobs, Ganztagsschulen, Förderunterricht, junge motivierte Lehrer, Schulen als Familienzentren, aber auch muttersprachlichen Unterricht – türkisch oder arabisch – wünschen sie sich, auch staatlich organisierten islamischen Religionsunterricht.

Aus Buschkowskys Sicht ist der Bund in der Integrationspolitik „nur für die negativen Sachen“ zuständig. Dem Bürgermeister fehlen Sanktionsmöglichkeiten gegen Familien, die sich verweigern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken und sich nicht um die Werte der deutschen Gesellschaft kümmern. Das sehen sie auch im TDZ so. „Wenn ein Vater bestraft wird, der sein Kind schlägt, muss auch ein Vater bestraft werden, der sein Kind nicht zur Schule schickt“, findet Rechtsanwalt Özkaraca.

Der deutsche Staat baut nach ihrer Ansicht andererseits unnötige Hürden auf. Es sei unverständlich, warum Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft, die viele von ihnen ohnehin besitzen, anders als andere EU-Staaten nicht akzeptiert. Wenn sich jetzt die Jugendlichen für den deutschen oder den türkischen Pass entscheiden müssten, sei das „Blödsinn und verfassungswidrig“. Noch immer würden Menschen, die schon seit vielen Jahren in Berlin leben, abgeschoben. Wer seinen Unterhalt nicht allein finanzieren könne, werde aufgefordert, eine Arbeit zu finden, berichtet der Anwalt. Gelinge das nicht, würden sogar Witwen abgeschoben, die in Deutschland Kinder großgezogen haben. Auch wer seinen Ehepartner aus der Türkei nachholen will, muss einen Job nachweisen.

Erst mit 21 Türkisch gelernt

Viele türkische Einwanderer fühlen sich daher gegenüber Angehörigen anderer Nationen benachteiligt. Sie halten auch wenig von den neuen Sprachkursen, die Ehepartner in der Heimat ableisten müssen, ehe sie zur Familie nach Deutschland gelassen werden. „Ich nehme es nicht übel, dass ein Staat Rahmenbedingungen für Einwanderung setzt“, sagt Turgut Altug, ein Agrarwissenschaftler. „Aber Regeln sollten für alle gelten.“ Niemand verlange von Japanern oder Amerikanern, vor der Einreise zum Partner einen Deutschtest zu bestehen.

Dabei sind die Leute vom TDZ dafür, Neuankömmlinge zum Deutschlernen zu verpflichten. Der Verein ist einer der größten Anbieter von Integrations- und Alphabetisierungskursen in der Stadt. „Das geht hier in Deutschland viel besser als in der Türkei“, sagt Mustafa Akcay.

„Zuwanderung muss in Deutschland positiv besetzt werden“, sagt Ümit Baba. Sein Vater schickte ihn aus Neukölln nach Zehlendorf zur Schule. Erst mit 21 Jahren lernte er Türkisch. „Wir reintegrieren ihn jetzt hier“, sagt Nilgün Hascelik, die im Rathaus Neukölln Einwanderer berät.